Universelle Antikörper wirken möglicherweise gegen verschiedenste Coronavirus-Varianten. (Foto: IMAGO, imago images/Shotshop)

Medizin

Antikörper gegen alle Coronavirus-Varianten entdeckt

STAND
AUTOR/IN
Pascal Kiss
ONLINEFASSUNG
Ralf Kölbel

Ein Forschungsteam der University of Alabama hat einen ungewöhnlich effektiven Antikörper entdeckt, der alle Coronavirus-Varianten im Labor neutralisieren kann. Was nutzt die Entdeckung des Alleskönners im Kampf gegen Corona?

Audio herunterladen (2,7 MB | MP3)

Bisher scheint das Coronavirus uns immer ein Stück weit voraus zu sein. Antikörper-Medikamente und Impfstoffe verlieren mit den neuen Corona-Varianten an Wirksamkeit. Bis die Impfstoffe angepasst und zugelassen sind, dauert es im besten Fall Monate. Moderna und Biontech rechnen aktuell im Herbst mit ihren angepassten Impfstoffen. Das Anpassen kostet wertvolle Zeit. Bisher gibt es keine Allzweckwaffe, die bei allen Varianten gleich gut funktioniert. Ein Forschungsteam hat nun einen ungewöhnlich effektiven Antikörper namens 1249A8 entdeckt, der alle Varianten im Labor neutralisieren konnte.

Laborversuche an Mäusen und Hamstern

Er ist ein Top-Performer unter den Antikörpern, schreibt das Forschungsteam in einer Mitteilung. Sie sprechen also von einem Alleskönner. Wochenlang haben die Forschenden das Blutplasma von ehemaligen Covid-19-Patienten analysiert, immer auf der Suche nach einem möglichst wirksamen Antikörper gegen das Coronavirus. Und der neu entdeckte Antikörper überrascht im Labor. Er wirkt bei ersten Tests gegen alle besorgniserregenden Varianten, nicht nur in der Petrischale, sondern auch bei Tierversuchen: Mäuse und Hamster haben den neuen Antikörper bekommen, als Mix mit einem weiteren Antikörper.

Bislang wurde die Wirksamkeit der speziellen Antikörper gegen verschiedene Virusvarianten nur an Hamstern und Mäusen erforscht. (Foto: IMAGO,  imago images/YAY Images)
Bislang wurde die Wirksamkeit der speziellen Antikörper gegen verschiedene Virusvarianten nur an Hamstern und Mäusen erforscht. imago images/YAY Images

Forschende sehen großes Potential des Antikörpers 1249A8

Per Spritze oder Nasenspray haben die Tiere den Antikörper-Cocktail erhalten und sind dann mit dem Coronavirus benebelt worden. Der Antikörper-Mix konnte in dem Experiment die Viruslast bei den Tieren deutlich reduzieren. Sie sind nicht krank geworden. In Laborversuchen konnte der neue Antikörper auch ganz andere Coronaviren neutralisieren – wie das tödlichere SARS-CoV1-Virus mit einer noch höheren Fall-Sterblichkeit. Auch deswegen bezeichnet das Forschungsteam den Antikörper als Top-Performer. Sie hoffen sogar, dass der Antikörper auch zukünftige neue Virusvarianten genauso gut erkennt. Dann wäre der Antikörper ein echter Game Changer, revolutionär. Tatsächlich bietet die Entdeckung des neuen Antikörpers laut dem Forschungsteam der University of Alabama großes Potential, doch bisher ist der Antikörper nur in Tierversuchen getestet worden.

Universelle Antikörper könnten besser vor neuen Virusvarianten schützen.  (Foto: IMAGO, IMAGO/Shotshop)
Universelle Antikörper könnten besser vor neuen Virusvarianten schützen. IMAGO/Shotshop

Zulassung könnte noch Jahre dauern

Die Ergebnisse sind ungewöhnlich, aber ein Stück weit können die meisten Antikörper verschiedene Virusvarianten immer erkennen. Die Frage ist nur wie gut und tatsächlich scheint der gefundene neue Antikörper ein wirklicher Alleskönner zu sein. Aber das heißt noch nicht, dass er langfristig auch Menschen besser vor den besorgniserregenden Corona-Varianten schützt.

Aktuell entwickelt das Forschungsteam zusammen mit dem kalifornischen Unternehmen Aridis Pharmaceuticals daraus ein Antikörper-Medikament für den Menschen. Das Medikament soll später inhaliert werden, noch fehlen aber klinische Studien. Auch die Impfstoff-Forschung könnte von der Entdeckung rund um den neuen Antikörper profitieren. So könnte der Impfstoff so designt werden, dass das Immunsystem diesen effektiven Antikörper selbst herstellt. Bis zur Zulassung dauert es dann aber nicht Monate, wie bei den bisherigen Corona-Impfstoffen, sondern eher Jahre.

Biontech und Moderna arbeiten auch an Impfstoffen, die zu einer breiten Immunantwort führen. Der sogenannte bivalenten Impfstoff besteht aus dem schon zugelassenen Impfstoff gegen den Wildtyp des Coronavirus und aus einem angepassten Omikron-Impfstoff. Außerdem hat Biontech angekündigt, einen universellen Impfstoff zu entwickeln, der möglichst gegen alle Varianten schützt, auch möglichst gegen zukünftige Coronaviren. Wann dieser Impfstoff zur Verfügung stehen könnte, ist aber noch nicht bekannt.

Mit Blick auf die aktuelle Pandemie könnte also vor allem ein neues Antikörper-Medikament entstehen, das Risikopatienten schützt. Dann müsste sich aber auch erst zeigen, ob der Antikörper nicht doch schwächer wird, falls sich das Coronavirus mit der Zeit möglicherweise weiter an uns anpasst. Bleibt der Antikörper bei seiner Stärke, könnte das Wissen langfristig noch wichtig werden - für neue Pandemien mit neuen Coronaviren, die jederzeit eintreten können. Das Wissen könnte dann für neue Impfstoffe genutzt werden. Jetzt muss sich der vermeintliche Top-Performer unter den Antikörpern aber erstmal in den klinischen Studien für ein neues Antikörper-Medikament beweisen.

Mit einem neuen Antikörper-Medikament könnten möglicherweise vor allem Riskopatient*innen vor schweren Verläufen einer Coronainfektion geschützt werden. (Foto: IMAGO, imago images/CHROMORANGE)
Mit einem neuen Antikörper-Medikament könnten möglicherweise vor allem Riskopatient*innen vor schweren Verläufen einer Coronainfektion geschützt werden. imago images/CHROMORANGE

Mehr zum Thema

Kommentar Warum wir die Corona-Isolationspflicht nicht abschaffen dürfen

Vielerorts keine Masken mehr und jetzt soll auch die Quarantänepflicht weichen, zumindest wenn es nach dem Chef der Kassenärztlichen Vereinigung geht. Warum das eine schlechte Idee ist – ein Kommentar.  mehr...

Corona-Pandemie Für wen ist eine vierte Corona-Impfung sinnvoll?

Auch Menschen unter 60 Jahren sollen sich laut Gesundheitsminister Lauterbach ein viertes Mal gegen das Corona-Virus impfen lassen. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC und die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfehlen hingegen die zweite Booster-Impfungen für Personen ab 60 sowie für Vorerkrankte.  mehr...

Corona-Pandemie Omikron-Variante erreicht Deutschland: Was wir über BA.2.75 wissen

In Indien treibt sie die Infektionszahlen nach oben und auch in Deutschland ist die Omikron-Subvariante BA.2.75 schon angekommen. Sie sollte gut beobachtet werden, warnen Experten.  mehr...

Corona-Pandemie Studie: Corona bleibt bei Kindern oft unbemerkt

Eine großangelegte Studie zeigt, dass viele kleinere Kinder wohl mit Corona infiziert waren, ohne es zu merken.  mehr...

Long Covid nach Impfung Corona-Impfung: Wie verbreitet ist das Post-Vac-Syndrom?

Krank durch Corona-Impfung: Wer unter dem seltenen „Post-Vac-Syndrom“ leidet, erlebt Kopfschmerzen, Atemnot und zum Teil auch schwerwiegendere Nebenwirkungen. Was weiß man darüber?  mehr...

Coronavirus-Varianten Reinfektion mit Omikron: wie gefährlich ist das?

Immer mehr Menschen infizieren sich ein zweites Mal mit dem Coronavirus. Warum ist das so? Wie gefährlich ist das? Und wie sehr schützt die vierte Impfung?  mehr...

STAND
AUTOR/IN
Pascal Kiss
ONLINEFASSUNG
Ralf Kölbel