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Dirndlausschnitt

Vom Schmuddelkittel zum Trendgewand Im Traditionen-Check: Das Dirndl

Manche Requisiten unseres Lebens halten wir für traditionsbeladen und urtümlich. Viele davon sind es aber gar nicht. Wir haben das Dirndl dem nicht ganz ernst gemeinten Traditionen-Check unterzogen.

Das Dirndl ist für den durchschnittlichen  Bayer eine Projektionsfläche und hat denselben Stellenwert wie –sagen wir- die Jeans für junge hippe urbane Leute. Das Dirndl ist erstens aufgeladen mit Erotik pur, darauf setzen zumindest Oktoberfestbesucherinnen - und besucher:

„Wenn ich mir ein Dirndl kaufe, muss es Liebe auf den ersten Blick sein“.

Dirndl gilt als urbayerisch

Das Dirndl ist zweitens aufgeladen mit bayerischer Geschichte, mit Tradition. Das besang nicht nur Schunkelsänger Karl Moik:

„Schönes Dirndl, wie geht es dir?"

Zwei Frauen im Dirndl.

Dirndl sind eine Herzenssache

Das Dirndl steht für das Bayerische schlechthin, für jene rustikal, brachial daherkommende, ignorant und starrköpfig  wirkende Mentalität, die ihre Wurzeln in tiefer dunkler bayerischer Vorgeschichte hat, als alle Bayern noch in Lederhosen und alle Bayerinnen im Dirndl durch die bäuerliche Landschaft liefen. Denn das Dirndl scheint aus grauer Vorzeit zu kommen, man assoziiert mit ihm reines Landleben, das irgendwo im Mittelalter angesiedelt ist.

Das alles kann man getrost vergessen:

Dirndl war Arbeitskleidung von Dienstbotinnen in der Stadt

Denn: Das Dirndl ist nicht alt, es hat keinen tiefen Background, sondern kommt geradewegs aus der Neuzeit, kurz mal um die Ecke gebogen, schon war es da. Im 19. Jahrhunderts keimt beim städtischen Bürgertum die Sehnsucht nach dem Landleben auf, man fühlt sich von den urwüchsigen Alpen angezogen, und das ist die Geburtsstunde des Dirndl. Die neuen Alpentouristinnen aus der Stadt ziehen ab 1850 die einfachen Arbeitskittel ihrer weiblichen Dienstboten über und: Schon fühlen sie sich naturwüchsig, archaisch, ländlich. Schön!

Kostüm- und Konzertgesellschaft Alpenrose 1902.

Kostüm- und Konzertgesellschaft Alpenrose 1902- aus der SWR/BR Sendung UNSERE TRACHT UND DIE MACHT


Vom Arbeitskittel zum Trendgewand

Die Vorstellung eines sehr alten authentischen bäuerlichen Dirndlstils ist also grundlegend falsch. Und das mit dem Oktoberfest ist auch zu korrigieren: Denn der spezifische Dirndllook konnte sich erst 1970 auf dem Münchner Oktoberfest durchsetzen – also auch hier nix mit Geschichte, mit Tradition….

Junge Oktoberfest-Besucherinnen

Im Dirndl läßt sich gut feiern

Das Fazit unseres Checks: Das Dirndl ist im Grunde eine Tradition ohne Tradition, es ist eine Mode aus der Stadt, nicht mal 180 Jahre alt, es ist eine Adaption  der Dienstbotenkleidung aus dem 19. Jahrhundert – Leibchenrock mit Unterhemd und Schürze-  und deshalb hat es sich gewandelt vom Arbeitskittel zum Trendgewand. Das Dirndl ist also genau genommen eine Kopfgeburt!