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Telemedizin ist in anderen Ländern wie hier in der Schweiz verbreiteter als in Deutschland

Ärztetag macht Weg frei für Fernbehandlungen Online-Sprechstunden künftig möglich

Von Ulrike Till

Ärzte können Patienten künftig auch per Telefon, Online-Chat oder Video-Schalte beraten - jedenfalls in bestimmten Fällen. Dazu hat der Deutsche Ärztetag heute das Fernbehandlungsverbot gelockert. Was das bedeutet, zeigt ein Pilotprojekt in Baden-Württemberg, das dem Beschluss vorausgegangen war.

Auch in Deutschland wird damit möglich, was es in der Schweiz und Schweden bereits gab. Die Bundesärztekammer betont: Digitale Techniken soll die ärztliche Tätigkeit unterstützen. Sie darf aber nicht die notwendige persönliche Zuwendung ersetzen, erklärte Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Kammer.

Klar ist für den Ärztetag aber auch: Eigenständige telemedizinische Angebote, etwa durch kommerziell betriebene Callcenter
soll es nicht geben.

Online-Sprechstunde: Pilotprojekt in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg hatte die Regeln für ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt schon gelockert: hier ist die Erstdiagnose per Telemedizin für Privatpatienten seit Anfang des Jahres möglich; gerade hat auch ein Testangebot für gesetzlich Versicherte begonnen: erst mal allerdings nur in Stuttgart und Tuttlingen. Wie soll das funktionieren? Und wo liegen die Grenzen?

Telemedizin ist in Deutschland erlaubt – bisher allerdings nur, wenn Arzt und Patient sich schon kennen. Eine Diagnose ohne jeglichen direkten Kontakt ist verboten – bis heute war die einzige Ausnahme das Pilotprojekt "Fernbehandlung" in Baden-Württemberg.

3:57 min | Di, 8.5.2018 | 18:45 Uhr | Landesschau Baden-Württemberg | SWR Fernsehen BW

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Medizinische Fernbehandlung

Telemedizin - Virtueller Arztbesuch

Reporter: Daniel Günther

Wenn der Bildschirm zum Wartezimmer wird: Bei der Telemedizin kontaktieren Patienten einen Arzt über ein medizinisches Callcenter. Wie funktioniert eine solche Online-Sprechstunde?

Beratung per Telefon oder Video

Seit Januar darf der Münchner Anbieter "teleclinic" Patienten im Rahmen des Projekts telefonisch oder per Video behandeln. Zum Beispiel, wenn sie schwer erkältet sind. Ob es nur ein Infekt oder eine echte Influenza ist, lässt sich auch von weitem herausfinden, versichert der medizinische Leiter des Portals, Professor Reinhard Meier.

Ein Ansprechpartner in der Hosentasche soll es sein, der Arzt als App – rund 1000 Privatpatienten in Baden-Württemberg haben den Service in den ersten drei Monaten genutzt. Seit Mitte April gilt das Angebot in den Modellregionen Stuttgart und Tuttlingen auch für gesetzlich Versicherte aller Kassen.

Digitale Sprechstundenhilfe

Die kassenärztliche Vereinigung nennt ihr Projekt "docdirect", die technische Infrastruktur stellt die Münchner "teleclinic". Der Zugang ist denkbar einfach: Kassenpatienten rufen bei "docdirect" an, geben ihre Versicherungsdaten an – und dann kann es schon losgehen.

Erst mal nimmt eine Art digitale Sprechstundenhilfe mit medizinischem Training die Anfrage auf und leitet sie an einen geeigneten Arzt oder Ärztin weiter. Er oder sie meldet sich dann möglichst bald in der gewünschten Form beim Patienten. Jeder zweite Kranke muss allerdings nach dem virtuellen Arztgespräch doch noch zu einem Mediziner vor Ort, so die Zwischenbilanz von Reinhard Meier.

Ein junger Arzt sitzt vor einem Laptop mit einem Block und einem Stift und tippt auf den Bildschirm

Die Telemedizin bietet viele Chancen

Präferenzen je nach Alter

Damit Patienten nicht ewig auf einen Termin warten müssen, gibt es sogenannte Portalpraxen, die mit "teleclinic" und "docdirect" zusammenarbeiten. Dort sollen Kranke sich noch am selben Tag vorstellen können.

Die ersten Erfahrungen zeigen: Jüngere Patienten rufen oft wegen ihrer kranken Kinder an; die über 50-jährigen melden sich wegen eigener Gesundheitsprobleme. Wer älter ist, nutzt eher das Telefon, jüngere bevorzugen digitale Kanäle. Gefragt wird alles, womit Patienten sonst zum Hausarzt gehen.

Versicherungen sparen

In vielen Fällen müssen die Kassen die Fernbehandlung und einen weiteren Arztbesuch bezahlen. Vermutlich ist das am Ende trotzdem günstiger: In der Schweiz sparen Versicherungen, die mit dem größten eidgenössischen Telemedizin-Anbieter "Medgate" zusammenarbeiten, zwischen 12 und 17 Prozent der Kosten für die ambulante Behandlung.

Denn am teuersten sind überflüssige Besuche der Notaufnahme – und die könnten sich mit Hilfe von Fernbehandlung reduzieren lassen. Entscheidend ist die Qualität der Diagnose, sagt der Tübinger Internist Professor Baptist Gallwitz.

Arzt mit Kittel und Akte

Die elektrische Patientenakte könnte dazu beitragen, dass die Telemedizin auch in der Praxis funktioniert.

Elektronische Patientenakten

Denn wichtig ist natürlich, dass der Patient in der Lage ist, seine Beschwerden genau zu schildern. Eine elektronische Patientenakte könnte hier zusätzlich helfen, sagt Gallwitz.

Noch aber steckt die elektronische Patienten-Akte in den Kinderschuhen, das Projekt kommt seit Jahren kaum voran. Manche Mediziner haben auch grundsätzliche Bedenken gegenüber der Fernbehandlung.

Ob das Pilotprojekt Fernbehandlung ein Erfolg wird, hängt entscheidend davon ab, wie viel die Tele-Ärzte dürfen: Krankschreibungen zum Beispiel sind erst mal nicht gestattet, die Verhandlungen laufen. Und Rezepte sind bisher nur für Privatversicherte möglich – sie gehen elektronisch an eine Wunsch-Apotheke vor Ort.

Chancen für die Fernbehandlung

Bei Kassenpatienten dauert dieser Service noch. Auf jeden Fall gelten gewisse Einschränkungen, sagt Reinhard Meier, medizinischer Leiter der "teleclinic" – Missbrauch von Arzneimitteln soll nicht möglich sein.

Baptist Gallwitz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Diabetes, sieht durchaus Chancen für die Fernbehandlung – den Hausarzt ersetzen kann das Angebot für ihn aber nicht, ganz im Gegenteil. Doch trotz aller Bedenken lohne es sich, Vor- und Nachteile der Ferndiagnose jetzt einfach mal zu testen.