Bildung

Studieren während der Corona-Pandemie: Auf Selbststeuerung kommt es an!

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Seit fast zwei Semestern findet Studieren an den Unis online statt. Doch Studieren unter Corona-Bedingungen bringt Probleme und Herausforderungen mit sich. Ein Gespräch mit Frank-Hagen Hofmann, leitender Psychologe der Psychosozialen Beratungsstelle für Studierende des Studierendenwerks Heidelberg.

Welche Anliegen haben Studierende während des digitalen Semesters?

Im Wesentlichen sind das die Anliegen, die es vor Corona auch schon gab. Also depressive Symptome, vielfältige Ängste und Partnerschaftskonflikte. Neu hinzugekommen sind jetzt Zukunftssorgen im Hinblick auf Jobs und Praktika – die notwendig sind, aber nicht stattfinden oder nicht in der Form stattfinden können. Sehr deutlich sehen wir Fragen zur Stressbewältigung und Erschöpfungszuständen. Die Leute haben Schwierigkeiten, mit den ganzen Unsicherheiten zurechtzukommen, weil im Moment sehr viel ungewiss ist.

Was erleben Studierende als besonders belastend?

Ich glaube, es ist der Verlust von sozialen Kontakten, von gemeinschaftlichen Veranstaltungen, von Treffen und von Konzerten. Dinge die eher im sozialen Bereich verortet sind – wo einfach sehr viel Schönes nicht passieren kann, was üblicherweise einen großen Teil der Freizeit eingenommen hat.

Die Corona-Pandemie hat den Alltag vieler Studierenden damatisch verändert.  (Foto: imago images, imago images / Westend61)
Die Corona-Pandemie hat den Alltag vieler Studierenden damatisch verändert. imago images / Westend61

Trifft die Homeoffice-Situation Studierende mehr als Arbeitnehmer im Büro?

Ob sie die Situation mehr trifft, weiß ich nicht. Sie trifft Studierende aber schon auch anders. Wenn man sich überlegt, mit was die Studenten konfrontiert sind, dann sind das einfach andere Herausforderungen als beim typischen Arbeitnehmer. Das gilt natürlich auf der einen Seite für die räumliche Situation, die es schwierig machen kann, wenn sie ein kleines WG-Zimmer haben, in dem alles stattfinden muss. Das ist was anderes als eine ausreichend dimensionierte Wohnung mit vielleicht mehreren Räumen, wo sie einigermaßen ungestört sein können.

Frau vor Laptop unterhält sich  (Foto: imago images, imago images / Westend61)
Vor allem in WG's kann konzentiertes Arbeiten schwierig werden. Da ist Selbstdisiplin gefragt. imago images / Westend61

Sie haben auch bei den Aufgaben Unterschiede. Die sind oft weniger klar definiert. Es gibt keine klaren Arbeitszeiten und insgesamt, glaube ich, sind die Anforderungen an die Selbststeuerung für Studierende ein bisschen größer als die der Arbeitnehmer.

Was kann Studierenden im digitalen Studienalltag helfen?

Das beginnt damit, überhaupt erst mal zu akzeptieren, dass Dinge jetzt anders sind als sie es davor waren. Gerade wenn Sie zum Beispiel den Studienstart ansprechen. Da haben viele Erstsemester oder überhaupt viele Studierende eine ganz andere Vorstellung davon gehabt, was das Studentenleben eigentlich ausmacht. Sie können also zuerst damit starten, die Situation als solche hinzunehmen – ohne die vielleicht gut zu finden – aber zumindest anzuerkennen und von da aus zu planen.

Ein anderer wesentlicher Punkt ist, sich klar zu machen, was der Lockdown bedeutet – und zwar vor allem einen Verlust an gewohnter Struktur und damit die Notwendigkeit, dass wir uns diese Struktur selbst bauen müssen, indem wir verschiedene Ankerpunkte über den Tag hinweg definieren, Zeiträume schaffen und Tätigkeiten in diese Zeiträume reinlegen. Was vorher beispielsweise Präsenzzeiten in der Universität festgelegt haben oder Arbeitszeiten im Büro, das müssen wir jetzt aktiv machen.

Wie können Studienanfänger den speziellen Studienstart bewältigen?

Die zentrale Herausforderung für den Studienstart in dieser Zeit ist es, dass die Studierenden sehr, sehr aktiv sein müssen und sich sehr aktiv um Dinge kümmern müssen. Beim Präsenzbetrieb gibt es viele Möglichkeiten für den informellen Austausch mit den Kommilitonen oder mit den Lehrkräften. Und das fällt jetzt weg, weil man die fünf Minuten vor oder nach einer Vorlesung nicht hat. Das heißt, Studierende müssen sich sehr bewusst sein, welche Informationen sie brauchen, diese auch aktiv suchen und aktiv nachfragen.

Studierende auf dem Campus (Foto: imago images, imago images / Felix Abraham)
Bis ein normales Studentenleben am Uni Campus möglich ist, könnte es noch einige Zeit dauern. Aber es gibt Möglichkeiten, den Alltag am Studienort trotz der Pandemie gut zu meistern. imago images / Felix Abraham

Gleichzeitig denke ich aber auch, dass sie dieses Studium gut starten können. Und viele kriegen das ja auch gut hin, wenn sie gezielt nach den Chancen schauen. Danach schauen, was es zu tun gibt. Sie sollten nicht bei dem verharren, was jetzt nicht geht und das irgendwie betrauern – sondern einfach gucken: Welche Möglichkeiten habe ich trotzdem, die Stadt beispielsweise kennenzulernen, wenn es keine Erstsemesterpartys gibt? Wie finde ich mich da zurecht? Wie kann ich anfangen, hier Wurzeln wachsen zu lassen? Was gibt es hier für schöne Orte? Und sich eben von diesen traditionellen Vorstellungen des Studentenlebens erstmal zu lösen – vielleicht diese auch zu verschieben auf das zweite oder dritte Semester. Dann haben alle anderen, die jetzt mit ihnen begonnen haben, genau dieselben Herausforderungen.

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