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Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zeigt: Reisebeschränkungen sind wirksame Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

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Länder, die früh auf Reisebeschränkungen gesetzt haben, hatten in der ersten Welle eine geringere Sterblichkeitsrate als jene, die erst spät oder gar nicht die Verbindungen nach China oder Italien kappten.

Grenzen schließen ist naiv, das Virus wird trotzdem kommen – so lautete lange Zeit die politische Annahme, die die WHO, die EU, Deutschland und andere Ländern bis Mitte März wie ein Mantra wiederholten. Erst dann führten sie Reisebeschränkungen ein. Doch es gibt Staaten, die schon früh Reisebeschränkungen vor allem für Menschen aus China und Italien erlassen haben.

Eine neue Studie zeigt: Reisebeschränkungen können durchaus ein wichtiges Element im Kampf gegen die weitere Verbreitung des Coronavirus sein. (Foto: Imago, imago images/Christian Ohde)
Eine neue Studie zeigt: Reisebeschränkungen können durchaus ein wichtiges Element im Kampf gegen die weitere Verbreitung des Coronavirus sein. Imago imago images/Christian Ohde

Geringere Sterblichkeitsrate durch frühere Reisebeschränkungen

Der Direktor des Wissenschaftszentrums Berlin, Ruud Koopmans, hat nun untersucht, welchen Einfluss Reisebeschränkungen auf die Ausbreitung des Coronavirus haben. Genauer gesagt hat er anhand von Daten aus 181 Ländern erforscht, wie internationale Reisebeschränkungen und Covid-19-Sterblichkeitsraten zusammenhängen.

Sein Fazit ist, dass frühzeitige Reisebeschränkungen eine sehr wirksame Maßnahme sind, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen und die durch Covid-19 verursachten Todesfälle niedrig zu halten. Länder, die bereits im Februar oder Anfang März Einreisebeschränkungen verhängten, hatten bis zur Jahresmitte deutlich weniger Corona-Tote zu beklagen.

Länder, die früh vor allem die Einreise aus China und Italien beschränkt haben, hatten deutlich weniger Corona-Erkrankte und -Tote zu beklagen. (Foto: Imago, imago images/photo2000)
Länder, die früh vor allem die Einreise aus China und Italien beschränkt haben, hatten deutlich weniger Corona-Erkrankte und -Tote zu beklagen. Imago imago images/photo2000


Tourismus verbreitet auch Viren

Für die Studie hat Koopmans soziologische Theorien der Netzwerkdiffusion auf die Verbreitung von Covid-19 angewandt. Demnach ist es sehr wichtig, schwache Verbindungen - im Coronafall sind das Reisen ins Ausland – zu kappen, um die Verbreitung des Virus aufzuhalten. Länder, die das früh gemacht haben, hatten die niedrigsten Covid-19 Todeszahlen.

Insgesamt ist es so, dass Länder, die viele internationale Reisende anziehen, wie Frankreich, Italien und die USA – deutlich mehr Todesfälle in Folge von Covid-19 hatten. Länder mit weniger internationalem Tourismus oder Inselstaaten haben wesentlich niedrigere Sterblichkeitsraten.

Die Schattenseiten unserer Mobilität und Reisefreudigkeit: Viren können sich besser verbreiten. (Foto: Imago, imago images/Future Image)
Die Schattenseiten unserer Mobilität und Reisefreudigkeit: Viren können sich besser verbreiten. Imago imago images/Future Image

Geringere Sterblichkeit durch frühe Reaktion auf Pandemie

Dabei ist die Wirkung von Einreiseverboten oder Quarantänevorschrift für Einreisende umso besser, je früher ein Land reagierte. Wichtig war, dass Reisebeschränkungen zu einem Zeitpunkt verhängt wurden, als die lokale Verbreitung des Virus noch überschaubar war.

Das sieht man deutlich beim Vergleich der Länder, die bis Anfang März Reisebeschränkungen einführten, mit denen, die das erst ab Mitte März oder gar nicht taten. Die Sterblichkeit lag bei denen, die früh reagierten, um geschätzt 62 Prozent niedriger ist als in der zweiten Gruppe mit den Ländern, die erst spät Reisebeschränkungen einführten.

Früh reagierten zum Beispiel Australien, Israel und Tschechien. Spät reagierten etwa Großbritannien, Frankreich und Brasilien. Deutschland steht so im Mittelfeld - reagierte auch eher spät.
Am besten wirkten Reisebeschränkungen, wenn die Länder sie einführten, bevor in einem Land der zehnte Todesfall durch Covid-19 erreicht wurde. Wenn die Pandemie lokal also noch übersichtlich schien.

Intensivbett (Symbolbild) Wenn es zu viele Corona-Infizierte mit schweren Verläufen gibt, könnte das Gesundheitssystem irgendwann überlastet sein. (Foto: Imago, imago images/Max Stein)
Wenn es zu viele Corona-Infizierte mit schweren Verläufen gibt, könnte das Gesundheitssystem irgendwann überlastet sein. Imago imago images/Max Stein

Reisebeschränkungen könnten bevorstehende Corona-Wellen eindämmen

Der Soziologe warnt, dass viele Länder diese Maßnahme zur Einschränkung von weit entfernten Kontakten bisher stark unterschätzen würden. Gerade Länder, die aufgrund ihrer zentralen Bedeutung in Flugliniennetzen und hohen Touristenströmen viele internationale Reisende hätten, sollten sich bewusst sein, dass sie ein sehr hohes Risiko für frühzeitige und vielfache Virusausbreitung aus pandemischen Quellregionen haben.
Koopmans fordert daher, Reisebeschränkungen sollten wichtiger genommen werden. Sie seien auch sinnvoll zur Eindämmung bevorstehender Wellen der aktuellen Pandemie.

Urlaub in Zeiten von Corona? Vielleicht keine so gute Idee... (Symbolfoto) (Foto: Imago, imago images/photo2000)
Urlaub in Zeiten von Corona? Vielleicht keine so gute Idee... Imago imago images/photo2000

Verpflichtende Quarantäne wirksamer als Einreiseverbote

Wichtig auch: Die Studie liefert Hinweise darauf, dass verpflichtende Quarantäne für Einreisende mehr Wirkung hatte als Einreiseverbote. Der Grund dafür ist vermutlich, dass es bei Einreiseverboten oft Ausnahmen für bestimmte Personengruppen gibt. Quarantänemaßnahmen galten dagegen in der Regel für alle Einreisenden.
Und die Studie zeigt auch, dass gezielte Reisebeschränkungen (hier gemessen an Einreiseverboten und Quarantänen für Reisende aus China und Italien) effizienter waren als Beschränkungen, die auf alle ausländischen Länder abzielten.

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