Frau und Mann streiten sich

Phonetik

Klingt Fluchen überall gleich?

Stand
AUTOR/IN
Annemarie Neumann

Sanfte Laute und Fluchen? Forschende fanden in einer neuen Studie heraus, dass der Klang bestimmter Laute und damit die Auswahl der Buchstaben entscheidend bei der Wahrnehmung von Schimpfwörtern ist.

Man könnte meinen, Schimpfen und Fluchen hängt von der jeweiligen Sprache ab. Doch es gibt in den unterschiedlichsten Sprachen Gemeinsamkeiten. Laut einer kürzlich in der Zeitschrift „Psychonomic Bulletin & Review“ veröffentlichten Studie sind nämlich nicht alle Laute gleichermaßen für Schimpfwörter geeignet.

Den Fokus legten die Forschenden der University of London dabei auf die sogenannten Approximanten, zu welchen die Laute „l“, „r“, „y“ und „w“ zählen. Denn diese scheinen weniger obszön und beleidigend auf Zuhörerinnen und Zuhörer zu wirken.

Weit geöffneter Mund
Bei den Approximanten kann die Luft sanft und gleichmäßig durch den Mundraum strömen, zum Beispiel das "w" in "where". Die approximativen Laute sind meistens Konsonanten.

Die Studie besteht aus drei Teilen – einer Pilotstudie, der Studie 1 und der Studie 2. Im Gesamten zielt die Studienreihe darauf ab, ob Klangsymbolik mit für die Wirksamkeit von Schimpfwörtern verantwortlich ist.

Gibt es Muster bei Schimpfwörtern der eigenen Sprache?

In der Pilotstudie wurde untersucht, ob es in unterschiedlichen Sprachen Regelmäßigkeiten oder phonemische Muster bei Schimpfwörtern gibt, also ob bestimmte Laute unter- oder überrepräsentiert sind. Dazu wurden jeweils 20 fließend sprechende Personen der Sprachen Hebräisch, Hindi, Ungarisch, Koreanisch und Russisch nach den vulgärsten Wörtern der eigenen Sprache befragt. Alle Teilnehmenden sollten mindestens fünf Wörter nennen. Wurde ein Wort mehr als einmal in der jeweiligen Sprache genannt, wurde es in einem zweiten Schritt von 20 weiteren Personen der gleichen Sprache zu Anstößigkeit und Häufigkeit der Verwendung bewertet und dementsprechend als Schimpfwort eingestuft oder nicht.

Insgesamt sind pro Sprache am Ende 14 bis 34 Schimpfwörter und -sätze identifiziert worden, die dann auf unterschiedliche phonemische Gruppen hin analysiert wurden. Die Autoren Lev-Ari und McKay entdeckten, dass die Gruppe der Approximanten eher unterrepräsentiert ist.

Wann klingt ein Wort nach einem Schimpfwort?

In Studie 1 beschäftigten sich die Forschenden dann damit, ob Menschen Fremdwörter aus typologisch entfernteren Sprachen seltener für Schimpfwörter hielten, wenn diese Approximanten beinhalteten. Dafür hörten 215 Personen mit unterschiedlichen Muttersprachen 80 Wortpaare aus Pseudowörtern anderer Sprachen an. Zu den Muttersprachen zählten Arabisch, Chinesisch, Finnisch, Französisch, Deutsch und Spanisch.

Die Teilnehmenden gaben zum Beispiel nach dem Hören der deutschen Pseudobegriffe „laum“ und „tsaum“, welche vom Wort „Baum“ abgeleitet wurden, an, welches Wort für sie eher nach einem Schimpfwort klang. Auch hier zeigte sich, dass Wörter mit Approximanten wie „laum“ seltener als Schimpfwort empfunden wurden.

In einer letzten Teilstudie, Studie 2, analysierten Lev-Ari und McKay, welche Laute bei der Verharmlosung von englischen Schimpfwörtern verwendet werden. So ist das englische Wort "frigging" mit dem im Englischen weich ausgesprochenen Approximanten "r" eine Verharmlosung von "fucking", welches keinen Approximanten beinhaltet. Beides lässt sich mit "verdammt" ins Deutsche übersetzen.

In 67 harmloseren Varianten von 24 Schimpfwörtern und Flüchen konnten sie häufiger Approximanten finden als in den vulgäreren Wörtern. Die Forschenden vermuten daher auch, dass der Klang der Approximanten die Flüche weniger beleidigend wirken lässt.

Zwei Männer streiten
Beim Fluchen oder Schimpfen sind nach einer neuen Studie neben der inhaltlichen Bedeutung auch die Klangsymbolik und damit bestimmte Laute für die Wirkung auf andere entscheidend.

Bedeutung des Klangs

Den Ergebnissen der Studienreihe zufolge zeigen sich in den unterschiedlichsten Sprachen die gleichen phonetischen Muster für die Obszönität von Wörtern, nämlich die Unterrepräsentation der approximativen Laute.

Auch wenn der Inhalt der Wörter – was meistens Tabu-Themen wie Ausscheidungen oder Begriffe sexueller Handlungen sind – viel zum Schimpfen und Fluchen beiträgt, spielt die Klangsymbolik ebenso eine entscheidende Rolle.

Die Verwendung von Wörtern mit Approximanten könnten aus Sicht der Autoren Situationen entschärfen. Denn die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Klangsymbolik das Ausdrücken von Emotionen, Einstellungen oder Erregungen erleichtert oder unterstützt.

Die Autoren geben allerdings auch zu bedenken, dass Approximanten nicht grundsätzlich für die Verharmlosung ausreichen würden. Eventuell ließen sich die Ergebnisse auch nicht auf jede Sprache anwenden. Dennoch scheint das Muster der fehlenden sanften Laute, wie den Approximanten, beim Fluchen bedeutsam für die Wahrnehmung zu sein.

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Annemarie Neumann