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Immer weniger Menschen wollen die strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie akzeptieren. Das zeigt eine aktuelle Studie der Uni Mannheim.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
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SWR2

Manche Maßnahmen gegen das neuartige Coronavirus – wie die Schließung von Schulen und Einzelhandel – werden gerade langsam wieder gelockert. Eine Kontaktsperre gibt es aber weiterhin. Seit über einem Monat und ohne Ende in Sicht. Eine tagesaktuelle Studie der Uni Mannheim aber zeigt: Die Akzeptanz der Maßnahmen sinkt.

Die Uni Mannheim erhebt täglich Daten rund um das Leben in Deutschland im Ausnahmezustand. Und die zeigen: Es gibt wieder mehr soziale Kontakte. Ende März gab weniger als ein Drittel der Befragten an, sich in der vergangenen Woche mit Freunden oder Verwandten getroffen zu haben. Mittlerweile verabreden sich laut der Studie wieder mehr als die Hälfte der Menschen.

Menschen verabreden sich wieder häufiger

Annelies Blom - Professorin für Data Science - ist eine der Autor*innen der Studie. Sie sagt: Die Akzeptanz der Anti-Corona-Maßnahmen schwindet. Warum das so ist? Da kann sie im Moment nur spekulieren. Aber sie vermutet mehrere Gründe. Zum Beispiel einen Erschöpfungseffekt.


Am Anfang, in der ersten Woche, in der zweiten Woche denkt man "Ja gut, darauf stellen wir uns jetzt ein und jetzt igeln wir uns zuhause ein." Und dann dauert das aber die erste Woche, die zweite Woche, die dritte Woche und irgendwann hat der Mensch das Bedürfnis doch wieder, andere Menschen zu treffen. Und da wird es wahrscheinlich auch so einen Zeitfaktor geben, dass es uns über die Zeit hinweg immer schwerer fällt, uns so stark einzuschränken.

Annelies Blom, Professorin für Data Science an der Uni Mannheim
Gerade zu Ostern, wie hier am Heidelberger Neckarufer, musste die Polizei immer wieder bei Verstößen gegen die Corona-bedingten Kontaktverbote einschreiten. (Foto: Imago, imago images/foto2press)
Gerade zu Ostern, wie hier am Heidelberger Neckarufer, musste die Polizei immer wieder bei Verstößen gegen die Corona-bedingten Kontakt- und Aufenthaltsverbote einschreiten. Imago imago images/foto2press

Weniger Angst vor Corona in der Bevölkerung

Auch die vergangenen Osterfeiertage könnten dabei eine Rolle gespielt haben. Als weiteren Grund für weniger Distanz vermutet Blom: weniger Angst. Die geht laut der Studie nämlich zurück.


Die Menschen sind natürlich besorgt um die jetzige Situation. Sie machen sich auch Sorgen um eine eigene Ansteckung. Aber wir sehen im Verlauf der letzten fünf Wochen, dass diese Sorgen sukzessive, von Woche zu Woche abnehmen.

Annelies Blom, Professorin für Data Science an der Uni Mannheim
Nach den ersten Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen herschte wieder reges Treiben in der Stuttgarter Innenstadt. (Foto: Imago, imago images/Arnulf Hettrich)
Nach den ersten Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen herschte wieder reges Treiben in der Stuttgarter Innenstadt. Imago imago images/Arnulf Hettrich


Uneinigkeit in der Politik mindert Vertrauen in Anti-Corona-Maßnahmen

Und während die Angst abnimmt, werden Unstimmigkeiten in der Politik größer. Wie geht es für den Handel, für Hotellerie und Gaststätten weiter? Wann dürfen Schulen wieder öffnen? Fragen ohne klare Antworten: In den Bundesländern gelten verschiedene Regelungen.

So sei es, so Annelies Blom, für die Bürger schwierig, die Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu sehen, wenn die Politiker sich da auch nicht einig seien. Wenn man Menschen dazu bringen will, ihre sozialen Kontakte einzuschränken, müsse die Politik klare und einheitliche Vorgaben geben.

DIe Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden in der Bevölkerung nach einer aktuellen Studie wohl immer weniger Ernst genommen. (Foto: Imago, imago)
DIe Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden in der Bevölkerung nach einer aktuellen Studie wohl immer weniger Ernst genommen. Imago imago

Geringe Akzeptanz, wenn Maßnahmen von oben kommen

Solche klaren Vorgaben gibt es gerade aber nicht und die Menschen stellen die Maßnahmen zunehmend infrage. Ein Problem? Laut Blom gehe es vor allem darum, Veränderungen der Verhaltensweisen zu erkennen.

Diese Informationen sollen, so Blom, dazu dienen, dass Entscheidungsträger sich auch überlegen, wie sie der Bevölkerung weitere Maßnahmen vermitteln:

In einem demokratischen Staat ist es natürlich nicht sinnvoll, jetzt zu sagen "Okay, dann sorgen wir dafür, dass die Polizei da noch jetzt härter durchgreift." Deshalb ist es, glaube ich, sehr wichtig, dass man einen Weg findet, dass die Menschen hinter den Maßnahmen stehen und diese nicht nur von oben auferlegt werden."

Annelies Blom, Professorin für Data Science an der Uni Mannheim
Gerade jüngere, gebildete Menschen scheinen mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie immer weniger einverstanden zu sein. (Foto: Imago, imago images/Jannis Große)
Gerade jüngere, gebildete Menschen scheinen mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie immer weniger einverstanden zu sein. Imago imago images/Jannis Große

Junge Menschen mit hohem Bildungsgrad besonders kritisch gegenüber Anti-Corona-Maßnahmen

Laut einer anderen Studie – dem Covid-19 Snapshot Monitoring – das unter anderem von der Uni Erfurt durchgeführt wird, sehen gebildete Menschen unter 30 die aktuellen Maßnahmen übrigens besonders kritisch. Ob das bedeutet, dass sich diese Gruppe auch seltener an die Vorschriften hält, ist bisher aber unklar.

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