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Die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Deutschland steigt. Deshalb wird es ab dem 2. November Beschränkungen geben, die denen im Frühjahr gleichen. Die Lockdown-Strategie ist auf Seiten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern umstritten.

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Die Virologen Hendrik Streek und Jonas Schmidt-Chanasit haben sich hin einem gemeinsamen Positionspapier mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für eine Änderung der langfristigen Strategie im Umgang mit der Corona-Pandemie ausgesprochen.

Derzeit würden vorhandene Ressourcen nicht optimal eingesetzt werden und die Kommunikationsstrategie der Bundesregierung sei falsch. Außerdem habe man über den Sommer versäumt, den Schutz der Risikogruppen zu planen.

Infizierte sollen Kontakte selbst informieren

Dabei geht es den beiden Medizinern vor allem um eine stärkere Motivation der Bevölkerung zur Eigenverantwortung und Eigenorganisation. Das kann zum Beispiel die Einrichtung von Nachbarschaftshilfen durch Jüngere sein, damit sich Ältere freiwillig stärker von ihrer Umgebung abschirmen können. Damit würde für sie die Infektionsgefahr sinken. Auch sollten Infizierte selbst ihre möglichen Kontaktpersonen informieren und nicht die Gesundheitsämter mit dieser Aufgabe belastet werden.

Ist ein Lockdown die richtige Strategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Auch manche Experten haben da ihre Zweifel. (Foto: Imago, imago)
Im November müssen Restaurants wieder schließen. Manche Experten haben ihre Zweifel, ob dies der richtige Weg ist. Imago imago

Allerdings wird die Situation für einen Infizierten schwierig, wenn er beispielsweise Leute informieren soll, die am Nebentisch im Restaurant saßen. Wie das in diesem Fall ohne eine zentrale Kontaktverfolgung der Gesundheitsämter funktionieren sollen, dazu haben sich die Virologen nicht geäußert.

Eine pauschale Lockdownregelung ist weder zielführend noch umsetzbar

Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB)

Die beiden Mediziner fordern zusammen mit der KVB anstatt mit Verboten, mehr mit Geboten zu arbeiten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO habe in anderen Pandemiesituationen weltweit damit sehr gute Ergebnisse erzielt und verfolge erfolgreiche Kommunikationsstrategien, die die Bundesregierung aber nicht zur Kenntnis nehme.

Mit der Erklärung befinden sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die beiden Virologen Streek und Schmidt-Chanasit allerdings in einer Gegenposition zu mehreren Wissenschaftsverbänden.

Leopoldina für strenge Kontaktbeschränkungen

Die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und die Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina setzen sich für eine schnelle Senkung der Infektionszahlen durch strenge Kontaktbeschränkungen ein.

Wegen der steigenden Infektionszahlen sei es notwendig, Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen auf ein Viertel zu reduzieren, womit vor allem Treffen des Freundes- und Bekanntenkreises gemeint sind.

Ist ein Lockdown die richtige Strategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Auch manche Experten haben da ihre Zweifel. (Foto: Imago, imago)
Bundeswehrsoldaten unterstützen zurzeit die Behörden bei der Nachverfolgung von Corona-Infektionen Imago imago

Gesundheitsämter durch Beschränkungen entlasten

Für die Wissenschaftsorganisationen sei das Ziel, die Fallzahlen so weit zu senken, dass die Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung wieder vollständig durchführen können. Nur durch systematische Beschränkungen ist eine Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter möglich. Wenn das gelänge, könnten die Beschränkungen dann vorsichtig gelockert werden, ohne dass unmittelbar eine erneute Pandemiewelle drohe.

Je früher und konsequenter alle Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden, eingeschränkt würden, desto kürzer könnten diese Beschränkungen sein.

Erklärung der Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Präsidenten der FraunhoferGesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Nach Vorstellungen der Wissenschaftsverbände ist eine Kontaktbeschränkung von drei Wochen notwendig, um die Zahl der Corona-Infizierten zu senken. Ist dann eine niedrige Fallzahl erreicht, soll diese mit Maßnahmen wie Hände waschen, Abstandhalten und dem Tragen von Alltagsmasken gehalten werden. Die Bundesregierung setzt nun sogar auf vier Wochen zur Reduzierung der Infektionszahlen.

Ist ein Lockdown die richtige Strategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie? Auch manche Experten haben da ihre Zweifel. (Foto: Imago, imago)
Damit ein strikter Lockdown, um Weihnachten herum verhindert wird, gelten ab November neue Kontaktbeschränkungen. Imago imago

Forscherinnen und Forscher sind sich also uneinig, ob ein Lockdown zwingend erforderlich oder eine Alternative möglich ist, um die Situation für die nächsten Wochen in den Griff zu bekommen. Allerdings lebt die Wissenschaft von Diskussionen und unterschiedlichen Standpunkten. Inwieweit sich die beiden Positionen beim Thema Lockdown annähern, bleibt abzuwarten.

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