Das Bild zeigt einen Neanderthaler. Er und der Homo Sapiens haben einen gemeinsamen Vorfahren. (Foto: IMAGO, Jochen Tack)

Anthropologie

So haben Menschen in der Steinzeit Klebstoff hergestellt

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Dr. Patrick Schmidt, Uni Tübingen im Gespräch mit Ralf Caspary (SWR2 Impuls)
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Lena Schmidt

Klebstoff wurde bereits in der Steinzeit verwendet. Laut einer neuen Studie gibt die Herstellungsweise Einblicke in die kognitiven Fähigkeiten des frühen Homo Sapiens.

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Ein Forschungsteam um Dr. Patrick Schmidt von der Universität Tübingen hat gemeinsam mit Forschenden der Universität Kapstadt, Südafrika, untersucht, wie Menschen in der Steinzeit Kleber hergestellt haben. Dieser wurde beispielsweise benötigt, um Steinwerkzeuge an Holzspeeren zu befestigen. Die Forschungsergebnisse sind nun in der Zeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences« erschienen.

Dass Menschen in der Mittelsteinzeit ihren eigenen Klebstoff hergestellt haben, sei laut Schmidt bereits durch vorherige Untersuchungen bekannt gewesen. Im Zuge dieser Untersuchungen fand man Klebstoffreste auf Steinwerkzeugen. Häufig handelt es sich bei den Resten um Rückstände von Podocarpus – Steineibengewächsen. Doch wie genau konnte der Kleber damals aus den Pflanzen gewonnen werden? 

Steinzeitkleber (Foto: Pressestelle, Universität Tübingen | Tabea Koch)
Die Podocarpus latifolius ist ein Steineibengewächs, das in der mittleren Steinzeit wohl zur Klebstoffgewinnung genutzt wurde. Auf den ersten Blick sieht man der Pflanze nicht an, dass man aus ihr Klebstoff herstellen kann. Pressestelle Universität Tübingen | Tabea Koch

Experimentelle Archäologie 

Um nachzuvollziehen, wie genau die Menschen früher aus den Pflanzen Kleber hergestellt haben, begann das Forschungsteam ein Experiment – in der freien Natur und nur mit den Materialien, die auch in der Steinzeit zur Verfügung standen. Dabei kam es auch auf den Fundort der Werkzeuge an. In diesem Fall die Gegebenheiten an der Westküste Südafrikas. Ein Beispiel dafür seien laut Schmidt glattgeschliffene Steine, die man dort am Strand finde. 

Diese Vorgehensweise beschreibt der Forscher als „experimentelle Archäologie“, in der es darum gehe, die Techniken, die vor 100.000 Jahren verwendet wurden, nachzustellen und dadurch zu verstehen, wie sie funktioniert haben, wie viel Aufwand sie gekostet haben, welche Materialien man brauchte und was die die Implikationen davon sind. 

Das Team entwickelte zwei Methoden zur Herstellung von klebrigem Teer aus Steineibengewächsen: 

Mit Feuer und Steineibenblättern wird Steinzeit-Kleber hergestellt (Foto: Pressestelle, Universität Tübingen | Tabea Koch)
Die erste ist die Kondensationsmethode. Dabei werden Steineibenblätter neben flachen, glatten Steinen verbrannt. Anschließend kann Teer mithilfe eines Steinwerkzeugs von der Oberfläche des Steins gekratzt werden. Pressestelle Universität Tübingen | Tabea Koch Bild in Detailansicht öffnen

Ein anthropologischer Durchbruch? 

Ob die Menschen damals genau diese Methoden verwendet haben, sei laut Schmidt unklar. Deshalb sei ein wichtiges Kriterium, zu bewerten, wie zufällig eine Herstellungsmethode entdeckt werden könne. Auf chemisches Wissen, das uns heute bekannt sei, konnten Steinzeitmenschen noch nicht zurückgreifen. 

Bemerkenswert ist allerdings, dass es gleich mehrere Pflanzen in der Nähe des Fundortes in Südafrika gibt, die Harz, Latex oder Gummi absondern. 

Die Menschen hätten einfach Baumharze sammeln können. Bei mehreren Arten, die in ihrer Umgebung vorkamen, fließt es erkennbar aus dem Stamm.

Der Podocarpus-Teer, der erst aufwendig gewonnen werden muss, war jedoch der stärkste der damals verfügbaren Klebstoffe. Er konnte mehr Lasten halten als andere, natürliche Kleber. Seine Nutzung scheint daher darauf hindeuten, dass der frühe Mensch die vorteilhaften Eigenschaften des Teers erkannte und gezielte Produktionsmethoden entwickelte. 

Schmidt sieht darin einen Wendepunkt in der Entwicklung unserer direkten Vorfahren.

Die Menschen wählten Materialien nicht nach deren Eigenschaften aus, sondern veränderten das vorhandene Material.

Eine Vorgehensweise, die höhere kognitive Fähigkeiten und innovatives Denken erfordert habe.

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