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Eine Forscherteam der Tübinger Uniklinik hat an verstorbenen Covid-19 PatientInnen untersucht, welche Folgen die Krankheit auf den Körper und die einzelnen Organe hat.

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Sendezeit
16:05 Uhr
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SWR2

Wer an Covid-19 erkrankt, also an einer Infektion mit dem Coronavirus, der merkt im Normalfall nicht viel davon. Schätzungsweise 90 Prozent der Erkrankungen verlaufen vergleichsweise harmlos. Bei den Corona-Patienten, die in eine Klinik müssen, kann es aber schnell kritisch werden. Das Virus kann die Lunge und andere Organe schwer schädigen und kann daher lebensbedrohlich sein.

Warum das Virus bei manchen so dramatische Folgen hat, beschäftigt seit Anfang März auch Wissenschaftler in Deutschland – unter anderem an der Uniklinik Tübingen. Langsam gibt es erste Anhaltspunkte, was bei einer schweren Corona-Infektion im Körper passiert.

Eine Coronainfektion verläuft bei einer Mehrzahl der Menschen eher harmlos. Woran Patienten mit schweren Verläufen von Covid-19 letztlich sterben, wird an der Uniklinik Tübingen erforscht. (Foto: Imago, imago)
Eine Coronainfektion verläuft bei einer Mehrzahl der Menschen eher harmlos. Woran Patienten mit schweren Verläufen von Covid-19 letztlich sterben, wird an der Uniklinik Tübingen erforscht. Imago imago

Coronavirus verstopft winzige Adern und zerstört die Schleimhäute

Der Pathologe Hans Bösmüller untersucht mit dem Mikroskop eine Probe, die aus der Lunge eines verstorbenen Corona-Patienten stammt. Zu sehen: rosa eingefärbtes Gewebe – mit dunkelvioletten Pünktchen darin.

"Diese dunkelvioletten Pünktchen, das sind alles untergegangene Zellen und die lösen den kompletten Untergrund der Schleimhaut gerade auf.“

Hans Bösmüller, Pathologe

Die Probe zeigt zwei wesentliche Probleme, die die Coronavirus-Krankheit Covid-19 in der Lunge verursacht: Sie verstopft winzige Adern und zerstört die Schleimhäute.

Lunge verklebt und vernarbt

Die Folge: zunächst Wassereinlagerungen. Später tritt aus den zerstörten Adern das Eiweiß Fibrin aus und verkleistert die Lunge. Die Lunge vernarbt und es entsteht Atemnot.

„Dieses Fibrin, das kennen Sie, wenn Sie sich aufschürfen. Das ist diese gelbliche, fadenziehende Flüssigkeit – und das müssen Sie sich in der Lunge vorstellen.“

Hans Bösmüller, Pathologe
Farbige rasterelektronenmikroskopische Aufnahme (REM) von roten Blutkörperchen (Erythrozyten, rot), die zusammen mit Fibrin (braun) zu einem Blutgerinnsel verklumpt sind.  (Foto: Imago, imago/Science Photo Library)
Farbige rasterelektronenmikroskopische Aufnahme (REM) von roten Blutkörperchen (Erythrozyten, rot), die zusammen mit Fibrin (braun) zu einem Blutgerinnsel verklumpt sind. Imago imago/Science Photo Library

Schwere Covid-19-Infektionen verlaufen in Schüben

Elf verstorbene Corona-Patienten hat Hans Bösmüller seit Ende März obduziert. In enger Zusammenarbeit mit seinen Kollegen auf der Intensivstation hat er dabei zwei wichtige Entdeckungen gemacht: Zum einen sah man in der gleichen Lunge alte und frische Vernarbungen.

Die Schlussfolgerung: Eine schwere Covid-19-Infektion verläuft in Schüben, die über Tage oder Wochen immer wieder die Lunge und auch andere Organe schädigen. Etwa die Leber.

Covid-19 beeinflusst Gerinnungsfaktor des Blutes

„Man sieht zum Beispiel zwei, drei Tage vor dem Tod noch einen Anstieg in manchen Gerinnungsparametern.“

Hans Bösmüller, Pathologe

Dass jedem Corona-Schub ein Anstieg eines bestimmten Gerinnungsfaktors voraus geht, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die man an der Tübinger Uniklinik bislang gewonnen hat. Es geht um die D-Dimere.

Virus verursacht Blutgerinnsel

Das Schema: Gerinnungsfaktor steigt, es bilden sich kleine Blutgerinnsel, medizinisch Thromben und dann sterben die Patienten - hat die leitende Oberärztin der Tübinger Intensivstation, Helene Häberle zu Beginn der Epidemie oft auf der Corona-Station gesehen. Es sei gerade bei jungen Patienten eine häufige Todesursache gewesen, dass solche Blutgerinnsel in der Leber den Abfluss stören und bisher bekannte Blutverdünnungsmedikamente nicht greifen würden.

„Diese Verschlüsse sind wie Beton. Sie aufzulösen ist bei diesem Virus sehr, sehr schwierig.“

Helene Häberle, Uniklinik Tübingen
Rote Blutkörperchen in einem Fibrin-Blutgerinnsel gefangen. (Foto: Imago, imago/Science Photo Library)
Rote Blutkörperchen in einem Fibrin-Blutgerinnsel gefangen. Imago imago/Science Photo Library

Coronavirus ist schneller als andere Viren

Man musste zu anderen Medikamenten greifen.
Außerdem zeigte laut Helene Häberle: Das neuartige Coronavirus ist schneller als jedes andere Virus, das man bislang kannte. Wenn der Gerinnungswert im Blut steigt, ist es quasi schon zu spät, gegen die Verstopfungen anzukämpfen. Die Patienten sterben. Deshalb bekommen Covid-Patienten jetzt immer sofort die maximale Therapie, wenn sie beginnende Atemprobleme haben.

„Da waren wir schon sehr erfolgreich. Wir kriegen Anrufe von Baltimore und überall her, weil die eben auch jetzt die schweren Fälle haben und viele junge Menschen sterben. Sie haben gehört, dass wir da mit der Gerinnung weiter gekommen sind. Und das ist, was Covid uns auch lehrt: Wir müssen uns mehr vernetzen, damit wir das Wissen untereinander schneller teilen können.“

Dr. Helene Häberle ist leitende Oberärztin der Intensivstation an der Uniklinik Tübingen. (Foto: Pressestelle, Verena Müller / Uniklinik Tübingen)
Dr. Helene Häberle ist leitende Oberärztin der Intensivstation an der Uniklinik Tübingen. Pressestelle Verena Müller / Uniklinik Tübingen

Verstopfungen in der Lunge und der Leber

An der Tübinger Uniklinik haben die Ärzte im Zusammenhang mit Corona bislang vor allem Verstopfungen in der Lunge und in der Leber festgestellt. Die Herzkranzgefäße dagegen waren kaum betroffen – bei Patienten in China war das der Fall gewesen.

Aber auch Nierenschäden durch Covid-19 oder verstopfte Äderchen im Gehirn wurden bereits beschrieben.

Überreaktion des Immunsystems

Grund für diese Vorgänge ist offenbar, dass das Immunsystem bei manchen Patienten überreagiert und so die schweren Verläufe verursacht, erklärt Pathologe Hans Bösmüller.

„Wenn Sie jetzt eine ganz banale Erkältung haben – etwas völlig Harmloses – das hört dann irgendwann wieder auf, weil Sie ein funktionierendes Immunsystem haben. Und es gibt ja nichts im Körper, was von alleine aufhört, sondern man braucht immer einen Schalter, der das abschaltet. Und der Gegenspieler von den Antikörpern ist sozusagen das Komplementsystem. Warum nun das bei manchen Menschen so verrückt spielt und bei manchen überhaupt nicht, das würden wir gerne wissen.“

Hans Bösmüller, Uniklinik Tübingen
Der Pathologe Dr. med. Hans Bösmüller leitet an der Tübinger Uniklinik die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). (Foto: Pressestelle, Verena Müller, Uniklinik Tübingen)
Der Pathologe Dr. med. Hans Bösmüller leitet an der Tübinger Uniklinik die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Pressestelle Verena Müller, Uniklinik Tübingen

Gene und Blutgruppe könnten Krankheitsverlauf beeinflussen

Denkbar sei, dass die genetische Veranlagung eines Menschen eine Rolle spiele. Außerdem gebe es auch Hinweise darauf, dass möglicherweise die Blutgruppe des Patienten einen Einfluss hat.

Wie schlimm die Folgeschäden sind, mit denen Patienten nach einem schweren Covid19-Verlauf aus der Klink gehen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Klar ist aber: Die Lunge bleibt geschädigt. Eventuell auch weitere Organe – sei es durch das Coronavirus oder durch Beatmung und Medikamente.

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme US-amerikanischer Forscher zeigt eine absterbende menschliche Zelle, die stark mit SARS-COV-2-Viruspartikeln infiziert ist. (Foto: Imago, imago images/ZUMA Wire/ NIAID)
Diese elektronenmikroskopische Aufnahme US-amerikanischer Forscher zeigt eine absterbende menschliche Zelle, die stark mit SARS-COV-2-Viruspartikeln infiziert ist. Imago imago images/ZUMA Wire/ NIAID
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