STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Die Corona-Krise erschwert auch die internationale Spitzenforschung, zum Beispiel am Event Horizon Teleskop. Letztes Jahr hatte das Forscherteam noch das erste Bild eines Schwarzen Lochs vorgestellt. Jetzt muss man weitere Beobachtungen und Projekte verschieben.

In diesem Jahr wollten die mittlerweile elf Observatorien weltweit noch genauere Einblicke in und auf das Schwarze Loch liefern. Doch die Corona-Pandemie macht das gerade unmöglich.

Neue Forschungsergebnisse durch Auswertung älterer Daten

Trotzdem gibt es neue Ergebnisse. Die Event-Horizon-Teleskop- (EHT) Kollaboration hat vor einem Jahr das erste Bild eines Schwarzen Lochs in der benachbarten Radiogalaxie M 87 errechnet. Eine Wissenschaftssensation. Doch es wurde darüberhinaus eine Vielzahl an weiteren Daten gesichert.

Neues Sensationsphoto aus der Galaxie

Nun gelang es der Kollaboration, den Jet eines Schwarzen Lochs mit bislang nicht erreichter Bildschärfe abzubilden. Dabei sieht man, wie ein Strahl aus ionisiertem Gas nahezu mit Lichtgeschwindigkeit von einem super-massereichen Schwarzen Loch ausgestoßen wird. Es handelt sich um ein Schwarzes Loch in dem fernen Quasar 3C 279.

Darstellung der Jetstruktur im Zentralbereich des Quasars 3C 279 in unterschiedlichen Wellenlängen mit jeweils höherer Winkelauflösung im April 2017.  (Foto: © J.Y. Kim (MPIfR), Boston University Blazar Program, und die EHT-Kollaboration.)
Darstellung der Jetstruktur im Zentralbereich des Quasars 3C 279 in unterschiedlichen Wellenlängen mit jeweils höherer Winkelauflösung im April 2017. © J.Y. Kim (MPIfR), Boston University Blazar Program, und die EHT-Kollaboration. © J.Y. Kim (MPIfR), Boston University Blazar Program, und die EHT-Kollaboration.

In den Daten von 2017 steckt noch viel Unentdecktes

Dieses Bild ist unter der Leitung des Nachwuchswissenschaftlers Jae-Young Kim vom Bonner Max-Planck-Institut für Radioastronomie entstanden. Sein Team hat dafür Teile der ersten großen EHT-Beobachtungskampagne 2017 ausgewertet. Ein Zeichen dafür, dass noch viel Unentdecktes in den Daten steckt. Und es bestätigt, was Anton Zensus am 10. April 2019 auf einer Pressekonferenz versicherte:

„Mit dieser Maschine können wir das Unerwartete entdecken und das ist das Faszinierende in der Wissenschaft.“

Anton Zensus, Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn

Vor ungefähr einem Jahr zeigten Anton Zensus und seine Kollegen von der Event-Horizon-Teleskop- Kollaboration das erste Bild eines Schwarzen Loches. Das Bild war aus den Daten des Event Horizon Teleskops gewonnen worden: einem globalen Netzwerk von Observatorien.

Das erste Bild eines Schwarzen Loches ist aus Daten entstanden, die mit dem „Event Horizon Teleskop“ gewonnen wurden. (Foto: SWR)
Das erste Bild eines Schwarzen Loches ist aus Daten entstanden, die mit dem „Event Horizon Teleskop“ gewonnen wurden.

Das Bild des Schwarzen Loches war nach jahrzehntelanger Diskussion der erste direkte Beweis: Schwarze Löcher gibt es wirklich. Das hat die Astronomie enorm vorangebracht, das macht dieses Bild zur wissenschaftlichen Sensation.

Die Coronakrise stört die Zeitplanung

In diesem Jahr sollte das Bild noch schärfer und genauer werden – doch dann, so sagt Anton Zensus, kam Corona.

„Die Beobachtungen für 2020 mit dem Event Horizon Teleskop waren für Ende März, Anfang April geplant. Die Corona-Situation hat uns sehr kurzfristig gezwungen, die geplanten Beobachtungen abzusagen und wir mussten das ganze Projekt dann aufs nächste Jahr verschieben.“

Anton Zensus, Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie

Das „Event Horizon Teleskop“ ist keine einzelne Anlage, sondern ein Zusammenschluss von Observatorien. Vor wenigen Wochen wurde die Zahl acht auf elf  erweitert. Dieses virtuelle Riesen-Teleskop ist so groß wie die gesamte Erde. Damit schauten die Astronomen in Richtung der Galaxie M87, rund 50 Millionen Lichtjahre entfernt. In deren Zentrum liegt ein extrem massereiches Schwarzes Loch.

Vor wenigen Wochen wurde die Zahl der Teleskope, die zur Kooperation Event Horizon zusammengeschlossen sind, von acht auf elf  erweitert. Das virtuelle Riesen-Teleskop ist so groß wie die gesamte Erde. (Foto: SWR)
Vor wenigen Wochen wurde die Zahl der Teleskope, die zur Kooperation Event Horizon zusammengeschlossen sind, von acht auf elf  erweitert. Das virtuelle Riesen-Teleskop ist so groß wie die gesamte Erde.

Nur durch das Zusammenschalten weltweit verteilter Radio-Teleskope war es möglich, die dafür notwendigen Daten zu bekommen. Doch genau diese internationale Zusammenarbeit ist in der aktuellen Situation schwierig. Deshalb wird das erklärte Ziel, das Bild des Schwarzen Loches noch schärfer und noch aussagekräftiger zu machen, etwas weiter in die Ferne gerückt:

Ganz konkret bedeutet das, dass wir nicht zu den Teleskopen nach Spanien und Frankreich kommen, um die Beobachtungen durchzuführen. Die sind in den Notmodus gefahren. Und wir können nicht am Südpol arbeiten, wir können nicht in Grönland arbeiten, in Mexiko sind die Reisen zum Teleskop nicht möglich, auch in Amerika, in Arizona sind wir eingeschränkt. Insofern ist es wirklich eine globale, gleichzeitig auftretende Situation, die wir haben.

Anton Zensus, Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie
Anton Zensus erklärt, dass die meisten Teleskope wegen der Corona-Krise in den Notmodus gefahren wurden.  (Foto: SWR)
Anton Zensus erklärt, dass die meisten Teleskope wegen der Corona-Krise in den Notmodus gefahren wurden.

Die internationale Zusammenarbeit wird verändert

Insgesamt arbeiten hunderte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus über 20 Nationen und fast 60 Forschungsinstituten an dem Projekt. Normalerweise treffen sie sich regelmäßig, um durch den direkten Austausch die Wissenschaft voranzubringen. Doch auch das wird die Corona-Krise verändern.

Es wird unsere Arbeit in der Zukunft beeinflussen. Wir werden stärker nachdenken, ob die eine oder andere Reise dann wirklich notwendig sein wird. Wir haben jetzt gelernt, dass die Telearbeit beziehungsweise die virtuelle Kollaboration durchaus geeignet ist, um Projekte wie unsere voranzubringen. Zum Beispiel habe ich selbst eine zahllose Anzahl von Treffen an Flughäfen in dieser Welt gemacht, für kurze Meetings und all diese Gelegenheiten werden wir in Zukunft viel stärker in den virtuellen Raum verlegen.

Anton Zensus, Direktor des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie

Anton Zensus setzt darauf, dass es 2021 weitergeht mit der Beobachtung durch die elf Observatorien des Event Horizon Teleskops. Denn dem ersten Bild eines Schwarzen Loches sollen weitere folgen: noch schärfer und noch genauer, um noch mehr zu erfahren über die wohl geheimnisvollste Struktur im ganzen Universum.

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG