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Jetzt dürfen Grundschüler und Kitakinder in Baden-Württemberg wieder in Schule und Kita zurück. Nach den Sommerferien soll es dann wieder Unterricht an allen Schulen geben. Ziel ist der "Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen". Doch wie werden Schulen darauf vorbereitet?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Wie gelingt in der Corona-Krise die tägliche Großveranstaltung namens Schule? Das fragen sich Eltern, Lehrer und Schulleiterinnen bundesweit. In Baden-Württemberg gibt es kein einheitliches Konzept für den Corona-Regelbetrieb. Stattdessen wird es den einzelnen Schulen überlassen, wie sie sich auf die Unterrichtszeit nach den Sommerferien vorbereiten. Und ob sie einen Plan B ausarbeiten für mögliche Schulschließungen im Fall einer zweiten Corona-Welle im Herbst.

Der Bundeselternrat hat mit Blick auf Online-Unterricht die Fortbildung von Lehrkräften in den Sommerferien gefordert. Der Vorsitzende des Bundeselternrates, Stephan Wassmuth, sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung:

„Die Weiterbildung in den Sommerferien ist aus unserer Sicht unumgänglich, um Präsenzunterricht, wenn nötig, durch qualifizierten Fernunterricht zu ergänzen“.

Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates
Es gibt kein einheitliches Konzept für die Rückkehr aller Schülerinnen nach den Sommerferien. Um für besseren Fernunterricht bei einer zweiten Corona-Welle gewappnet zu sein, fordert der Bundeselternrat die Fortbildung von Lehrkräften in den Sommerferien. (Foto: Imago, Imago images / Westend61)
Es gibt kein einheitliches Konzept für die Rückkehr aller Schülerinnen nach den Sommerferien. Um für besseren Fernunterricht bei einer zweiten Corona-Welle gewappnet zu sein, fordert der Bundeselternrat die Fortbildung von Lehrkräften in den Sommerferien. Imago Imago images / Westend61

Großangelegte Trainings für Lehrerinnen und Lehrer sind nicht geplant

Als Außenstehender stellt man sich vor, dass nach den ersten Wochen des Durchwurstelns jetzt großangelegte Trainings für Lehrerinnen und Lehrer stattfinden müssten, um sie fit zu machen für den Corona-Regelbetrieb nach den Sommerferien. Denn bisher gibt es ja keinen Standard, den alle Schulen beim Fernunterricht einhalten. Stattdessen ist es von Schule zu Schule und häufig von Klasse zu Klasse sehr unterschiedlich, wie und sogar auch ob die Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrern erreicht und unterrichtet werden.

Wie gelingt in der Corona-Krise die tägliche Großveranstaltung namens Schule? Das fragen sich Eltern, Lehrer und Schulleiterinnen bundesweit.  (Foto: Imago, imago images / Michael Weber)
Wie gelingt in der Corona-Krise die tägliche Großveranstaltung namens Schule? Das fragen sich Eltern, Lehrer und Schulleiterinnen bundesweit. Imago imago images / Michael Weber

Es gibt keinen Standard für den Fernunterricht

Bisher ist Baden-Württemberg weit davon entfernt, so einen Standard anzustreben. Es gibt keine verbindlichen Vereinbarungen, wie oft ein Lehrer seinen Schülerinnen im Fernunterricht kontaktieren sollte oder mit ihnen in direkten Austausch über Videokonferenz treten sollte. Und das wird auch nicht angestrebt. Sowenig wie es große Trainings für das Lehrpersonal geben wird, um die Voraussetzungen für einen guten und pädagogisch sinnvollen Fernunterricht zu schaffen.

Online-Unterricht hängt stark vom Engagement des einzelnen Lehrenden ab

Beim Online-Unterricht gibt es zur Zeit große Defizite. Schülerinnen und Schüler werden sehr unterschiedlich erreicht und unterrichtet. Es ist immer noch vom einzelnen Lehrer abhängig, ob und wie Kinder Kontakt haben und zum Beispiel auch Rückmeldungen geben können, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Da gibt es die ganze Bandbreite von hochmotiviertem Lehrpersonal, das Videokonferenzen durchführt, selbst Erklärvideos dreht und die Schülerinnen zur Not auch mal anruft bis hin zu denjenigen, die seit drei Monaten nur emails mit abphotographierten Arbeitsblättern versenden, die sie nie kontrollieren.

Da es keinen verbindlichen Standard beim Fernunterricht gibt, hängt es weiter vom einzelnen Lehrer ab, ob und wie Kinder Kontakt haben und zum Beispiel auch Rückmeldungen geben können, wenn sie etwas nicht verstanden haben. (Foto: Imago, imago images / Jochen Tack)
Da es keinen verbindlichen Standard beim Fernunterricht gibt, hängt es weiter vom einzelnen Lehrer ab, ob und wie Kinder Kontakt haben und zum Beispiel auch Rückmeldungen geben können, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Imago imago images / Jochen Tack

Schulleiter wünschen sich Informationen, auf was sie sich im Herbst einstellen können

Schulleiter kritisieren, dass es noch gar keine klare Information dazu gibt, wie der Unterrichtsbetrieb nach den Sommerferien aussehen kann. Bis heute gibt es in Baden-Württemberg landesweit kein einheitliches Konzept, sondern jede Schule hat in den vergangenen drei Monaten ihren eigenen Weg gesucht. Daher hängt der Erfolg oder Misserfolg beim digitalen Fernunterricht von jeder einzelnen Schulleitung ab. Die Rektoren und Direktoren müssen ihr Lehrpersonal dazu bringen, sich für den digitalen Fernunterricht in Coronazeiten fit zu machen. Das geschieht zur Zeit in erster Linie dadurch, dass technisch versierte Lehrer als Multiplikatoren für das Restkollegium eingesetzt werden.

Mittlerweile hat fast jede Schule sich ein eigenes IT- Gerüst zusammengebastelt

Was übergreifende Fortbildungen schwierig macht, sei die Tatsache, dass fast jede Schule in den vergangenen Monaten eigene digitale Wege gegangen ist und auf diesen aufbaut. Hier wurde viel ausprobiert und nun unterscheiden sich die verschiedenen IT-Modelle stark. Das Land dagegen setzt auf die landeseigene Lernplattform moodle. Die ist aber nicht überall beliebt. So erklärt der Vorsitzende der Schulleitervereinigung in Baden-Württemberg, Werner Weber, zum Beispiel, er kenne kaum Schulen, die die landeseigene Lernplattform moodle und deren Videokonferenzsystem big blue button nutzen würden. Stattdessen würden diverse andere Lösungen bevorzugt.

Ob und wie Fernunterricht stattfindet könnte jede Schulleitung festlegen. Auch die Fortbildung durch technisch versierte Kolleginnen wird bei einigen so organisiert. Doch vielfach wird einfach darauf gesetzt, dass das Lehrpersonal das schon alleine wuppt.  (Foto: Imago, imago images / Action Pictures)
Ob und wie Fernunterricht stattfindet könnte jede Schulleitung festlegen. Auch die Fortbildung durch technisch versierte Kolleginnen wird bei einigen so organisiert. Doch vielfach wird einfach darauf gesetzt, dass das Lehrpersonal das schon alleine wuppt. Imago imago images / Action Pictures

Fortbildung wird nur für die vom Land empfohlene Lernplattform angeboten

Das für die Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg zuständige Zentrum für Schulentwicklung und Lehrerbildung (ZSL) bietet für die landeseigene Lernplattform moodle und deren Videokonferenzsystem Big Blue Button Schulungen an. Der Leiter des ZSL, Thomas Riecke-Baulecke, sagt, dass die Schulleitungen erst vergangene Woche aufgefordert worden sind, zu melden, ob sie für ihre Lehrer Schulungen brauchen.

Bei diesen Fortbildungen, die in erster Linie digital als Webinare angeboten werden, geht es allerdings um die vom Land bereit gestellte Lernplattform moodle. Von den 4300 Schulen in BW hätten zumindest 500 Interesse an solchen Fortbildungen gezeigt. In diesen Webinaren könnten die Lehrkräfte die technische Seite der Lernplattform kennenlernen, darüber hinaus gebe es dann auch pädagogische Hilfestellungen. Aber allgemeine Fortbildungen wie Fernunterricht pädagogisch sinnvoll aufgebaut werden kann, sind bisher nicht geplant.

Das für die Lehrerfortbildung in BW zuständige Zentrum für Schulentwicklung und Lehrerbildung (ZSL) bietet für die landeseigene Lernplattform moodle und deren Videokonferenzsystem Big Blue Button Schulungen an.  (Foto: Imago, imago images / Hans Lucas)
Das für die Lehrerfortbildung in BW zuständige Zentrum für Schulentwicklung und Lehrerbildung (ZSL) bietet für die landeseigene Lernplattform moodle und deren Videokonferenzsystem Big Blue Button Schulungen an. Imago imago images / Hans Lucas

Bildungsexperte fordert verbindliches Training für jede Lehrerin und jeden Lehrer

Der Bildungsexperten Klaus Hurrelmann hat ein verbindliches Training für jeden Lehrer und jede Lehrerin für den Online-Unterricht gefordert. Doch das ist nicht nur in Baden-Württemberg kein Thema. Zudem gebe es keine Verpflichtung zu Fortbildung für Lehrer in Baden-Württemberg, sagt die Sprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums, Christine Sattler. Dazu bräuchte man erst die Zustimmung des Parlamentes.

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