Die ESA Astronautin Samantha Cristoforetti auf der Internationalen Raumstation (Foto: IMAGO, /ZUMA Wire)

Raumfahrt

Samantha Cristoforetti ist die erste europäische ISS-Kommandantin

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INTERVIEW
Uwe Gradwohl im Gespräch mit Ralf Caspary, SWR2 Impuls

Die Italienerin Samantha Cristoforetti übernimmt das Kommando auf der Internationalen Raumstation (ISS). Sie ist damit die erste europäische Frau in dieser Funktion.

SWR2 Impuls Moderator Ralf Caspary sprach mit Uwe Gradwohl aus der SWR Wissenschaftsredaktion

Samantha Cristoforetti ist ESA-Astronautin und ehemalige Kampfpilotin der italienischen Luftwaffe. Sie ist die erste italienische Frau im Weltraum und die erste europäische Frau, die einen Außenbordeinsatz absolviert hat. Ein Gespräch mit Uwe Gradwohl, SWR Wissenschaftsredaktion.

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Was macht eine Kommandantin auf der ISS? Steuert sie die ISS?

Genau so stellt man sich das vor, dass die Kommandantinnen oder Kommandanten das Raumfahrzeug fliegen. Das ist natürlich nicht der Fall. Die ISS wird eigentlich vom Boden aus gesteuert und ist damit "automatisch" unterwegs.

Zunächst einmal hat sie die Aufgabe, für die Sicherheit der Crew zu sorgen. Und zwar in jeglicher Situation. Das kann natürlich dann auch mal etwas mit der Fluglage der ISS zu tun haben. Wenn zum Beispiel die Steuerung ausfällt und die ISS fliegt ein bisschen schräg – salopp gesagt – dann fällt der Bodenkontakt mit den Bodenkontrollen in Moskau und Houston aus.

In dem Fall wäre dann die Kommandantin die höchste Instanz, die zu entscheiden hätte, wie es weitergeht. Aber es muss eben auch friedlich auf der ISS zugehen. Es gibt oben auf der ISS diesen "Code of Conduct", dass man sich nicht groß gegenseitig Vorwürfe während der Arbeit macht, dass es eine ruhige Arbeitsatmosphäre gibt. Dass dem so ist, dafür muss Samantha Cristoforetti sorgen.

Das ist natürlich ein recht breites Aufgabenfeld. Es kann technische Probleme geben, bei denen eine Kommandantin oder ein Kommandant sagen muss, wie die Mannschaft jetzt handeln soll. Auch wenn vielleicht der Einschlag eines Weltraumschrottteils auf der ISS drohen und dann ein Ausweichmanöver vom Boden aus gesteuert werden muss. Dann müsste die Besatzung auch in die Raumschiffe, um sich für eine gewisse Zeit in Sicherheit zu bringen.

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In solchen Situationen ist sie einfach dafür verantwortlich. Aber auch schon beim Training vor dem Flug kann es sein, dass sie eine Rolle spielt, um das Team ein bisschen zusammenzuschweißen, sowie bei der Nachbereitung des Flugs.

Sie macht also auch Teambuilding… Wie funktioniert das in Zeiten des Ukraine-Krieges, wenn dort oben Russen, Amerikaner und jetzt sie als Italienerin sind?

Ich habe gerade gesagt, dass es eine ihrer Aufgaben ist, Streitfälle auch zu verhindern. Da liegt natürlich der Gedanke des Ukraine-Kriegs nahe und ob sie mit dem Thema auch etwas zu tun hat. Doch da haben wir nicht so den ganz genauen Einblick, wie das oben auf der ISS abläuft. Alle, die zurückkommen, wie zum Beispiel Matthias Maurer, sagen, dass es auf der ISS eigentlich kein Thema ist. Also man klammert das bewusst aus, damit es erst gar nicht zur Krise, zur persönlichen Krise kommen kann.

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Wir dürfen es uns also wohl schon so vorstellen, als ob dort ein großer weißer Elefant auf der ISS mitschwebt, keiner über ihn spricht und keiner ihn sieht. Eine etwas seltsame Situation und macht den Job als Kommandantin für Samantha Cristoforetti sicherlich nicht einfacher. Aber am einfachsten ist es wahrscheinlich doch, es einfach zu ignorieren.

Was weiß man noch über Samantha Cristoforetti?

Sie ist auf jeden Fall eine Weltraum Enthusiastin. Sie spricht fließend Deutsch, hat in München Maschinenbau mit einem Schwerpunkt in der Luft und Raumfahrttechnik studiert. In Bozen (Südtirol) war sie am Gymnasium.

Wenn man sie mal anstupst und zu einer bestimmten Geschichte der Weltraumfahrt fragt, dann kommt auch ziemlich viel. Also, die kann zu dem Thema erzählen, erzählen, erzählen – das ist ganz toll und kann andere auch dafür begeistern.

Sie macht Jugend- und Kinderprojekte, hat auch ein Buch geschrieben, der Erlös vom Verkauf ging auch wieder in Kinderprojekte, gerade um auch Kinder und Jugendlichen, vor allem auch Mädchen speziell für die Raumfahrt und Naturwissenschaften zu begeistern. Sie ist eine Maschinenbauingenieurin und Kampfpilotin. Also sie kennt sich mit Technik aus und möchte da einfach vor allem Mädchen dahin bringen, sich in diesem Bereich ein bisschen zu engagieren.

ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti beantwortet im Zuge der Raumfahrtmission Horizons die Fragen von Schülern in Berlin. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti beantwortet die Fragen von Schülern in Berlin. Picture Alliance

Muss Samantha Cristoforetti als Frau, wenn sie Kommandantin auf der ISS werden will, besser sein als jeder Mann, der sich dafür in Stellung bringen möchte?

Ich bin bei diesen Auswahlen nicht dabei. Ich kann nur sagen, die Ausgewählten der letzten Astronauten-Jahrgänge waren in der Regel Männer. Samantha Cristoforetti ist derzeit die einzige Frau im europäischen Astronautenkorps. Das ist in den USA schon anders. Dort gibt es eine neue Astronautenklasse, da ist es quasi Hälfte-Hälfte gemischt.

In Europa gibt es jetzt demnächst eine neue Astronautenklasse. Die werden demnächst benannt, und da darf man auch erwarten, dass es eher Hälfte-Hälfte ist.

Aber als Samantha Cristoforetti im Jahr 2009 gezogen wurde für diesen Job, war sie eben wirklich die absolute Ausnahme.

Und da darf man dann, glaube ich, schon davon ausgehen, dass es schlichtweg damals als Frau noch schwerer war hereinzukommen und es auch keine spezielle Förderung oder kein spezielles Augenmerk darauf gab. Denn schon damals hatten sich mehrere Frauen beworben. Inzwischen ist der Anteil sicherlich höher.

Bringt sich Frau Cristoforetti damit in eine Position, in der sie sagen kann – nach dieser Kommandoposition möchte ich noch mehr im Weltall machen?

Ich glaube, sie muss das dann gar nicht sagen, weil sie so ein gutes Standing hat, dass sie für größere Aufgaben absolut eine Kandidatin ist.

Sie ist ja auch erst 45 Jahre alt – also im besten "Astronautinnen-Alter" und kann noch gut zehn Jahre Missionen fliegen. Deshalb fährt sie in genau diesem Zeitraum, wo man dann davon ausgehen kann, dass auch eine Mondmission ansteht. Also Samantha Cristoforetti ist für mich die Top-Kandidatin für die erste Europäerin oder insgesamt den ersten Menschen aus Europa, der auf dem Mond unterwegs sein könnte.

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