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Riechtraining kann möglicherweise helfen, Krankheiten und Beschwerden zu lindern: Schlafstörungen, Schmerzen oder ein verlorener Geruchsinn nach einer Covid-19-Erkrankung.

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Gerüche beeinflussen uns – aber wir sind uns dessen meist nicht bewusst. Ob wir Menschen sympathisch finden oder nicht, ob wir uns in Räumen wohlfühlen oder nicht. Ob wir uns auf ein Essen freuen oder nicht – das alles hängt auch von dem Duft ab, den sie verströmen. Denn der erreicht unsere Nase und auf allerkürzestem Weg damit auch unser Gehirn.

Gerüche sind oft mit emotionalen Erlebnissen verbunden. Gewisse Düfte können sogar gezielt das Wohlbefinden steigern. Forschende der Universität Dresden haben die Effekte von Riechtraining erforscht.

Düfte erreichen auf kurzem Weg durch die Nase das Gehirn

Ganz oben in der Nase sitzen bis zu 30 Millionen Riechzellen, verteilt auf nur fünf Quadratzentimetern Nasen-Schleimhaut. Die hätten, so der Riechforscher Thomas Hummel, dann einen ganz kurzen Weg zum Riechkolben, der bereits ein Hirnteil ist. Von dort aus gehe die Information dann weiter ins Gehirn und zu Orten, die sehr viel mit Emotion zu tun hätten, erklärt Hummel. Diese Gehirnarreale heißen "Hippocampus" und "limbisches System".

Riechen ist ein tief emotionaler Sinn. Das ist das, was mich am Riechen fasziniert. Und dass Riechen im Hintergrund arbeitet.

Ein Duft erreicht die Nase und auf allerkürzestem Weg auch das Gehirn.  (Foto: Imago, imago/Becker&Bredel)
Ein Duft erreicht die Nase und auf allerkürzestem Weg auch das Gehirn. Imago imago/Becker&Bredel

Riechtraining verbessert die geistige Fitness

Weil also Düfte ganz flott diese Zentren für Erinnerung und Gefühle erreichen – lag es für die Dresdener Riechforschenden nahe, das als Therapie zu nutzen. Sie machten eine Studie mit mehr als 100 älteren Menschen. Und stellten sich dabei die Frage, ob regelmäßiges Riechtraining vielleicht sogar die Stimmung hebt und geistige Fitness steigern kann.

Sie haben Riechtraining mit Sudoku verglichen – das Riechtraining habe deutlich besser abgeschnitten. Riechtraining sei also durchaus zu empfehlen und zeigte sogar eine Verbesserung in der Wortflüssigkeit.

Riechtraining (Foto: Imago, imago images/Panthermedia)
Imago imago images/Panthermedia

Riechforschung

Riechtraining sieht so aus: zweimal am Tag 20 Sekunden lang intensiv an einer Duftflasche oder -stift schnuppern – und das über einige Monate. Dass das gegen Riechverlust helfen kann, zum Beispiel auch nach einer Covid-19- Erkrankung, ist seit längerem bekannt.

Eimal am Tag 20 Sekunden lang intensiv an Duftflaschen oder -stiften schnuppern – über einige Monate. Das kann gegen Riechverlust helfen, auch nach einer Covid-19- Erkrankung.  (Foto: Imago, imago stock&people)
Eimal am Tag 20 Sekunden lang intensiv an Duftflaschen oder -stiften schnuppern – über einige Monate. Das kann gegen Riechverlust helfen, auch nach einer Covid-19- Erkrankung. Imago imago stock&people

Neu ist, dass man damit auch das Gedächtnis verbessern kann. Das haben die Dresdener in einer Studie mit Parkinsonpatienten herausgefunden. Auch ihnen wurde Riechtraining gegen ihren Riechverlust verordnet, um das Riechen zu verbessern. Da habe man gesehen, dass es einen Effekt auf das Kurzzeitgedächtnis hatte.

Meist sind es kleinere Studien. Die Riechforschung steht noch am Anfang – denn erst seit den 90er Jahren weiß man überhaupt, dass es Riechzellen in der Nase gibt. Inzwischen zeigt die Grundlagenforschung, dass Rezeptoren im gesamten Körper, also auch in der Haut, im Herzen, im Darm, in der Lage sind, Düfte aufzunehmen.

Aromatherapie ist was anderes als Riechtherapie

Unterscheiden muss man Riechtraining von der Aromatherapie. Hier stehen einzelne Düfte und ihre Wirkung im Vordergrund. Die Naturheilkunde arbeitet seit vielen Jahrhunderten damit, Lavendel zur Entspannung zum Beispiel. Aber die Studienlage dazu ist dünn.

Düfte reduzieren schlechten Schlaf und Albträume

Antje Hähner und ihr Riechforschungsteam setzen dagegen allgemein auf die Riechfähigkeit des Menschen – und die ist immer vorhanden, auch im Schlaf. Eine Studie befasste sich mit Belastungsstörungen. Die Patienten hatten schwere Albträume – und wurden nachts beduftet. Die Patienten, die den Duft bekamen, konnten im Vergleich zu denjenigen die nur der normalen Raumluft ausgesetzt waren, besser schlafen und hatten weniger Albträume, erklärt Hähner.

Gewisse Gerüche verbessern den Schlaf und reduzieren Albträume. (Foto: Imago, imago/alimdi)
Gewisse Gerüche verbessern den Schlaf und reduzieren Albträume. Imago imago/alimdi

Angenehme Düfte müssen es sein

Ganz egal ist es allerdings nicht, welche Düfte das sind. Sie sollten, sagt die Forscherin, schon als angenehm empfunden werden. Dass Düfte auch im Kopf ankommen, können die Forschenden heute mit Messungen der Hirnströme sehen. Und so hatten sie die Idee, mit dem Schnuppertraining vielleicht auch andere Leiden zu erreichen, die sich im Kopf abspielen – wie zum Beispiel Schmerzen.

"Wir haben einen Einfluss gesehen auf die Stimmung/ Emotion, auf die Kognition, es gab einen Hinweis auf Aufmerksamkeit und Konzentration – und das sind alles Sachen, die auch beim Schmerz eine Rolle spielen."

Pilotstudie Universitätsklinikum Dreden

So kam es, dass die HNO-Ärztin und Riechforscherin Antje Hähner zusammen mit der Neurologin und Schmerzspezialistin Gudrun Gossrau am Universitätsklinikum Dresden eine kleine Pilotstudie machten: Sie wollten herausfinden, ob Duftstifte mit Zimt, Lavendel oder Rose auch einen Einfluss auf das Schmerzempfinden von Rückengeplagten haben.

Gudrun Gossrau: "Wir haben geschaut: Wie ist die Schmerzstärke im Moment. Und dann auch geschaut, als wie schmerzhaft empfinden sie einen Reiz, den wir setzen. Und da ist es schon so, dass die Schmerzhaftigkeit dieses Reizes abgenommen hat. Die Patienten haben nach dem Riechtraining mehr toleriert."

Duftstifte mit Zimt, Lavendel oder Rose auch lindern den Rückenschmerz von Rückengeplagten. (Foto: Imago, imago/photothek)
Duftstifte mit Zimt, Lavendel oder Rose auch lindern den Rückenschmerz von Rückengeplagten. Imago imago/photothek

Düfte lindern den Schmerz

Riechtraining kann also womöglich unempfindlicher machen, zumindest gegen neu auftretende Schmerzen. Es wäre eine sanfte zusätzliche Therapieoption, denn bei chronischen Rückenschmerzpatienten gilt es, eine jahre- oder jahrzehntelange Schmerzspirale zu durchbrechen. Dass Düfte hier einen Weg aus dem Schmerz bahnen könnten, habe sie selbst überrascht, sagt die Neurologin Gudrun Gossrau.

Über die Patienten, die auch gern nach Ende der Studie weiter machen wollten, sei sie auch überrascht gewesen. Sie wollten mit den Riechstiften weiter trainieren und wollten diese auch nicht zurückgeben.

Helfen bestimmte Gerüche auch bei Migräne?

Nun soll eine größere Studie folgen. Und auch gegen Migräne wollen die Dresdener Forscherinnen mit regelmäßigem Schnuppern von zum Beispiel Zimt oder Zeder angehen. Da liegt was in der Luft, erklärt sie weiter.

In einer größeren Studie wird erforscht, ob das Schnuppern von Zimt oder Zeder gegen Migräne hilft. (Foto: Imago, imago images/Panthermedia)
In einer größeren Studie wird erforscht, ob das Schnuppern von Zimt oder Zeder gegen Migräne hilft. Imago imago images/Panthermedia
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