Gefangen im Harz der Bäume Fossile Insekten in Bernstein

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Im Bernstein eingeschlossene Pflanzen, Insekten oder Wirbeltiere ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Geschichte des Lebens auf unserer Erde. Das Staatliche Museum für Naturkunde in Stuttgart präsentiert nun die wissenschaftlich bedeutendsten und schönsten Exponate.

Die Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“ im Stuttgarter Naturkundemuseum zeigt zum ersten Mal die Bandbreite aller tierischen und pflanzlichen Einschlüsse im Bernstein. Die Bernsteinfossilien sind bis zu 130 Millionen Jahre alt. Selbst winzige und filigrane Individuen sind bis ins kleinste Detail erhalten und es scheint als ob sie eben noch gelebt hätten.

Dr. Arnold Staniczek ist sichtlich stolz auf das, was er und seine Mitarbeiter in den vergangenen Monaten auf die Beine gestellt haben. Der Insektenforscher und Paläontologe ist die treibende Kraft hinter der Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“, die nun im Stuttgarter Naturkundemuseum startet und bis Juli 2019 verblüffende Einblicke in die Welt von ganz früher bietet.

Der Insektenforscher und Paläontologe Arnold Staniczek (Foto: SWR, SWR - Thomas Hillebrandt)
Der Insektenforscher und Paläontologe Arnold Staniczek ist die treibende Kraft hinter der Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“. SWR - Thomas Hillebrandt

Gefangen im Harz der Bäume

Diese Einblicke sind möglich, weil seit vielen Millionen Jahren in den Wäldern der Erde ein ganz bestimmter Prozess abläuft: Klebriges Harz tropft von einem Nadelbaum und umschließt unvorsichtige Insekten, Kleintiere oder Pflanzenteile. Aus Baumharz wird im Laufe der Zeit Bernstein, der das Eingeschlossene konserviert für die Ewigkeit. Diese Einschlüsse, sogenannte „Inklusen“, entstehen aber nur, wenn das Harz schnell austrocknet und härtet. Was so in Bernstein eingeschlossen wird, ist, im Gegensatz zu vielen anderen Fossilien, nicht zusammengedrückt oder verformt.

Unvorsichtige Insekten und andere Tiere werden schon seit Millionen von Jahren in Harz eingegossen (Foto: SWR, SWR -)
Unvorsichtige Insekten und andere Tiere werden schon seit Millionen von Jahren in Harz eingegossen SWR -



Im Laufe der Jahrmillionen ist das viele Male passiert und so haben Wissenschaftler die Möglichkeit, weit in die Vergangenheit zu schauen. Aber das ist, wie Arnold Staniczek erklärt, nicht ganz einfach:
Wenn ich einen Bernstein mit einem Einschluss auf den Tisch bekomme, dann kann es sehr schwierig sein, da überhaupt es etwas Sinnvolles herauszufinden. Die Tiere und Pflanzen, die im Bernstein eingeschlossen sind, kann man nicht einfach so aus dem Bernstein herauslösen oder befreien, das geht nicht. Das heißt; man muss sich andere Methoden überlegen, um an die Information zu kommen, die diese Fossilien beherbergen.

Moderne Technik ermöglicht Blick in die Vergangenheit

Und diese Methoden nutzen sie in Stuttgart. Denn das Naturkundemuseum ist nicht nur Ausstellungsort, sondern auch Forschungsstätte. Die hier vorhandene Bernstein-Sammlung zählt zu den bedeutendsten der Welt. Für die Ausstellung haben die Wissenschaftler daher nicht nur Funde aus der ganzen Welt zusammengetragen, sondern auch in ihre eigenen Archive geschaut – und dort liegt zum Beispiel schon lange ein Bernstein mit einem winzigen Nestkäfer, von dem sich die Art aber nur bestimmen lässt, wenn man auf die Genitalien schaut.

Männlicher Käfer im Bernstein konserviert

Heutige Käfern kann man die durch Präparation freilegen, im Bernstein klappt das nicht. Daher nutzen Arnold Staniczek und seine Kollegen nun modernste Computer-Tomographie-Technik, bauen aus den damit entstehenden Schnittbildern ein 3D-Modell des Käfers und können nun auch die Genitalien im Körperinneren erkennen.
Dann steht fest: Es ist eine neue Art. Der neue Käfer bekommt den schönen Namen „Nemadus microtomographicus“ – und es ist ein Männchen, das vor 40 Millionen Jahren in den damaligen Wäldern im heutigen Ostseegebiet gelebt hat. Der Vergleich mit neueren Arten erlaubt eine Zuordnung zu einer bestimmten Artengruppe der Nestkäfer.

Geschlechtsorgane des Nemadus microtomographicus (Foto: Naturkundemuseum Stuttgart -)
Geschlechtsorgane des Nemadus microtomographicus. Es ist eindeutig ein Männchen. Naturkundemuseum Stuttgart -

Bernstein aus der Zeit der Dinosaurier

Der Käfer wurde im „Baltischen Bernstein“ gefunden, eine der drei großen Fundstätten aus verschiedenen Erdzeitaltern, die in der Stuttgarter Ausstellung zu sehen sind. Ebenso bedeutend, aber mit rund 16 Millionen Jahren viel jünger, ist der „Dominikanische Bernstein“ aus der heutigen Karibikregion. Und in Südostasien, im heutigen Myanmar, liegt das Gebiet des deutlich älteren „Burmesischen Bernsteins“. Arnold Staniczek:

Der burmesische Bernstein, der ist deswegen so interessant, weil er 100 Millionen Jahre alt ist, also da sind Tiere und Pflanzen drin zu einer Zeit, als die Dinosaurier noch herumgelaufen sind. Von daher können wir sehr weit in die Evolution zurückblicken und haben schon spektakuläre Ergebnisse geliefert. Wir haben Klauen und Federn von Coelurosauriern, also Vorfahren von Vögeln, die noch saurierartig waren, aber schon Federn hatten.

Die Stuttgarter Ausstellung präsentiert viele solcher herausragenden Exponate aus den Bernstein-Fundstätten dieser Welt. Die Inklusen erzählen spannende Geschichten von Überlebenskämpfen, vergeblichen Rettungsaktionen und anderen dramatischen Ereignissen aus lange vergangenen Zeiten.
Das alles ermöglicht tiefe Einblicke in die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten.
Einblicke, die möglich sind, weil vor vielen Millionen Jahren klebriges Harz von einem Nadelbaum getropft ist, etwa ein unvorsichtiges Insekt umschlossen und damit konserviert hat für die Ewigkeit.

Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“ (Foto: SWR, SWR -)
In der Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“ im Stuttgarter Naturkundemuseum wird die ganze Bandbreite aller tierischen und pflanzlichen Einschlüsse im Bernstein gezeigt. SWR -

Bernstein erzählt faszinierende Geschichten des Lebens

Aus den verschiedenen Erdzeitaltern gibt es eine große Bandbreite an Funden: Von Insekten, über Wirbeltiere, bis hin zu Saurierfedern. Es gibt die älteste gefunden echte Vogelfeder, Funde, die als Missing Link in der Evolutionsgeschichte gelten, bislang noch unbeschriebene Arten, deren Geheimnisse erst jetzt langsam entschlüsselt werden.
Viele der zu sehenden Objekte werden zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Durch ihre intensive Untersuchung mit modernsten, bildgebenden Verfahren entdecken die Forscher nicht nur immer mehr Details und auch neue Arten, sie können dadurch auch ganze Ökosysteme rekonstruieren.

In Stuttgart kann der Besucher auf eine Zeitreise gehen, um diese Geschichten aus der Urzeit zu erleben, zu erfahren, was vor langer Zeit in den Bernsteinwälder der Erde passiert ist. Ein Vorgang, der auch heute noch genau so abläuft, wie vor vielen Millionen Jahren.

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