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Ein Mann tippt verzweifelt auf seinem Smartphone rum.

Digitale Hilfe für die kranke Seele Psychotherapie per App

Sind Smartphones und das mobile Internet die Lösung für psychische Erkrankungen oder zumindest ein Teil der Lösung? Der Markt für Mental Health-Apps wächst jedenfalls. Schon träumen Forscher und Unternehmer von einer weitgehend automatisierten Psychotherapie.

Schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter einer psychischen Erkrankung. Ihre Zahl steigt. Laut einer Studie im Auftrag der DAK kommen auf 100 Versicherte mittlerweile 246 Fehltage im Jahr wegen einer Depression, einer Anpassungs- oder Belastungsstörung.

Wer heute in einem der App Stores von Google oder von Apple die Stichworte „Psychische Gesundheit“ eingibt, findet gut 300 000 Programme – für ein besseres Stressmanagement, gegen Niedergeschlagenheit oder zur Stärkung des Selbstbewusstseins.

Millionen Menschen nutzen mittlerweile solche Electronic Mental Heath Apps – Computerprogramme für die seelische Gesundheit. So liefern manche Apps z.B. passend zu jeweiligen Grundstimmung eine Meditation, die auf diese Emotion abgestimmt ist. Ein Ton des Smartphones erinnert jeden Tag an einen neuen Eintrag über die aktuelle Gefühlslage.

Ein Mädchen hält ein Handy mit traurigem Emoji

Wissenschaftler wollen depressive Phasen früh erkennen

App gegen Stress

Die Smartphone-Programme vermessen sozusagen die Stimmung ihrer Nutzer – so wie Fitness-Apps die körperliche Aktivität erfassen. Außerdem schicken sie gut gemeinte Ratschläge und aufmunternde Worte.

Für viele sind solche Apps eher eine Spielerei. Aber auch die traditionelle Psychotherapie interessiert sich für die Möglichkeiten des mobilen Internets – erklärt Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Den Therapeuten immer dabei

In seiner Forschung ist er beispielsweise im Bereich mobiler Telefone sehr interessiert daran, diese Geräte dazu zu nutzen, herauszufinden, wie es seinen Patienten in ihren realen Lebenswelten geht. Und in einem zweiten Schritt auch in diesen Lebenswelten zu therapieren.

Ob Depression oder Magersucht, Phobie, Suchterkrankung oder Schlafstörung – buchstäblich für jede psychische Störung entsteht gegenwärtig irgendwo eine sogenannte Internet-Intervention. Andreas Meyer-Lindenberg arbeitet, unter anderem, mit Patienten, die an Agoraphobie leiden, der Angst vor offenen Plätzen.

Mit Hilfe des Smartphones kann er Symptome und den Krankheitsverlauf besser diagnostizieren. Denn die Programme erfassen, was die Patienten wirklich tun – auch außerhalb der Praxis. Das funktioniert über GPS-Satelliten.

Verhalten sieht man nicht in Daten

Wenn beispielsweise jemand Platzangst hat, gehen die Patienten tatsächlich, wie Meyer-Lindenberg es mit ihnen vereinbart hat, über einen großen Platz oder drücken sich eher so am Rand entlang. So kann er sehen, wie die Therapie in der Praxis funktioniert.

Die neuen psychotherapeutischen Programme nutzen ganz unterschiedliche Parameter für die Diagnostik: den Aufenthaltsort der Patienten, ihr Bewegungsverhalten, auch die Zahl von SMS und Telefonaten. Solche Daten können automatisch ausgewertet werden und beispielsweise auf eine manische Episode hinweisen.

Die Computerprogramme taugen aber nicht nur dazu, Verhalten aufzuzeichnen. Sie können – mithilfe Künstlicher Intelligenz – auf dieses Verhalten auch reagieren. Schöne neue Welt der Psychotherapie – zielgerichtet, effizient, automatisch. Wie weit Internetintervention dazu taugen, psychisch kranke Menschen zu behandeln, ist allerdings umstritten.

Begleiten im Alltag

Doch David Daniel Ebert ist überzeugt: der digitalen Psychotherapie gehört die Zukunft. Der Psychologe an der Universität Erlangen ist selbst Teilhaber der Firma Get.On, die Online-Therapien anbietet. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit psychotherapeutischen Computerprogrammen.

Denn für ihn geht es darum, wie kann man das, was die Therapeuten wissen, was wirkt, so aufbereiten, um Patienten dabei zu unterstützen, im Alltag Dinge anders zu machen, Strategien zu erlernen, die sie selber anwenden können, damit es ihnen besser geht.

Andere Psychologen sind skeptischer. Zum Beispiel Kai Sassenberg vom Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien. Denn für ihn kann diese räumliche und zeitliche Distanz auch zum Problem werden, denn es fehlt der Blickkontakt und das klinische Urteil.

Viele Psycho-Apps sind unwirksam

Wie wirksam die Therapie-Programme sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Störungen, Patientengruppen und Behandlungen sind einfach zu groß.
In einem Punkt sind sich die Experten allerdings einig: Auf dem digitalen Gesundheitsmarkt wird viel Schund angeboten.

Ebert machte eine Studie im Bereich Stress-Management und hat herausgefunden, dass die Hälfte aller international verfügbaren Studien keine Effekte gefunden haben. Die Hälfte der untersuchten Interventionen war wirkungslos.

Depressionen heilt man nicht per App

Bei anderen Online-Therapien telefonieren die Patienten einmal in der Woche mit einem Psychologen. Solche „begleiteten Therapien“ wirken deutlich besser als die unbegleiteten „Selbstmanagement-Kurse“.

Dennoch, zahlreiche Wissenschaftler und Software-Entwickler arbeiten gegenwärtig daran, die Behandlung psychischer Störungen sozusagen zu automatisieren. Der Psychologe Kai Sassenberg sieht diese Entwicklung skeptisch, denn es gibt noch kein System, das in der Lage ist, eine Kommunikation zu führen, die auch wirklich etwas verändert. Zwar könnten solche Apps vielleicht dazu beitragen, die Stimmung etwas aufzuhellen. Aber die Behandlung einer Depression überlässt man doch lieber den nicht digitalen Spezialisten.