Eine Spritze wird aus einer Covid-19-Impfstoffampulle aufgezogen. (Foto: IMAGO, IMAGO / Sylvio Dittrich)

Impfnebenwirkung

Wie verbreitet ist das Post-Vac-Syndrom?

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Lara Bitzer, Caroline Reischl, Ralf Kölbel
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Lilly Zerbst

Krank durch Corona-Impfung: Wer unter dem seltenen „Post-Vac-Syndrom“ leidet, erlebt Kopfschmerzen, Atemnot und zum Teil auch schwerwiegendere Nebenwirkungen. Das Phänomen ist noch wenig erforscht. Wie verbreitet ist die Erkrankung und was kann man tun?

Die Corona-Impfung sei „nebenwirkungsfrei“ – für diese Aussage erntete Bundesgesundheitminister Karl Lauterbach viel Kritik. Denn auch wenn die Impfung eine der effektivsten Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist – laut einer aktuellen Studie soll sie weltweit bis zu 20 Millionen Menschenleben gerettet haben – in sehr seltenen Fällen kann eine Impfung auch zu teils schwerwiegenden Symptomen führen. Mittlerweile rudert auch Lauterbach, selbst approbierter Arzt, zurück: Das Post-Vac-Syndrom müsse besser untersucht werden, forderte er kürzlich auf Twitter.

Post-Vac-Symptome treten später und intensiver als Impfreaktionen auf

Laut Robert Koch-Institut gehören Schmerzen an der Einstichstelle, Ermüdung, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Schüttelfrost zu den normalen Reaktionen auf eine Impfung mit den in Deutschland zugelassenen mRNA-Covid-19-Impfstoffe.

Anders als bei direkten Impfreaktionen, kommen die Symptome bei Post-Vac meist erst zwei bis drei Wochen nach der Impfung zum Vorschein, erklärt Prof. Bernhard Schieffer, Leiter der Post-Vax Ambulanz am Uniklinikum Marburg. Wegen der ähnlichen Symptomatik zu Long-Covid, also den anhaltenden Beschwerden nach einer Corona-Infektion, wird das „Post-Vac-Syndrom“ teilweise medial auch als „Long-Covid nach COVID-19-Impfung" bezeichnet. Häufig treten Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Übelkeit, aber auch Herz-Kreislauf-Beschwerden und Bewegungsstörungen auf, so Schieffer.

Älterer Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht hält sich die Hände an den Kopf. (Foto: IMAGO, IMAGO / PhotoAlto)
Kopfschmerzen können eine unmittelbare Reaktion auf die Corona-Impfung sein. Langanhaltend und intensiv treten die Schmerzen aber auch beiLong-Covid und dem Post-Vac-Syndrom auf. IMAGO / PhotoAlto

Aber auch schwere Nebenwirkungen wie zum Beispiel Hirnvenenthrombosen, Lähmungserscheinungen, Herzbeutelentzündungen oder chronische Erschöpfungszustände können in sehr seltenen Fällen nach einer Corona-Impfung auftreten. Plötzliche Nebenwirkungen die erst Jahre später auftreten, wurden bislang bei keinem jemals entwickelten Impfstoff festgestellt und sind auch nach einer Corona-Impfung nicht zu erwarten.

Risiko für Long-Covid wesentlich höher als für Post-Vac

Laut Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts gab es seit Impfbeginn bis März 2022 pro 1.000 Corona-Impfungen rund 1,7 Meldungen über Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen. Rund 0,02 Prozent der Geimpften, also knapp 13.000 Menschen, mussten dem Bericht zufolge mit schwerwiegenden Nebenwirkungen kämpfen. Hier werden auch Fälle unerwünschter Reaktionen „von besonderem Interesse nach COVID-19-Impfstoffen“ wie Atembeschwerden und Arrhytmie eingerechnet, die normalerweise nicht unter die Definition schwerwiegender Nebenwirkungen des Arzneimittelgesetzes fallen.

Zum Vergleich: Bei Long-Covid deuten Daten einer deutschen Studie darauf hin, dass bis zu 20 bis 30 Prozent der Genesenen unter andauernden gesundheitlichen Beschwerden noch sechs Monate nach einer Corona-Infektion leiden. Das Risiko, länger anhaltende Beschwerden zu bekommen ist also nach eine Corona-Infektion um ein Vielfaches höher als nach einer Corona-Impfung.

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Besonders junge Frauen sollen betroffen sein

Entgegen den bisherigen Annahmen sollen vor allem junge Menschen und insbesondere junge Frauen von dem Post-Vac-Syndrom betroffen sein, beobachtet Prof. Schieffer vom Uniklinikum Marburg. Er vermutet, dass hinter schweren Impfkomplikationen bei zuvor fitten Betroffenen möglicherweise unentdeckte immunologische Defekte oder eine akute Infektion stecken könnten.

Solche Menschen sollen in Zukunft besser geschützt werden, so Schieffer. Dafür fordert er weitere Forschung, vor allem in der Grundlagenforschung im Bereich der Virologie und Immunologie und auch in der klinischen Forschung. Auch der Mechanismus, der die Symptome nach der Impfung auslöst, ist noch Forschungsgegenstand.

Geringe Datenlage: Jeder kann Impfnebenwirkungen melden

Die Verdachtsfälle auf das Post-Vac-Syndrom nehmen zu. Das berichtet das Paul-Ehrlich-Institut in einer Stellungnahme gegenüber dem SWR. Jedoch lasse sich davon allein kein direktes Risikosignal ableiten, heißt es weiter. Denn in der Mehrzahl der deutschen Meldungen wurde die Diagnose nicht ärztlich bestätigt, so die Stellungnahme.

Impfarzt bei Besprechung mit einer jungen Frau im Ärztezimmer. (Foto: IMAGO, IMAGO / Wolfgang Maria Weber)
Ärztinnen und Ärzte müssen Nebenwirkungen gemäß des Arzneimittelgesetzes melden. Ein Teil der Meldungen erflgt an das Paul-Ehrlich-Institut. IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte können aber ihrer Meldepflicht meist nur schwer nachkommen, meint Epidemiologe Dr. Klaus Stöhr. Für das Ausfüllen der entsprechenden Formulare benötige ein Arzt pro Patient im Schnitt 20 bis 30 Minuten, für die er keine adäquate Vergütung bekomme. Man dürfe auch nicht vergessen, so Stöhr gegenüber dem SWR, dass noch nie in so kurzer Zeit so viele Menschen geimpft wurden. Es fehle bislang die Infrastruktur, um Nebenwirkungen dann auch angemessen nachzuverfolgen.

Daher ruft das Paul-Ehrlich-Institut auch Betroffene dazu auf, Impfnebenwirkungen selbst online oder telefonisch an das Institut zu melden – mit dem dringenden Hinweis, zur Diagnose und Behandlung der Symptome umgehend einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen.

Wo können Betroffene Hilfe finden?

Neben dem Hausarzt und der Hausärztin, können sich Betroffene mit schwerwiegenden Impfnebenwirkunen mittlerweile auch an spezialisierte Sprechstunden wenden. Solche werden zum Beispiel am Fatigue Zentrum der Berliner Charité, an der Spezialambulanz der Universitätsklinik Marburg, an der Uniklinik Köln und in Erlangen angeboten. Deutschlandweit gibt es allerdings noch recht wenig solcher Anlaufstellen, die Wartelisten sind dementsprechend lang.

“Ich habe Stand heute knapp dreieinhalb tausend Patienten auf meiner Warteliste aus ganz Europa und die wollen alle behandelt werden."

In vielen Städten und Gemeinden haben sich mittlerweile auch Selbsthilfegruppen gebildet, in denen sich Betroffene untereinander austauschen können. Vorsicht walten lassen sollten Hilfesuchende allerdings bei Empfehlungen zu fragwürdigen Therapien, die teilweise mehrere tausend Euro kosten können und von Patientinnen und Patienten im Zweifelsfall selbst bezahlt werden müssen. Solche Therapien können teilweise auch gravierende Nebenwirkungen haben, meint Prof. Christoph Kleinschnitz vom Universitätsklinikum Essen.

„Man muss verlangen, dass solche Therapien in klinischen Studien kontrolliert, anonymisiert und unter Ausschaltung des Placebo-Effektes geprüft werden. Das ist bisher nicht der Fall.”

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