Bitte warten...
Polyamoröse Beziehungen sind auch in unserer eher aufgeklärten Gesellschaft immer noch eher ein Tabuthema

Mehrere Menschen gleichzeitig lieben Beziehungsmodell Polyamorie

Polyamoröse lieben mehr als einen Menschen. Deshalb haben sie auch Beziehungen mit mehreren Partnern gleichzeitig. Wie funktioniert das? Diese Frage interessiert Soziologen.

Können Sie sich vorstellen, mit mehreren Menschen gleichzeitig eine Beziehung zu führen? Mit Gefühlen und allem, was dazugehört? Genau das machen "Polyamoröse", was so viel heißt wie "Mehrfachliebende". Und jeder der Partner weiß darüber Bescheid. Ist es der Sex – oder ganz romantisch am Ende die Liebe, warum Menschen so leben wollen? Sind es eher junge Menschen, die sich ausprobieren oder wer oder was ist eigentlich poly? Der 29-jährige Lucas lebt es offen aus: Er hat Gefühle für mehrere Menschen.


Gefühle für mehr als eine Person

Lucas war mit einer Frau zusammen, für die er viel empfunden hat. Aber: Er hatte währenddessen auch Gefühle für andere Frauen und hat das auch ausgelebt. Seine Freundin wusste davon und hat es genauso gemacht. Beide hatten also immer mal wieder mehrere Partner. Gefühle und Sex nur mit einem Menschen, also das vorrangige Beziehungsmodell unserer Gesellschaft – das hält Lucas für ziemlich unrealistisch:

Wenn man jetzt auf dem Land wohnt und es gibt nur drei Personen in meinem Alter, dann ist das vielleicht nicht so ein Problem. Aber in der Urbanisierung, alle wohnen in Städten und haben Tinder oder was auch immer und können hunderttausende verschiedene Leute sehen, da kann ich mir nicht vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die nur Gefühle für eine Person haben.

Wenig Forschung über Polyamorie

Der Soziologe Stefan Ossman von der Universität Wien forscht über Polyamorie. Er kennt viele Menschen, die wie Lucas denken und auch so leben: polyamorös, also mit emotionalen Beziehungen zu mehreren Menschen. Und alle Beteiligten wissen darüber Bescheid. Weil es wenig Forschung dazu im deutschsprachigen Raum gibt, schreibt Ossmann seine Doktorarbeit über dieses Thema.

Polyamorie - jeder Partner hat mehrere romantische Beziehungen

Kennzeichen der Polyamorie

Zum einen schaute sich Ossman dafür an, was Medien bereits zu diesem Thema veröffentlicht hatten, zum anderen führte er nach einem bestimmten Fragenkatalog Interviews. Dabei ging es ihm vor allem darum herauszufinden: Was ist im Leben eines Menschen passiert, dass er polyamorös lebt? Und natürlich: Was ist "poly" eigentlich?

Ein Stück Freiheit

Das ist eine der Schlüsselfragen, die wir versuchen in diesem Forschungsprojekt herauszufinden, wie man Polyamorie denn definiert, ob es eine Form intimer Praxis ist, eine Form von Identität, eine Form von sexueller Orientierung zum Beispiel. Und was nach zwei Jahren sich zu manifestieren scheint, ist, dass es ein bisschen was von allem ist.

Für Lucas ist es eine Art Freiheit. Er will nicht blind darauf vertrauen, was in einer Gesellschaft gerade als richtig bewertet wird. Schon gar nicht, wenn es um so etwas Privates wie sein Liebesleben geht:

Für mich ist es wichtig, Beziehungsmodelle zu hinterfragen. Per se. Und gerade ist halt das monogame Beziehungsmodell. Und deshalb hinterfrage ich das. Und wenn jetzt das polyamoröse Modell vorherrschen würde, würde ich vielleicht auch das hinterfragen.

Polyamorie - alle Beteiligten wissen über alle Beziehungen Bescheid

Wichtige Voraussetzung ist Offenheit

Auch Polyamorie bedeutet Beziehungsarbeit

Hinterfragen – das war auch Ossmanns Motivation für seine Arbeit. Zum Beispiel gängige Klischees, wenn es darum geht, Beziehungen anders zu führen. Viele Menschen würden denken, dass Polyamoröse generell auch viel mehr Sex hätten, hat Ossmann herausgefunden. Doch das stimme nicht, sagt der Wiener Soziologe:

Nein! Einen großen Teil ihrer Zeit verbringen Poly-Menschen damit, ihre Beziehungen auszuverhandeln und das nicht mit einem Partner, sondern mit mehreren.

Ausverhandelt werden dabei Dinge wie Eifersucht und wie viel Zeit wer mit wem verbringt. Denn solche Grundsatzdiskussionen sind nicht plötzlich weg, nur weil man mehrere Partner hat. Das klingt jetzt erst einmal ziemlich anstrengend. Auf die Frage, warum Menschen aber trotzdem so leben wollen, darauf bekam Ossmann immer wieder eine simple Antwort: "Man kann nicht anders, weil man mehr als eine Person liebt."

Große Männer haben auch längere Beziehungen

Die romantische Liebe zu zweit ist eigentlich eine Erfindung der Neuzeit.

Nicht alle sind die Nummer 1

Polyamorie bedeutet aber nicht, dass man alle Partner gleich lieben muss. Viele machen Unterschiede, wer jetzt gerade Beziehung Nummer 1, 2 oder 3 ist.

Die Sozialwissenschaft hat da versucht, eine Kategorisierung vorzunehmen. Wir sprechen hier von primären, sekundären und tertiären Beziehungen. Je nach Intensität. Das definiert sich vor allem dadurch, wie viel Zeit man miteinander verbringt, wie man den Urlaub miteinander verbringt.

Oder wer einen zum Beispiel ins Krankenhaus fährt, wenn man krank ist. Wenn man also in so einer Konstellation lebt, kann es sein, dass man gerade nicht die Nummer 1 ist und muss damit leben können.

Umgang mit Eifersucht

Wichtig für die Mehrfachliebenden ist es auch, dass mit Eifersucht anders umgegangen wird. Stefan Ossmann:

Mitfreude ist einer der Schlüsselbegriffe in der Polyamorie. Das bedeutet, wenn ich in einer polyamörosen Beziehung bin, mich drüber freuen kann, wenn meine Partnerin oder mein Partner eine gute Zeit hat mit einer anderen Person, also tatsächlich das Gegenteil von Eifersucht.

Lucas sieht das genauso. Zumal er und seine Freundin sich gar nicht so oft sehen konnten:

Und wenn ich jemanden wirklich liebe, dann will ich doch, dass der Freude hat. Und gerade bei einer Fernbeziehung will ich doch, dass mein Beziehungspartner nicht versauert, nur weil ich nicht da bin. Sondern ich freue mich doch, wenn mein Beziehungspartner ein gutes Leben hat.

Das klingt natürlich einfacher, als es ist – das musste Lucas selbst erfahren: So war er am Ende doch traurig, wenn seine Freundin lieber Zeit mit einem anderen Partner verbrachte und er gerade das Bedürfnis nach Nähe hatte. Für ihn sei das das dann aber eher ein Problem "unterschiedlicher Bedürfnisse" gewesen und nicht per se das Problem eines anderen.

Mann und Frau auf dem Sofa

Eifersucht ist idealerweise in polyamorösen Beziehungen kein Problem.

Polyamoröse Menschen leben oft allein

Wie viele Partner in so einem polyamörosen Geflecht, einem Polykül, wie es sozialwissenschaftlich heißt, leben können – da ist keine Grenze nach oben gesetzt. Ossmann kennt 3er-, 4er-, 5er-Konstellationen. Verheiratet. Ohne Kinder, mit Kindern. Eines allerdings haben die meisten gemeinsam: Sie sind über 30 und leben alleine:

Personen, die zu zweit leben und dann eine polyamoröse Beziehung eingehen, das ist eher ungewöhnlich. Weil bei einer gemeinsamen Wohnung oft Dinge dabei sind, weil man sich Dinge teilt, die man nur ganz schwer öffnen kann für eine dritte oder vierte Person.

Wie zum Beispiel das gemeinsame Bett und wer dann wo schlafen soll. Wie viel Menschen in Deutschland eigentlich "poly" sind, weiß man nicht so genau. Ossmann schätzt etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Doch davon würde sich auch nur ein Bruchteil öffentlich dazu bekennen. Denn noch immer sei die Akzeptanz nicht besonders groß, sagt der Wissenschaftler. Was vor allem auch an fehlenden öffentlichen Vorbildern liege und dass Polyamorie tief verankerte gesellschaftliche Konzepte völlig verwerfe.

Die Idee der einen großen Liebe – vielleicht wird sie irgendwann zu mehreren großen Lieben, die man sogar gleichzeitig erleben kann.