Erkrankung der Nervenzellen Parkinson-Forschung macht Fortschritte

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Von Sigrun Damas

Morbus Parkinson ist eine fortschreitende Erkrankung der Nervenzellen und bis heute gibt es nichts, was sie wirklich aufhält. Jetzt werden allerdings erstmalig Therapien erprobt, die den Krankheitsverlauf verlangsamen sollen.

Zittern, steife Muskeln, zeitlupenartige Bewegungen, rasche Erschöpfung, depressive Verstimmungen – das sind nur einige der Merkmale, unter denen Betroffene zu leiden haben. Die Vorhersagen sind düster: In den nächsten 20 Jahren könnte sich die Zahl der von Parkinson-Betroffenen verdreifachen, schreibt die Deutsche Parkinson Gesellschaft. Auch der bekannte Fernsehmoderator Frank Elstner (77) hat jetzt nach längeren Spekulationen seine Parkinson-Erkrankung publik gemacht.

Aber – und das ist die gute Nachricht – die Parkinson-Forschung macht zurzeit Fortschritte. Jetzt werden erstmalig Therapien erprobt, die den Krankheitsverlauf aufhalten sollen. Zum Beispiel an Menschen wie Rudolf M., der sehr lange nichts von seiner Krankheit ahnte. Zuerst stimmte irgendetwas mit seiner Nase nicht. Die letzte Erkältung war längst vorbei, und immer noch hatte Rudolf M. Probleme mit dem Riechen, er verlor den Geruchssinn für bestimmte Dinge.

Diffuse Beschwerden als erste Anzeichen von Parkinson

Der Hausarzt wusste nicht weiter, auch sein Hals-Nasen-Ohren-Arzt nicht. Selbst der Neurologe stand vor einem Rätsel. Die Gerüche verschwanden nach und nach aus seiner Welt. Und vier Jahre später kam noch etwas Anderes hinzu. Rudolf M. war bei einem Chorfest und schenkte einer Mitsängerin ein Glas Wein ein. Dabei zitterten seine Hände so sehr, dass er darauf angesprochen wurde.

Im Alter lässt der Geruchssinn nach. Eine Frau riecht an einer Blüte (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Ein möglicher Erkrankungsweg von Parkinson verläuft vermutlich über das so genannte Riechgehirn in der Nase picture-alliance / dpa -

Ein weiteres Jahr verging. Bis der ehemalige Lehrer merkte, dass er beim Gehen manchmal Probleme mit dem Gleichgewicht hat. Er ging wieder zu seinem Neurologen, der nun sofort Parkinson diagnostizieren konnte, da ein Arm beim Gehen nicht mehr so mitschwang wie früher.

Offensichtliche Symptome erst zu spät

Morbus Parkinson ist, wie man heute weiß, eine Nervenkrankheit mit einem sehr langen Vorlauf, bevor die ersten Symptome diagnostizierbar sind, sagt Daniela Berg, Neurologin am Universitätsklinikum Kiel. Im Gehirn fehlt dann ein wichtiger Botenstoff: das Dopamin. Denn nach und nach gehen dort immer mehr Dopamin-produzierende Zellen zugrunde.

Das Gehirn kann den Mangel zwar lange ausgleichen. Erst wenn die Hälfte der Dopamin produzierenden Nervenzellen betroffen ist, kommt es zu augenscheinlichen Verlangsamungen.

Dopaminmangel bei Parkinsonpatienten

Dopamin gilt landläufig als Glückshormon, das heißt, es beeinflusst unsere Stimmung. Daneben ist es aber auch wichtig für die Steuerung von Bewegungen – deshalb führt ein Mangel zum Zittern und zum unsicheren Gang. Was genau den Mangel auslöst, weiß man nicht – genetische Faktoren und Umwelteinflüsse wirken wahrscheinlich zusammen. Manche Forscher vermuten auch einen Zusammenhang mit Pestiziden und Schadstoffen. Auch bestimmte Medikamente oder Hirnverletzungen können Parkinson-Symptome auslösen. Im Frühstadium ist eine Diagnose schwierig; wenn die Beschwerden deutlich sind, ist der Befund meist schnell klar.

Bisher gibt es Medikamente, die das Dopamin eine Zeitlang ersetzen können. Sie kaschieren allerdings nur die Symptome – aufhalten können sie die Krankheit nicht.
Eine frühere und damit rechtzeitigere Behandlung wollen Daniela Berg und andere Neurologinnen und Neurologen nun erreichen – mit neuen Medikamenten, die derzeit weltweit in klinischen Studien an Patienten getestet werden. Daniela Berg ist zuversichtlich, dass sich die Krankheit auf diese Weise aufhalten lässt.

Parkinson kann wahrscheinlich im Darm beginnen

Das körpereigene Eiweiß alpha-Synuclein treibt die Krankheit voran. Es faltet sich falsch, steckt damit andere an und verklumpt mit ihnen zu Aggregaten, für die Zelle giftigen Häufchen. Die Informationen über die falsche Faltung kann von Zelle zu Zelle weitergegeben werden – so breitet sich Parkinson im Körper aus.
Wie ein fataler Dominoeffekt setzt sich die Erkrankung über viele Jahre im Nervensystem eines Betroffenen fort. Und Parkinson beginnt wahrscheinlich nicht im Gehirn. Die neueste Forschung geht davon aus, dass Parkinson im Darmtrakt beginnt.

Hier finden sich bereits frühe Symptome, die das autonome Nervensystem betreffen:

  • Verstopfung
  • vermehrtes Wasserlassen
  • Schwitzen und Probleme bei der Wärmeregulation.

Ein anderer Erkrankungsweg verläuft vermutlich über das so genannte Riechgehirn in der Nase. Das würde auch die Geruchsstörungen von Rudolf M. erklären.

Verschiedene Formen von Parkinson

Vermutlich gibt es verschiedene Erkrankungswege und deswegen auch verschiedene Formen der Erkrankung, sagt die Ärztin Eva Schäffer. Sie betreut in der Neurologie des Universitätsklinikums Kiel Parkinson-Patienten und -Patientinnen im frühen Stadium. Hier zeigen sich von Fall zu Fall völlig unterschiedliche Symptomkonstellationen.

Rudolf M., inzwischen 72 Jahre, alt, hat sich hier in der Studienambulanz gemeldet. Denn er möchte sich als Teilnehmer für aktuelle Medikamenten-Studien zu Verfügung stellen. Derzeit verfolgt die Forschung unterschiedliche Ansätze, wie beispielsweise den Abbau des fehlgefalteten Eiweißes oder das Stoppen der Entzündung.

Was aber die Wurzel all dessen ist, warum die Krankheit im Körper eines Menschen ausbricht und ihren Lauf nimmt – darüber können auch Expertinnen und Experten bis heute nur spekulieren. In den kommenden 2-3 Jahren sollen die ersten Studien abgeschlossen sein.

Neuronen (Foto: © Colourbox.com -)
Es gibt verschiedene Formen von Parkinson, die auch unterschiedlich behandelt werden müssen. © Colourbox.com -

Persönlichkeitsveränderungen durch Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson

Wenn Medikamente gar nicht mehr anschlagen, entscheiden sich manche Patienten für die sogenannte Tiefe Hirnstimulation: Sie bekommen einen Hirnschrittmacher eingepflanzt, der über elektrische Impulse die Bewegungsstörungen deutlich bessern kann. Allerdings ist die Operation riskant; außerdem kann der Eingriff auch die Persönlichkeit verändern. In Einzelfällen sind Patienten schon spielsüchtig geworden oder haben sämtliche Hemmungen verloren.

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