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Wer Diabetes Typ 2 vermeiden will, sollte vor allem eines tun: einen großen Bogen um Zucker machen. Doch das ist gar nicht so einfach. Zucker in Lebensmitteln ist gut versteckt, und auch nicht jeder gut gemeinte Ernährungsratschlag führt zum Erfolg.

Volkskrankheit Diabetes

Jedes Jahr bekommen eine halbe Million Deutsche die Diagnose Diabetes Typ-2, früher auch Altersdiabetes genannt. Geht die Entwicklung ungebremst so weiter, könnten bis 2040 schon zwölf Millionen Menschen in Deutschland betroffen sein – eine Volkskrankheit, die sich durch bessere Ernährung und mehr Bewegung meist vermeiden ließe. Denn Typ2-Diabetes trifft nicht nur Ältere, sondern inzwischen auch viele Menschen mittleren Alters. Eine Erkrankung mit teils schwerwiegenden Folgen: Nierenerkrankungen, Nervenschädigungen, Erkrankungen der Augen und des Herz-Kreislauf-Systems und viele weitere.

Gefahr durch versteckten Zucker in Nahrungsmitteln

Die Hauptursache: Zucker in Nahrungsmitteln. Bei Süßigkeiten, Softdrinks oder Kuchen ist der Zuckergehalt offensichtlich. Doch auch in Lebensmitteln, bei denen es kaum einer vermutet, steckt Zucker in teils hohen Mengen: Dazu gehören beispielsweise Fruchtjoghurts, Müslis, Gurken im Glas, Krautsalat und oft auch Produkte speziell für Kinder.

Wer beim Einkauf wissen will, was in den Produkten versteckt ist, braucht viel Zeit, gute Augen fürs Kleingedruckte und das Wissen, hinter welchen Begriffen sich Zucker versteckt. Eine Kennzeichnung, bei der auf einen Blick zu erkennen ist, ob ein Produkt gesund ist, gibt es in Deutschland noch nicht. Auch eine Zuckersteuer, die sich in anderen Ländern positiv ausgewirkt hat, konnte bei uns noch nicht durchgesetzt werden.

Das Bündnis „Ärzte gegen Fehlernährung“ fordert daher politische Maßnahmen zur Vermeidung vermeidbarer chronischer Krankheiten. Freiwillige Vereinbarungen seien ein Irrweg. Auch Aufklärung allein reiche nicht aus, so die Präsidentin der Deutschen Diabetesgesellschaft. Es seien Änderungen nötig, mit denen auch einkommensschwache Menschen erreicht würden, denn diese seien viermal häufiger von Diabetes und Adipositas (Fettleibigkeit) betroffen.

So wirkt Zucker

Wer Süßigkeiten isst, nimmt Kohlehydrate zu sich. Diese werden vom Körper zerlegt und es entsteht Glukose – ein Energieträger, den unser Körper braucht. Damit die Zellen die Glukose aufnehmen können, produziert die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin. Essen wir Zucker, geht das Ganze sehr schnell. Der Blutzucker steigt, der Körper produziert Insulin, der Blutzucker fällt und der Körper signalisiert: Hunger!

Kohlehydrate sind auch in anderen Lebensmitteln enthalten – zum Beispiel in Mehl, Obst, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und in Milchprodukten. Sie gehen allerdings nicht so schnell ins Blut über, weil sie erst aufgespalten werden müssen.
Wer seinem Körper zu viel Zucker gibt, setzt die Zellen unter Dauerstress – sie reagieren irgendwann unempfindlicher auf das Insulin. Die Bauchspeicheldrüse produziert um so mehr Insulin, ist schließlich überlastet und stellt die Insulinproduktion ein. Das Resultat: Diabetes Typ 2.

Und nun? Diät oder gar eine Operation?

Übergewicht – und damit ein Diabetes-Risiko in den Griff zu bekommen – damit beschäftigen sich Ärzte und Patienten schon seit dem 19. Jahrhundert. Der englische Arzt William Prout erkannte, dass Nahrung aus Proteinen, Kohlehydraten und Fetten besteht. Der übergewichtige William Banting veröffentlichte 1862 die erste Low-Carb-Diät. Es folgten, je nach Geist der Zeit, Null-Fett-Diäten, fdH (friss die Hälfte), Light-Produkte, Obstdiäten und vieles mehr. Nur gegen Übergewicht wirkten die meisten auf Dauer nicht.

Magenverkleinerung - Eingriff mit nicht nur negativen Nebenwirkungen


Extrem adipöse (fettleibige) Menschen haben die Option, sich den Magen verkleinern zu lassen, um so Gewicht zu verlieren. Der Magen kann dann nur noch geringe Mengen aufnehmen, was allerdings erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringt: psychische Probleme, Mangelerscheinungen, Müdigkeit, Haarausfall sind nur einige davon. Andererseits: Zufällig wurde entdeckt, dass sich durch die Operation auch der Diabetes wesentlich bessern kann. Grund dafür ist, dass auch der Magen Hormone produziert. Wird nun die Magenfläche verkleinert, wirkt sich das positiv auf den Zuckerstoffwechsel aus. Der zweite positive Effekt neben der Gewichtsreduktion.

Rätsel Diabetes Typ 1

Diabetes Typ 1 – das bedeutet ständiges Messen des Blutzuckers, Zuführen von Insulin, und vor allem: ständige Gefahr. Typ 1-Diabetes kann bereits Kinder treffen – 30.000 sind es allein in Deutschland, Tendenz steigend. Nur die Ursache für die Erkrankung ist bisher unbekannt – und auch nicht der Grund für den Anstieg von rund vier Prozent pro Jahr. Anders als bei Typ 2 hat die Lebensführung, Ernährung und Bewegung, keinen Einfluss auf die Stoffwechselkrankheit. Sicher ist nur: Wer Typ 1-Diabetes hat, muss ein Leben lang damit leben.

Hunde erschnüffeln Diabetes

Typ 1-Diabetiker müssen noch immer pieksen und ihr Blut testen, um den Blutzucker zu bestimmen. Eine echte Hilfe könnten hier Diabetikerwarnhunde sein, die mit ihren feinen und vor allem trainierten Nasen über Veränderungen des Geruchs erkennen können, ob ein Mensch an Unterzucker leidet. Doch bislang ist diese Methode noch nicht anerkannt und wird auch nicht von den Krankenkassen bezahlt. Denn noch immer ist nicht klar, wie und warum die Hunde Unterzucker erkennen. Und sich auf den Hund als einziges „Warnsystem“ zu verlassen, ist noch zu früh. Wobei die Aufgabe der Hunde über die reine Erkennung schon hinausgeht: Sie müssen anzeigen, was sie bemerken und können im Zweifelsfall sogar Hilfe leisten: Sie sind trainiert, den Notfallbeutel zu bringen oder die Notfallklingel zu betätigen.

Forscher der Universität Ulm versuchen herauszufinden, was die Hunde erschnüffeln. Denn andere Erkrankungen, wie beispielsweise Magenkrebs, können die Tiere an der Atemluft erkennen. Bei Diabetes ist noch nicht bekannt, welche Moleküle die Hunde möglicherweise riechen. Die krankheitsbedingte Veränderung der Atemluft könnte in Zukunft eine Chance sein. Wird herausgefunden, welche messbare Veränderung vorliegt, besteht die Möglichkeit, einen Atemtest zu entwickeln, der künftig den Bluttest erspart.

Das Diabetes-Risiko: Gene gegen Vollkorn

Wer einer Diabetes-Erkrankung vorbeugen will, sollte – so ein häufiger Rat – Vollkornprodukte essen. Schaden kann das nichts, wirken wird es aber nicht bei jedem. Grund dafür sind unsere Gene: Rund 30 Prozent aller Deutschen hat eine Genveränderung, die das Risiko für Diabetes Typ 2 erhöht, stellte Prof. Andreas Fritsche von der Universität Tübingen fest. Genau diese Veränderung sorgt dafür, dass ein bestimmtes Darmhormon nicht mehr so funktioniert, wie es soll: Eigentlich senkt es den Blutzucker, sowie ein Mensch Vollkornprodukte isst. Liegt die Genveränderung vor, tritt dieser Effekt nicht ein. Ob Vollkorn oder Weißmehl ist in diesem Fall gleich.
Aber eines gilt für alle: Zu viel Zucker schadet auf jeden Fall – und jedem.

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