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Gefährliches Erbe

Nach dem Ausstieg aus der Atomkraft bleibt jede Menge radioaktiv verstrahlter Müll übrig. Eine Million Jahre muss er sicher gelagert werden, damit er für Menschen nicht mehr gefährlich ist. Die Suche nach einem solchen Endlager läuft bundesweit – bis 2031 muss es gefunden sein.

Lager für verstrahlten Müll gesucht

Phase 1 der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle hat begonnen. 90 Teilgebiete kommen bundesweit dafür in Frage – und damit mehr als die Hälfte der Landesfläche. Sicher ist damit zunächst nur, wo das Endlager aufgrund der geologischen Situation nicht gebaut werden kann. Als geeignet gelten die Wirtsgesteine Steinsalz, Tongestein und Kristallingestein (beispielsweise Granit).

Wer wissen möchte, ob sein Heimatort als möglicher Standort in Frage kommt, kann auf der interaktiven Landkarte der Bundesgesellschaft für Endlagerung nachsehen oder die Postleitzahl eingeben und das Ergebnis anzeigen lassen.

In Baden-Württemberg kommen – ebenso wie in Bayern und in Nord- und Ostdeutschland – sehr viele Orte in Frage, in Hessen und Rheinland-Pfalz eher wenige, im Saarland kein einziger.

Nach weiteren Untersuchungen werden dann die Standortregionen ausgewählt, die vor allem über Tage erkundet werden. So soll der Kreis der Standorte, die in Frage kommen, immer kleiner werden, bis spätestens 2031 der Ort gefunden ist, der die maximal mögliche Sicherheit bietet.

Widerstand gegen das Endlager Gorleben

Mit dem Teilgebietsplan ist das Endlager Gorleben endgültig vom Tisch, da es geologisch ungeeignet ist. Damit endet eine jahrzehntelange erbitterte Auseinandersetzung um die Einlagerung von hochradioaktivem Abfall in dem ausgedienten Salzstock.

1977 hatten der Bund und das Land Niedersachsen Gorleben als Standort für ein atomares Endlager ausgesucht. Tausende Arbeitsplätze, wirtschaftliche Vorteile für die strukturschwache Region an der damaligen DDR-Grenze: Die Politiker sahen vor allem die Vorteile. Ein erheblicher Teil der Bewohner, allen voran die Bauern, sah das anders. Die Gegner des Endlagers gingen auf die Straße; 1980 entstand auf einer geplanten Tiefbohrstelle ein Hüttendorf von Atomkraftgegnern – die „Republik Freies Wendland“ – das wenig später zwangsgeräumt wurde. Doch der Protest ging weiter: Zeitweise standen den Demonstranten 30.000 Polizisten gegenüber.

Auch Wissenschaftler äußerten Bedenken gegen den Endlager-Standort. Dennoch wurden ab 1995 Castoren mit Atommüll ins Transportbehälterlager gebracht – 113 wurden insgesamt eingelagert und müssen nun umziehen.

Im Jahr 2000 wurden die Endlager-Pläne für Gorleben vorerst gestoppt. Nach der Verabschiedung des Endlagersuchgesetzes 2013 war klar, dass Gorleben als Standort ausscheiden muss. Dies ist seit dem 28. September 2020 nun amtlich.

Steinsalz, Ton, Granit: Die Wirtsgesteine für ein Endlager

Steinsalz, Tongestein und Kristallingestein sind laut Standortauswahlgesetz die drei Wirtsgesteine, die die bestmögliche Sicherheit für die Einlagerung der strahlenden Kernkraft-Hinterlassenschaften bieten. Mindestens 300 Meter tief muss das Gestein liegen und die Schicht mindestens 100 Meter hoch sein; die Fläche muss für die Einlagerung ausreichen. Das Gestein selbst darf nicht durchlässig sein. Außerdem müssen die darüber liegenden Schichten das Gestein ausreichend schützen. So weit die Mindestanforderungen, die im Gesetz festgelegt sind.

Nicht in Frage kommen Gegenden in Deutschland, die eines der sechs Ausschlusskriterien erfüllen: Wenn Erdbeben oder Vulkanausbrüche möglich sind oder sich der Boden mehr als einen Millimeter pro Jahr hebt; wenn Schäden durch Bergwerke und Bohrungen oder geologische Störungszonen vorhanden sind; wenn junges Grundwasser vorkommt.

Anhand dieser Kriterien wurden die 90 Teilbereiche herausgefiltert, die für ein Endlager in Frage kommen könnten.

Diese Bereiche werden anhand unterschiedlicher Kriterien weiter eingeengt: Dies könnten eine besonders dichte Besiedlung sein, Naturschutzgebiete oder Kulturdenkmäler. Bundestag und Bundesrat legen fest, welche Gebiete über Tage und dann auch unter Tage erkundet werden; es folgt eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Letztlich schlägt das Bundesamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) einen Standort vor, über den wieder die beiden Parlamente entscheiden.

Endlagersuche: Die Bürger sollen mit ins Boot

Die Politik hat Lehren aus Gorleben und Co. gezogen und setzt bei Großprojekten nun auf Bürgerbeteiligung. So soll das „Nationale Begleitgremium“ (NBG) die politische und wissenschaftliche Suche nach einem Endlager-Standort begleiten. Sechs Laien sitzen neben Prominenten – sie diskutieren, dürfen Fachbehörden Fragen stellen, Akten einsehen und sie dürfen Vorschläge machen. Doch entscheiden dürfen sie nichts.

Die Arbeit des Gremiums soll garantieren, dass das Verfahren der Endlagersuche transparent und bürgernah verläuft. Somit sollen Konflikte schon im Vorfeld entschärft werden. Wenn es konkret wird mit einem Standort, werden die 18 Mitglieder des NBG auch diejenigen sein, die vor Ort mit betroffenen Bürgern sprechen.

Doch bisher hat die Funktion des Gremiums einen Haken: Kaum jemand weiß von seiner Existenz. Dies wäre aber die Voraussetzung für Bürgernähe. Und inwiefern es eine Bürgerbeteiligung geben soll, ist bisher nicht geklärt.

Auch mit der Transparenz hapert es: Zwar dürfen die Mitglieder des Gremiums nicht-öffentliche Akten einsehen. Doch das geht dem NBG nicht weit genug. Das Gremium fordert, dass alle Daten öffentlich bereitgestellt werden.

Strahlender Schutt: Rückbau von Atomkraftwerken

Wird ein Atomkraftwerk abgeschaltet, ist die Strahlungsgefahr noch lange nicht vorbei. Die größte Gefahr geht von den Kernbrennstäben aus, die mehrere Jahre in Abklingbecken liegen müssen, bis sie abgekühlt sind.

Reaktordruckbehälter und die Teile des Primärkreislaufs, die leicht- bis mittelradioaktiv sind, werden zerlegt und für die Endlagerung verpackt. Ebenso wie die Brennstäbe kommt alles in die sogenannten Castoren, die speziell für Transport und Lagerung konstruiert wurden.

Alles, was nicht mit dem Primärkreislauf in Berührung kam, ist in der Regel auch nicht radioaktiv belastet – also Turbinen und Generatoren sowie die Gebäude. 800.000 Tonnen Baumasse müssen pro Kraftwerk abgebaut und entsorgt werden; bis zu 20 Jahre kann ein Rückbau dauern.

Zur gleichen Zeit lagern radioaktive Abfälle in sogenannten Zwischenlagern auf den Geländen der Atomkraftwerke, auch wenn diese bereits abgeschaltet sind. Solange es kein Endlager gibt, müssen die Abfälle in Castorbehältern bleiben. 1900 Castoren sind es heute schon, bis zur Abschaltung des letzten deutschen Atomkraftwerks im Jahr 2022 werden noch einige hinzukommen.

Strahlung: Von natürlich bis gefährlich

Natürliche Strahlung befindet sich im Alltag überall: in Lebensmitteln wie Kartoffeln, Möhren, Pilzen; im Trinkwasser und im Boden. Doch nicht jede Strahlung ist gefährlich, denn auf die Dosis kommt es an. Über die Radioaktivität, die in der Umwelt vorhanden ist, sind wir pro Jahr etwa 2,13 Millisievert ausgesetzt. Die Strahlung, die durch die Nutzung der Kernenergie entsteht, ist hier mit 0,007 Millisievert schon eingerechnet. Wer beruflich Strahlung ausgesetzt ist, für den gilt ein Grenzwert von 20 Millisievert. Gefährlich wird es ab 100 Millisievert pro Jahr: Wer einer solchen Dosis ausgesetzt ist, hat ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken.

Zusätzliche Strahlenbelastungen erhalten wir durch Flüge, da in größerer Höhe die Belastung steigt. Aber auch Röntgenaufnahmen und das Rauchen sorgen für eine höhere Dosis.

Finnland: Keine Scheu von Kernkraft

Als einziges Land der Welt hat Finnland bisher eine Lösung für die strahlenden Hinterlassenschaften der Atomindustrie gefunden. Im Endlager „Onkalo“, gebaut 400 Meter unter der Erde in Granitfelsen der Halbinsel Olkiluoto, sollen ab 2025 abgebrannte Kernbrennstäbe eingelagert werden. Anders als in Deutschland nicht in Castoren aus Gusseisen, sondern in Kupferkapseln, die in Lagerungslöcher eingelassen werden. Ist das Lager voll, soll es mit Beton verschlossen werden, der eine Million Jahre dichthalten soll.

Probleme mit Atomenergie hat das Land wenige: Die meisten Finnen befürworten die Kernenergie. Sogar die finnischen Grünen halten dies für eine umweltfreundliche Energieform. Entsprechend unstrittig ist der Bau des Endlagers. Die Tatsache, dass der Bau des dritten Kernreaktors in Olkiluoto, der Europäische Druckwasserreaktor, sich ständig verzögert und die Kosten explodieren, tut der Vorliebe der Finnen für Atomkraft keinen Abbruch.

Alle anderen Länder der Welt, die Kernkraftwerke betreiben, sind ebenso wie Deutschland noch auf der Suche nach einem Ort, der den strahlenden Müll für eine Million Jahre sicher einschließt.

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