Mais verdichten fuer eine Biogasanlade  (Foto: IMAGO, IMAGO/Martin Wagner)

Energiekrise

Wieso heizen wir nicht mit Biogas?

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AUTOR/IN
Sarah Schommer

Privathaushalte oder Industrie – Deutschland braucht Gas. Spätestens seit der Energiekrise drängt sich eine Frage immer mehr auf: Welche Alternativen gibt es, um unabhängig von russischem Erdgas zu werden? Eine davon ist Biogas.

Erneuerbarer Energiemix – Nebenschauplatz Biogas

Bis 2030 sollen 80 Prozent des Strombedarfs in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen. Die Stars dabei sind Photovoltaik und Windkraft. Dabei haben diese Zwei einen nicht unwichtigen Assistenten: Biogas. In weggeworfenen Lebensmitteln, Ernteabfällen und anderen landwirtschaftlichen Reststoffen steckt großes Potential, was bisher vergeudet wird.

In Deutschland wird Biogas vor allem in Strom umgewandelt. Alle der knapp 10.000 Biogasanlagen sind ans Stromnetz angeschlossen und produzieren jährlich rund 95 TWh Biogas. Der Großteil davon wird zum Beispiel in Bioenergiedörfern in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen umgewandelt. Regional erzeugt, regional genutzt. Doch kann Biogas auch überregional eine Alternative zu Erdgas sein?

Biogasanlage im ländlichen Raum (Foto: SWR, SWR/Sarah Schommer)
Die meisten Biogasanlagen sind nicht an größere Leitungsnetze angebunden, der Großteil wird regional genutzt. SWR/Sarah Schommer

Biogas versus Biomethan

Biogas kann nicht 1:1 ins Erdgasnetz eingespeist werden – ganz so einfach kann fossiles Erdgas also nicht ersetzt werden. Der Grund: Der Methangehalt von Biogas ist zu gering. Bei der sogenannten Veredelung wird Biogas getrocknet, entschwefelt und das enthaltene CO2 abgeschieden. Der Methangehalt wird dabei fast verdoppelt. Denn erst bei einem Methangehalt von 98 Prozent hat Biogas dieselben chemischen Eigenschaften wie fossiles Erdgas und kann dann ins Erdgasnetz eingespeist werden.

Dieses Verfahren ist aufwendig und teuer. Dazu kommt, dass nur rund 250 der knapp 10.000 Biogasanlagen in Deutschland an das Erdgasnetz angeschlossen sind. Das erklärt, weshalb nur zehn der 95TWh Biogas in Biomethan umgewandelt werden. Damit deckt Biomethan nur ein Prozent des deutschen jährlichen Gasverbrauchs ab.

Biomethan-Veredelungsanlage, Zuckerfabrik in Anklam (Foto: SWR, SWR)
Die Veredelung von Biogas für die Einspeisung ins Leitungsnetz ist mit einem großen Aufwand verbunden. SWR

Grüne Alternative zu fossilem Erdgas?

Biogas könnte die Energiekrise immerhin mittelfristig mildern. So kommt eine Studie des Deutsche Biomasseforschungszentrums (DBFZ) und des Wuppertal Instituts zu dem Schluss, dass fast die Hälfte der Stromproduktion aus Erdgas mit Biogas ersetzbar sei. Zudem können die Anlagen, würden ihre Kapazitäten voll ausgeschöpft, drei anstelle nur einem Prozent Biomethan herstellen.

Dieser unglaublich geringe Prozentsatz liegt auch darin begründet, dass die zu produzierende Biogas-Menge gesetzlich bis vor Kurzem gedeckelt war. Diese Deckelung wurde Mitte September mit der 3. Novelle des Energiesicherungsgesetzes für 2022 und 2023 aufgehoben.

Zusätzlich hat die EU einen Biomethan-Aktionsplan erarbeitet: Bis 2030 will die Kommission 35 Milliarden Kubikmeter Biomethan produzieren. Zu Vergleich: Der Wert lag bislang 3 Mrd. m3. Wie genau die EU diese enorme Menge an Biomethan produzieren will, ist bislang nicht klar. Denn es bräuchte deutlich mehr Biomasse, um auch deutlich mehr Biogas und Biomethan zu produzieren.

Tank versus Teller

Nach wie vor wird hauptsächlich Mais vergärt, um Biogas zu produzieren. Dabei ist die Energiepflanze umstritten: Der Anbau von Monokulturen ist umweltschädlich, er schadet der Artenvielfalt und dem Boden. Dazu kommt die Tank-oder-Teller-Diskussion – auch darum schreibt das EEG durch den sogenannten Maisdeckel vor, dass landwirtschaftliche Nutzfläche für Nahrung und Futtermittel vorgehalten werden sollen.

Maisfeld wird geerntet  (Foto: SWR, SWR/Sarah Schommer)
Mais als Energiepflanze ist umstritten. Die Monokulturen schaden der Umwelt. SWR/Sarah Schommer

Andere Substrate gibt es viele – auch wenn deren Energiegehalt geringer ist als der von Mais. Grünschnitt, Blühmischungen, Ernte- und Bioabfälle zum Beispiel. Hier muss Deutschland deutlich nachbessern. Denn zum einen gelangt noch immer viel zu viel Biomüll in der Restmülltonne, zum anderen wird Biomüll in der Regel direkt kompostiert. Die Energie, die in den Abfällen steckt, wird schlichtweg verschwendet.

Ein anderes, alternatives Substrat wäre Gülle. Wird diese in Biogasanlagen vergoren, gelangt bis zu 90 Prozent weniger Methan in die Atmosphäre als bei der offenen Güllelagerung. Ein weiterer Vorteil: Die vergorene Gülle kann anschließend als Mineraldünger wieder auf die Felder ausgebracht werden.

Eine weitere Alternative: Biogas aus Zuckerrüben.

Fest steht: Aus Reststoffen Biogas zu produzieren ist nachhaltig. Und Biogas hat durchaus Potential: Es kann die Solar- und Windenergie sinnvoll ergänzen, weil es speicherbar ist und wetterunabhängig produziert werden kann. Doch dieses Potential müsste deutlich besser genutzt werden.

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Sarah Schommer