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Musik ist in unserem Leben allgegenwärtig. Auch wenn uns ihre Wirkung im Alltag oft gar nicht bewusst ist, manipuliert sie uns in vielen Bereichen. odysso zeigt, wo Musik drin steckt – und was sie mit uns macht.

Mit Musik geht uns vieles besser von der Hand; sie kann trösten, sie verbindet, sie kann uns beim Essen oder beim Einkaufen regelrecht verführen. Wir verbinden sie mit Intelligenz, und nur ein Mensch kann sich Tonfolgen ausdenken, mit denen er andere in Begeisterungsstürme oder in Tränen ausbrechen lässt.

Musik: Doping fürs Gehirn

Wenn wir Musik hören, dann reagiert unser ganzer Körper – und nicht nur das Gehör. Herzschlag, Gehirnströme und Hormonhaushalt verändern sich. Wer Musik hört, wird aktiver und leistungsfähiger; Musik kann beeinflussen, wie wir essen, wie viel wir trinken, was wir kaufen, wie schnell wir uns bewegen. Ebenso kann sie entspannend wirken.

Wenn Musik das Limbische System erreicht, jene Hirnareale, in denen Emotionen verarbeitet werden, kommt es zur Ausschüttung des Glückshormons Dopamin.

Musik wird daher schon lange gezielt eingesetzt, um Konsument*innen zu beeinflussen: sei es im Restaurant, in Geschäften beim Einkaufen oder in der Werbung.

Einen Haken hat die Wirkung von Musik aufs Gehirn allerdings: Sie muss gefallen, um die jeweilige Zielgruppe zu erreichen und eine positive Wirkung zu entfalten. Und bei Musik sind die Geschmäcker bekanntlich sehr verschieden.

Macht Mozart schlau?

1993 ließen zwei Forscher der amerikanischen Universität Oshkosh eine Gruppe Studierende einen Intelligenztest absolvieren. Einige von ihnen bekamen vorher Mozart zu hören, die anderen nicht. Das überraschende Ergebnis: Die Gruppe, die Mozart gehört hatte, schnitt um acht bis neun IQ-Punkte besser ab. Allerdings hielt der Effekt nicht einmal eine halbe Stunde an. Die Nachricht „Mozart macht schlau“ ließ sich jedoch nicht aufhalten. Vor allem in den USA hielt Mozarts Musik Einzug in Klassen- und Kinderzimmer, um die Kleinen schlauer zu machen.

Der Mozart-Effekt ließ sich übrigens nicht gezielt reproduzieren; stattdessen zeigte sich, dass Pop- oder Rockmusik die gleiche Wirkung haben können. Immer vorausgesetzt, sie gefällt demjenigen, der sie hört. Tatsächlich bestätigten Studien, dass Kinder, die Musikunterricht erhielten, bei sprachlichen Tests und bei Gedächtnistests besser abschnitten als ihre Altersgenossen. Der Zusammenhang sagte aber nichts darüber aus, ob die Musik der Grund für die gute Leistung in anderen Bereichen war oder ob die Kinder eben einfach intelligent und musikalisch begabt waren.

Musik, Sprache und aufrechter Gang

Musik gehört zwar zu den schönen Dingen des Lebens, doch überflüssiger Luxus ist sie nicht. Im Gegenteil: Musik ist für Musikwissenschaftler Christian Lehmann untrennbar mit der Evolution des Menschen verbunden. Als unsere Vorfahren das Fell verloren und anfingen, aufrecht zu gehen, brauchten die Mütter einen anderen Kontakt zu ihren Babys, und dieser funktionierte über melodische Laute.

Neben der Verständigung hat die Musikalität noch weitere Funktionen, die in der Entwicklung des Menschen Bedeutung hatten – und teilweise noch haben. Dazu gehören Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt. Musikalität könnte auch ein Zeichen für Intelligenz und Koordinationsfähigkeit sein – kurzum: für gute Gene, was den musikalischen Männern bis heute einen Vorteil verschafft.

Auf der Suche nach der Hitformel

Ein großer Hit bewegt Millionen Menschen und macht seinen Komponisten oder Interpreten im Zweifelsfall wohlhabend. Doch was macht ein Musikstück zum Hit und ein anderes nicht? Gibt es das Rezept für den perfekten Popsong? Diese Frage bewegt nicht nur Musiker*innen, sondern auch Wissenschaftler*innen, die sich auf die Suche nach den „Zutaten“ für die Hitformel gemacht haben. Die Tonart C-Dur ist sehr beliebt, schlichte Akkordfolgen und das Wort „you“ im Text ebenso. Wichtig ist laut Neurowissenschaftler Vincent Cheung das Spiel mit den Akkorden. Ein überraschender Akkord kommt gut an; ist die Akkordfolge unsicher, gefallen den Zuhörern erwartbare Akkorde. Doch zur Musik kommen auch Trends, angesagte Sounds und die Werbung für Produkt und Interpret. Die Garantie für einen Hit gibt es nicht.

Auf der Suche nach der Hitformel werden inzwischen KI- Programme eingesetzt – Künstliche Intelligenz als Komponist. Es gibt sogar den ersten KI-Popsong „Daddys Car“, ein Hit war das allerdings nicht, sondern eben das, womit der Computer gefüttert wurde: eine gefällige Mischung aus erfolgreichen Sequenzen von Beatles-Songs. Das Einzigartige, die entscheidende Idee des Komponisten, die den Song erfolgreich machen könnte, fehlt allerdings.

Ein Orgelstück für 639 Jahre

Ein Orgelstück des amerikanischen Experimentalmusikers John Cage wird in Halberstadt aufgeführt – und wird, ehe es endet, seinen Komponisten um mehr als 600 Jahr überlebt haben. Beim Experiment in der St. Burchardi-Kirche wird das Stück „ORGAN2“ gespielt – so langsam, dass zwischen den Klangwechseln mehrere Jahre liegen können. Eine Sekunde Spielzeit entspricht fünf Monaten. John Cage hatte das Stück 1987 für Orgel bearbeitet und als Tempo „As SLow aS Possible“ (so langsam wie möglich) angegeben. Die jetzige Aufführung, bei der die Orgel mitwächst, ist eine Interpretation dieser Anweisung. Den Komponisten konnte das Halberstadter Projekt nicht mehr fragen – John Cage starb bereits 1992 und erlebte den Beginn der außergewöhnlichen Aufführung nicht mehr.

Die extrem entschleunigte Aufführung zieht viel Publikum an, das meist nur einen einzigen Ton hört – und dennoch beeindruckt ist. Wer wissen will, wie sich der Ton anhört, kann dies auf der Website des Kunstprojekts tun. Dort ist ein Ausschnitt von einer Minute zu hören.

Das Gehirn ist damit gut beschäftigt: Bis zu 14 Milliarden Nervenzellen werden durch den Klang aktiviert; Erinnerungen und Assoziationen werden wach. Gleichzeitig, so Musik- und Neurowissenschaftler Eckart Altenmüller, wird die Aktivität im Stirnhirn heruntergefahren. Der Klang wird zum meditativen Erlebnis.

Die Klangwechsel werden inzwischen von einer regelrechten Zeremonie begleitet. Am 4. September 2640 soll dann der letzte Ton von ORGAN2/ASLSP verklingen.

Bewegungen erzeugen Töne

Jeder sollte tanzen können, auch wenn er körperlich eingeschränkt ist: Das war die Idee des amerikanischen Tänzers Robert Wechsler. Er begann zu experimentieren und entwickelte schließlich zusammen mit Therapeuten und Softwareentwicklern an der Universität Weimar ein Gerät, das Bewegungen in Töne umwandelt. Das kann eine Armbewegung sein, ein ganzer Schritt oder ein Wimpernschlag. MotionComposer nennt sich die Konsole, mit der Menschen zu Bewegungen motiviert werden. Dabei ist es ganz gleich, wie stark jemand in seinen Bewegungen oder Ausdrucksfähigkeiten eingeschränkt ist. Der MotionComposer verhilft nicht nur zu mehr Bewegung und besserer Koordinationsfähigkeit, sondern sorgt auch dafür, dass sich Menschen künstlerisch ausdrücken können, die bisher nicht die Möglichkeit hatten.

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