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Nicht lieferbar – eine Hiobsbotschaft für jeden Kranken, der auf ein Medikament angewiesen ist. Was vor zehn Jahren noch undenkbar schien, ist heute Alltag: Über 200 Medikamente waren 2019 zeitweise nicht lieferbar. Der Missstand ließe sich beseitigen, doch das kostet Geld.

Arzneimittel werden zu Mangelware

Wenn Apotheken bundesweit einzelne Medikamente ausgehen, dann trifft dies besonders häufig Blutdrucksenker, Gichtmittel, Antidepressiva, Antibiotika oder Schmerzmittel. Doch auch Krebsmedikamente wie Daunoblastin sind plötzlich für Monate nicht mehr lieferbar. In manchen Fällen stehen auch keine gleichwertigen Alternativen zur Verfügung. Für die Apotheker – die Selbstständigen ebenso wie die Apotheker in den Krankenhäusern – beginnt dann die zeitraubende Suche nach Medikamenten; oft genug müssen sie für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises die entsprechenden Präparate aus dem Ausland kommen lassen.

Einer der Gründe für die vielen Engpässe: Ein Großteil der Medikamente wird in Ländern hergestellt, in denen die Produktion billig ist. Stockt hier der Herstellungsprozess, treten Qualitätsmängel oder andere Probleme auf, kommt es zu Liefer- oder gar Versorgungsengpässen, auf die die deutschen Apotheken keinen Einfluss haben.

Arzneien: Der schädliche Preiskrieg der Firmen

Betroffen sind nicht etwa neue Medikamente, die nicht in ausreichender Menge verfügbar sind, sondern solche, die schon lange auf dem Markt sind. Medikamente, die keinen Patentschutz mehr haben, werden von vielen Firmen produziert – und das möglichst billig als sogenannte Generika. Dazu gehört auch, dass bei den Rohstoffen gespart wird – oft beziehen mehrere Hersteller ihre Rohstoffe bei einem Lieferanten. Stockt der Nachschub, stockt auch überall die Produktion.Steigen diesem Preiskrieg der Firmen die ersten Hersteller aus, bleiben für ein Produkt schließlich nur noch wenige Lieferanten übrig, mitunter nur ein einziger.

Für die Patienten ist der Preiskrieg dann schädlich, wenn wichtige Medikamente nicht verfügbar sind. Teure Importe aus dem Ausland sind nicht unbedingt identisch mit den Präparaten auf dem deutschen Markt. Patienten erhalten zwar weiterhin Medikamente, allerdings mitunter solche, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Der Kampf der Pharmafirmen um den größten Profit verlieren die Patienten, die Ärzte und die
Apotheker.

Billig, billiger, Ausland

Die Zeiten, in denen Deutschland ein wichtiger Standort der Arzneimittelentwicklung und -produktion war, sind vorbei. Der Skandal um das schädliche Schlafmittel Contergan sorgte in den 1960er Jahren für einen Vertrauensverlust in deutsche Medikamente und sorgte 1976 für eine grundlegende Reform des Arzneimittelrechts. Erstmals gab es bundeseinheitliche Regelungen und strenge Anforderungen an Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Präparate. Doch durch die Auflagen stiegen auch die Kosten.
Mit den ersten Generika, Nachahmerpräparaten, begann 1973 der Preisdruck auf die deutschen Pharmaunternehmen. Die Folgen waren Fusionen auf internationaler Ebene und eine Verlagerung der Wirkstoffproduktion in Billiglohnländer wie China. Für einen noch größeren Preisdruck sorgte die Politik der Krankenkassen, Rabattverträge mit den Herstellern auszuhandeln.
Das Ergebnis: Deutschland ist heute abhängig von Wirkstoffimporten – 80 Prozent kommen aus China und Indien. Die Produktion wichtiger Medikamente ist auf einige wenige Hersteller konzentriert. Qualitätsmängel und andere Probleme in den Herstellerländern führen verstärkt zu Versorgungsengpässen in Deutschland.

Alles auf Anfang: Medikamentenproduktion wieder in Deutschland?

Das Problem der Lieferengpässe ist seit Jahren bekannt. Doch erst durch die Corona-Pandemie wurde klar, welche Folgen die Abhängigkeit, vor allem von China, haben kann. Seither mehren sich die Forderungen, die Produktion von Arzneimittel wieder nach Deutschland oder zumindest in europäische Länder zu verlagern. Dafür setzen sich unter anderem die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sowie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ein.
Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten hält beispielsweise das Institut der deutschen Wirtschaft eine Stärkung der deutschen und europäischen Produktion für sinnvoll. Eine Einschätzung, die auch der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie teilt. Zugleich ist allen klar: Eine Rückholung der Wirkstoffproduktion nach Europa kostet Geld – genau dies war der Grund für die Abwanderung der Produktionen und die derzeitige Misere.

Neue Arzneimittel: Hohe Kosten, hohe Gewinne

Medikamente können helfen, aber es soll auch Geld mit ihnen verdient werden. Und nicht jede Erkrankung verspricht satte Gewinne. Auf der anderen Seite werden Arzneimittel auf den Markt gebracht, für die es bereits Alternativen gibt. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) plädiert dafür, das Krankenkassen nur für solche Arzneimittel zu zahlen, die auch tatsächlich eine Verbesserung bieten. Was dem Leiter des IQWiG, Prof. Jürgen Windeler, derzeit fehlt, sind echte Innovationen in der Pharmaindustrie.

Beispiel Alzheimer: Bereits seit Jahrzehnten wird an einer Behandlung geforscht, doch bisher gibt es kein wirklich wirksames Medikament dagegen. In der Grundlagenforschung, die teuer und risikoreich ist, sind derzeit viele Biotech-Firmen engagiert, die zwar Medikamente entwickeln, für die die aufwändigen Zulassungsstudien jedoch oft zu groß sind. Hier kommt es oft zu Partnerschaften mit Pharmafirmen oder zu Firmenübernahmen – nun werden die Entwicklungen für die Großen der Branche interessant, die die risikoreiche Entwicklungsphase gescheut haben.

So gibt es bei der Behandlung von Alzheimer einen vielversprechenden Ansatz des Biotech-Unternehmens Pro Biodrug, das jedoch zu klein ist, um selbst die Zulassungsstudien zu finanzieren. Sind diese erfolgreich und ein Medikament marktreif, öffnet sich angesichts einer stark alternden Bevölkerung ein Riesenmarkt.

Der lange Weg zum Medikament

Die Entwicklung neuer Arzneimittel ist teuer, aufwändig und dauert im Schnitt über 13 Jahre. Am Anfang steht ein geeigneter Wirkstoff, der unter tausenden gefunden werden muss. Dieser wird an Zellkulturen und Tieren getestet, ehe er an ersten Freiwilligen erprobt werden kann. Diese erste klinische Studie gibt Hinweise darauf, wie der Wirkstoff durch den Körper wandert und ab wann es Nebenwirkungen gibt. In der zweiten Phase erhalten 100 bis 500 kranke Menschen testweise den Wirkstoff, um herauszufinden, ob er tatsächlich nutzt. Danach wird der Wirkstoff an mehreren tausend Patienten und im Vergleich mit Placebos getestet. Fällt die Nutzen-Risiken-Bewertung positiv aus, wird das Medikament zugelassen. Von 10.000 Wirkstoffen schafft dies letztlich nur ein einziger.

Medikamente richtig einnehmen

Medikamente können nur dann nutzen, wenn sie richtig dosiert sind und richtig eingenommen werden. Erstens: der richtige Zeitpunkt. Es ist entscheidend, ob ein Medikament vor, während oder nach dem Essen genommen wird. Das begünstigt die Aufnahme, schützt die Magenschleimhaut oder verhindert, dass Nahrungsmittel die Aufnahme des Wirkstoffs behindern.
Zweitens: Nur die richtige Dosis ist sinnvoll. Wer seine Tablette vergessen hat, sollte auf keinen Fall zwei als Ausgleich nehmen. Ebenso wenig dürfen Medikamente eigenmächtig abgesetzt werden – dies kann, beispielsweise bei Antibiotika, sogar schädlich sein. Einzige Ausnahme sind schwere Nebenwirkungen, bei denen sofort der Arzt befragt werden sollte.
Drittens: Nahrungsmittel und Medikamente beeinflussen sich gegenseitig, machen sie im schlimmsten Fall nutzlos oder verstärken die Nebenwirkungen. Beispiel Milchprodukte: Sie behindern die Wirkung von Antibiotika oder Medikamenten gegen Osteoporose.

Der Wettlauf um den Corona-Impfstoff

Die Corona-Pandemie 2020: Weltweit entstehen blitzschnell Forschungsprojekte, riesige Summen stehen plötzlich dafür bereit. Die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs bietet riesige Chancen. Doch es geht nicht nur um Gesundheit, sondern auch um Milliarden-Umsätze.
Der Wettlauf um den Impfstoff wird öffentlich gefördert: Auf internationaler Ebene durch die Impfstoffallianz CEPI, die vor allem von Regierungen finanziert wird. Dazu kommen Förderprogramme einzelner Länder sowie der EU. Trotz der hohen öffentlichen Förderungen wird der Gewinn später bei den Firmen bleiben – ein Umstand, der jetzt schon kritisiert wird.

Viele Firmen, die an der Entwicklung des Impfstoffs arbeiten, setzen auf die sogenannte mRNA-Technologie. Dabei erhalten Patienten einen Impfstoff, der nicht mehr das Virus in toter oder abgeschwächter Form enthält, sondern einen „Bauplan“, mit dessen Hilfe das menschliche Immunsystem das Virus erkennt und bekämpfen kann. Gelingt es, einen solchen neuartigen Impfstoff zu entwickeln, wäre dies eine medizinische und wirtschaftliche Chance, die neue Technologie auch gegen andere Erreger zu nutzen.

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