Umwelt und Wirtschaft

Was ist Wald wert?

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Der Preis des Waldes

Was ist Wald wert?

Bis heute ergibt sich der Geldwert eines Waldes vor allem aus dem Holzpreis. Aber ist ein Wald nicht viel mehr wert, als nur sein Rohstoff Holz?

Wald mit Preisschildern an den Bäumen (Foto: SWR)
Was macht den Preis eines Baumes aus?

Lassen sich Bäume wirklich mit einem Preisschild versehen? Der Preis von etwas ist immer ein Maß für seine Wertschätzung. „Was nichts kostet – ist auch nichts wert,“ sagt man. Beim Wald könnte das im Zweifelsfall genauso gesehen werden, man denke nur an die brasilianischen Regenwälder. Deshalb liegt es nahe, den Geld-Wert eines Waldes genauer zu bestimmen. Die große Frage dabei: Ist dieser Wert nur auf den Holzpreis begrenzt?

Unser Wald-Experiment

Zwei Wochen lang habe ich zusammen mit Wissenschaftlern versucht, die Werte eines Waldes so genau wie möglich zu vermessen und in Euro umzurechnen. Dazu hatte uns die Forstverwaltung in Freiburg genau einen Hektar Wald zur Verfügung gestellt. Genauer gesagt, einen Bergmischwald mit vielen Buchen, Tannen und einigen alten Douglasien. In dem Wald wurden bereits in der Vergangenheit mehrere Forstinventuren von Forststudenten durchgeführt. Mit der Unterstützung des Freiburger Waldbauexperten Prof. Jürgen Bauhus und vier jungen Forstwissenschaftlern, war es möglich, das Holzvolumen der Fläche genau zu bestimmen. 650 Festmeter oder Kubikmeter ergab diese Waldinventur.

Reporter mit Preisschild im Wald (Foto: SWR)
Testfläche auf einem Hektar Bergmischwald bei Freiburg

Mäßiger Gewinn für ein Topprodukt

Nachdem Jürgen Bauhus festgelegt hatte, welche Bäume in unserem Wald sich zum Verkauf eignen, konnte ich bei einem Sägewerk ganz in der Nähe den Preis für die ausgesuchten Weißtannen abfragen. 100 bis 110 Euro pro Festmeter war das Angebot des Geschäftsführers. An sich ein relativ guter Preis für Rundholz aus dem Wald, gerade nach den letzten drei Trockenjahren, in denen der Holzmarkt mit Schadholz überflutet wurde. Allerdings muss man berücksichtigen, dass von den 100 Euro noch einmal zirka 35 Euro für das Fällen der Bäume und den Transport bis zum nächsten Waldweg abgehen. Diese Kosten muss der Waldbesitzer tragen. Wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte sich ein Baum erfolgreich entwickeln muss, bevor er geschlagen werden kann, dann ist der Wert seines Holzes also letztlich gar nicht so hoch wie vermutet.

Sägewerk von oben (Foto: SWR)
Im Sägewerk – hier werden Bäume zu Rohstoff

Klimaschutz zum Nulltarif

Erfreulich war deshalb, von Jürgen Bauhus zu erfahren, dass noch viel größere Werte im Wald schlummern. An erster Stelle sei hier die CO2-Speicherung zu nennen. In jedem Festmeter wird nämlich zirka eine knappe Tonne CO2 gespeichert, das durch die Photosynthese der Luft entzogen wurde. Und genauso viel, wie in den Bäumen auf einer Fläche oberirdisch gespeichert wird, befindet sich laut Prof. Bauhus nochmal darunter. Nämlich in den Wurzeln, den organischen Bodenbestandteilen und dem Mineralboden. Das bedeutete für unseren Hektar Wald mit einer Biomasse von zirka 650 Festmetern unterm Strich 1200 Tonnen CO2. Das entspricht in etwa dem Ausstoß von 100 Bundesbürgern. Eine beachtliche Klimaschutzleistung also, von der wir alle profitieren.

Da seit 2021 in Deutschland zum ersten Mal für die CO2-Emissionen Zertifikate gekauft werden müssen, hat CO2 also einen Preis. 25 Euro pro Tonne sind das im Moment und dieser Preis wird in den kommenden Jahren kontinuierlich ansteigen. Wenn man aber für den Ausstoß von CO2 Geld bezahlen muss, sollte umgekehrt das Speichern von CO2 wie in unserem Wald doch eigentlich auch vergütet werden. Das zumindest war mein Ansatz und ich habe dementsprechend bei der Emissionshandelsstelle des Umweltbundesamtes angefragt, ob ich ihnen meine Rechnung über 1200 Tonnen CO2 schicken kann. Mit der gleichen Anfrage habe ich mich auch an das Bundesumweltministerium gewendet und beide Behörden fanden meinen Ansatz auch sehr interessant und wegweisend. Allerdings konnte mir keine Adressat für meine Rechnung genannt werden. Wen wundert´s?

Querschnitt durch den Waldboden mit CO2-Hinweisschild (Foto: SWR)
Unter einem Wald wird genauso viel CO2-gespeichert wie in den Bäumen darüber.

Der Wald spendiert Trinkwasser in Spitzenqualität

Ähnlich erging es mir mit weiteren sogenannten Ökosystemleistungen unseres Waldes. Der Hydrologe Prof. Markus Weiler von der Uni Freiburg berechnete exakt für unseren Standort die Menge an Wasser, die dort jedes Jahr vom Niederschlag aufgenommen, im Boden gereinigt, mineralisiert und schließlich dem Grundwasser zugeführt wird. 2330 Kubikmeter sind das, ungefähr so viel wie 50 Bundesbürger im Jahr verbrauchen.

Als ich versuche, beim Trinkwasserversorger der Region, der unser Wasser ja im Tal wieder abpumpt und verkauft, einen Teil dieser Leistung in Rechnung zu stellen, scheitere ich erneut. Man ist sich auch hier der großen Bedeutung des Waldes für unser Trinkwasser bewusst, aber sieht sich nicht in der Pflicht, eine Honorierung dieser Leistungen des Waldes anzustoßen.

Grafik: Wasserflüsse in unserm Hektar Wald (Foto: SWR)
Wasserflüsse in unserem Hektar Wald

Vorsicht kostenlos!

Es gibt zahlreiche weitere Leistungen des Waldes, die für uns alle sehr wichtig sind, wie zum Beispiel sein Erholungsangebot, seine Schutzfunktion für die Artenvielfalt, seine Bedeutung für den Erosions- und Hochwasserschutz oder seine Luftreinigungsfunktion. Aber unser Experiment hat gezeigt, dass all diese existentiellen Leistungen aktuell nicht honoriert werden und dennoch von der Gesellschaft selbstverständlich als kostenlose Leistungen erwartet werden. Nach der Devise: Eigentum verpflichtet. Seit dem Waldsterben in Deutschland wird aber deutlich, dass ein gesunder Wald mittlerweile alles andere als selbstverständlich ist. Nur noch 21% sind laut Waldzustandsbericht 2020 gesund. 300.000 Hektar wurden bereits zerstört und es wird sicher noch mehr werden.

Womöglich braucht es eine andere Form der Waldbewirtschaftung, damit unsere Wälder in Zeiten des Klimawandels überleben. Ist das jetzt die Privatsache der betroffenen Privatwaldbesitzer? Schließlich sind wir doch alle Betroffene, weil wir auf die Leistungen der Wälder angewiesen sind. Ist es jetzt nicht höchste Zeit, dass wir alle forstlichen Maßnahmen, die die Ökosystemleistungen unseres Waldes sicherstellen, auch honorieren? Die Waldstrategie der Zukunft - so meine ich - braucht deshalb ein Honorierungssystem, das neben dem Holzertrag auch geprüfte nachhaltige Forstwirtschaft an sich belohnt.

Luftbild von großem Kahlschlag (Foto: SWR)
Waldsterben im oberen Westerwald

Linktipps und Adressen:

„Waldwissen“ übersichtlich aufbereitet (Schutzgemeinschaft Deutscher Wald)
https://www.sdw.de/ueber-den-wald/waldwissen/wald-in-zahlen/

Zahlen und Fakten zur Forstwirtschaft national und international (Thünen-Institut)
https://www.thuenen.de/de/wf/

Baum-Superlativen: Der höchste, der dickste und der älteste Baum Deutschlands (Baumpflegeportal)
https://www.baumpflegeportal.de/aktuell/hoechster-dickster-aeltester-baum-deutschlands/

Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 (BMEL)
https://www.bmel.de/DE/themen/wald/wald-in-deutschland/waldzustandserhebung.html

Studie zum Geld-Wert der globalen Wälder (Boston Consulting Group, Berlin)
https://www.bcg.com/press/9june2020-the-staggering-value-of-forests-and-how-to-save-them

Lesetipps

Buchtitel: Das Wald-Buch – Alles was man wissen muss in 50 Grafiken

Autor: Esther Gonstalla

Verlagsangaben: Oekom-Verlag, München, 2021, ISBN 978-3-96238-211-7

Sonstiges: 129 Seiten, 24,00€, als PDF 18,99€

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