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Alternative Heilmethoden liegen im Trend, obwohl der wissenschaftliche Nachweis ihrer Wirkung oft fehlt. Deshalb gerät auch die Homöopathie zusehends in die Kritik der klassischen Medizin.

Die Auswahl an Alternativen zur Schulmedizin ist riesig. Doch die Wirkung vieler Methoden ist umstritten und nur die wenigsten bezahlt die Krankenkasse. Trotzdem sind alternative Heilmethoden bei den Deutschen beliebt – die Branche boomt und verdient.

Alternative Heilmethoden – bodenständig bis esoterisch

Wer alternative Behandlungsmethoden sucht, hat die Qual der Wahl: angefangen bei Esoterischem über alternative Gerätemedizin, fernöstliche Methoden bis zu Naturheilverfahren und physischen Therapien wird selbst in kleinen Orten inzwischen vieles angeboten.

Bekannt, und auch oft Kassenleistung, sind beispielsweise Physiotherapie oder Osteopathie. Etwas exotischer sind da schon Farbtherapie, Heilzahlen, Ohrkerzen, Handauflegen.
Wer mittels Homöopathie behandelt werden möchte, muss nicht lange suchen: Rund 47.000 Praxen gibt es laut „Bund Deutscher Heilpraktiker“ deutschlandweit, dazu kommen rund 7000 Ärzte, die die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ führen dürfen.

Homöopathie: verdünnen, schütteln, klopfen

Sie alle bieten Behandlungen nach der Methode an, die Samuel Hahnemann vor circa 200 Jahren entwickelte: Gleiches mit Gleichem behandeln. Ein homöopathisches Mittel muss bei einem gesunden Menschen die Symptome auslösen, die der Kranke hat. Also: Stechende Kopfschmerzen werden mit einer Arznei bekämpft, die stechende Kopfschmerzen auslöst. Gesucht wird nicht – wie in der Schulmedizin – die Ursache, sondern ein bestimmtes Symptom.

Wohl am bekanntesten sind als homöopathische Arznei die zwei Millimeter großen Globuli, Zuckerkügelchen, auf die der Wirkstoff aufgebracht wird. Dafür wird der Wirkstoff immer wieder 1:10 verdünnt, zum Erdmittelpunkt verschüttelt und dann geklopft. Das Schlagen soll Energie und Heilkraft ergänzen. Je stärker verdünnt, desto höher soll laut homöopathischer Lehre die Heilkraft sein.

„Humbug, Scharlatanerie!“

Nach einer 18-maligen Verdünnung sei vom ursprünglichen Wirkstoff kein einziges Molekül mehr drin, kritisiert der Tübinger Pharmakologe Peter Ruth:

„Das ist Humbug, Scharlatanerie!“

Peter Ruth, Pharmakologe aus Tübingen

Das sehen auch viele Ärzte so, die davor warnen, sich bei ernsten Erkrankungen wie beispielsweise Krebs auf die Homöopathie zu verlassen. Bis die Patienten merken, dass die Behandlung nicht wirkt, sei es oftmals zu spät, um mit schulmedizinischen Methoden noch zu helfen.

Kritik gibt es auch an der Zulassung homöopathischer Arzneimittel. Im Gegensatz zu anderen Medikamenten dürfen die Kügelchen ohne aufwendige und teure Prüfungen und vor allem ohne Nachweis der Wirksamkeit auf den Markt gebracht werden. So legt es §38 des Arzneimittelgesetzes fest. Ein gutes Geschäft für die Hersteller also.

Die Finanzierung der Homöopathie ärgert die Ärzteschaft noch aus einem weiteren Grund: Ärzte mit Zusatzbezeichnung Homöopathie können über sogenannte Selektivverträge für homöopathische Behandlungen mehr abrechnen als für konventionelle Therapien. Das Geld hierfür, so die Kritik, komme aber aus dem gemeinsamen der Topf gesetzlichen Krankenversicherung und fehle somit für anerkannt wirksame Behandlungsmethoden.

Das Ende der Homöopathie?

Seit einigen Jahren stößt die Homöopathie auf Widerstand – und das nicht nur in Deutschland. In Spanien und Großbritannien wird Homöopathie nicht mehr erstattet beziehungsweise vom staatlichen Gesundheitssystem bezahlt, Frankreich folgt 2021.

Die deutsche Bundesärztekammer will die Zusatzbezeichnung Homöopathie für Ärzte streichen lassen, damit die hohen Vergütungen wegfallen. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften fordern die Streichung der Homöopathie aus der Approbationsordnung für Ärzte. Und auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung will einen Nachweis der Wirksamkeit homöopathischer Leistungen und Arzneien, um nur dann weiterhin dafür zu bezahlen. Doch diesen Nachweis ist die Homöopathie bislang schuldig geblieben.

Osteopathie: Heilen mit den Händen

Zwar nicht als Heilberuf staatlich anerkannt, aber doch weniger umstritten ist die Osteopathie, wörtlich: Erkrankung der Knochen. Anders als es der Name vermuten lässt, geht es bei dieser Therapieform nicht nur um das Knochengerüst. Osteopathen betrachten ihre Patienten ganzheitlich. Zentral für die Behandlung ist das Fasziennetz, jenes Gewebe, das jedes Organ, jeden Muskel umhüllt. Der Zustand dieses Netzwerks wird untersucht und mit gezielten, sanften Griffen behandelt. Diese Griffe sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers auslösen.

Ziel der Osteopathie ist es, Blockaden und Gewebespannungen zu lösen, um so die Beweglichkeit wieder herzustellen. Dabei kann der Auslöser einer Blockade an einer ganz anderen Stelle sitzen als die Beschwerden. Und es müssen eben nicht immer äußere Bewegungseinschränkungen sein: Nach osteopathischer Lehre lässt sich mit der speziellen Grifftechnik auch die Beweglichkeit der Organe beeinflussen.
Die Kosten für eine Behandlung beim Osteopathen werden von vielen Krankenkassen zumindest teilweise erstattet.

Schamanismus: Uralte Heiltechnik wieder gefragt

Wer in unseren Breiten einen Schamanen aufsucht, den plagen eher seelische Probleme. Schamanen, das sind die Heiler, die schon seit Jahrtausenden mithilfe bestimmter Rituale auf spiritueller Ebene helfen. Trommeln, Trance und Rauch sind Bestandteile des Rituals. Dazu gehört auch ein sogenanntes Krafttier; auch dieses existiert natürlich nur spirituell.

Wesentlich für die schamanische Arbeit sind die Seelenrückholung und die Extraktion. Bei der Extraktion sucht der Schamane bei seinem Patienten nach seelischen Altlasten, die es zu beseitigen gilt. Bei der Rückholung sollen Seelenteile, die durch traumatische Erlebnisse verloren gegangen sind, wieder zurückgeholt werden.

Alles Placebos?

Seelenreisen und Krafttiere – für spirituelles Heilen muss offen sein, wer zum Schamanen geht. Dann ist es möglich, dass sich eine Wirkung einstellt, die sich mittels Schulmedizin weder erklären noch reproduzieren lässt.
Es könnte – ebenso wie bei anderen alternativen Heilmethoden – ein Placebo-Effekt sein, so eine Erklärung. Die Wirksamkeit von Placebos bei Medikamenten und (schulmedizinischen) Behandlungen ist bekannt. Bei der Homöopathie wird vermutet, dass sämtliche Heilerfolge darauf zurückzuführen sind.

Und noch ein Faktor kommt wesentlich hinzu: Wer alternative Heilmethoden anwendet, nimmt sich Zeit für seine Patienten, hört ihnen zu und stellt einen intensiven Kontakt her. Gerade Zeit ist etwas, das vielen Patienten im normalen Praxisalltag bei Ärzten oder auch im Krankenhaus fehlt.
Auch dies dürfte ein Grund für den zunehmenden Zulauf sein, den die vielen alternativen Methoden verzeichnen.

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