Mastzellenaktivierungssyndrom

Was hilft bei MCAS?

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Patienten mit Mastzellenerkrankungen leiden unter einer Vielzahl von Symptomen. Das erschwert die Diagnose. Medikamente und ein bestimmter Lebensstil können die Symptome lindern.

„Früher waren die 70- bis 80-Jährigen betroffen“, erinnert sich Prof. Gerhard Molderings, „dann kamen die 50-Jährigen in unsere Praxis, dann die 30-Jährigen...“. Inzwischen sieht der Bonner Humangenetiker noch wesentlich jüngere Patienten. Die Immunabwehr spielt bei rund 17 Prozent der Bevölkerung quasi verrückt. Bei den betroffenen Patienten vermehren sich die Mastzellen – der älteste Teil des Immunsystems - unkontrolliert oder sind überaktiv.

Beim „Mastzellenaktivierungssyndrom“, kurz MCAS, schütten Mastzellen in permanentem Alarmzustand ihre Botenstoffe aus. Eigentlich um zu heilen. Doch in Überdosis schädigen sie die Organe, zu deren Schutz sie da sind. Als „Arbeitshypothese“ für die Zunahme genetischer Mastzellen-Mutationen vermutet Prof. Molderings die stark veränderte Lebenswelt seit Beginn des 20. Jahrhunderts: chemische Industrie, Umwelt- oder Weltkriegsgifte.

Mikroskopaufnahme aktivierter Mastzellen (Foto: SWR)
Mastzellen schütten Botenstoffe aus

Checkliste hilft bei Diagnose

Die heute 57-jährige Waltraud Schinhofen bekam 2008 die Diagnose MCAS, nach jahrelanger Ärzteodyssee. Schon als Jugendliche hatte sie immer irgendwas, jeder Infekt haute sie um: Auf ihren „Notfall-Ausweis“ ist die Vielzahl der Symptome erfasst: Entzündungen, Allergien, Haut-, Darm- Atemwegsprobleme, Erschöpfung, Verwirrung. Der Ausweis hilft ihr, wenn sie mal wieder in die „Psycho-Ecke“ gestellt wird.

Doch die „verrückte Mastzelle“ ist eine ganz reale Erbkrankheit. Die Diagnose bekam sie nach Blutanalysen der Botenstoffmengen in ihrem Körper, vor allem aber mit Hilfe einer standardisierten Checkliste für Mastzellenerkrankungen. Für Waltraud Schinhofen war die Diagnose „unfassbar entlastend, weil ich wusste, was Du hast, hast Du Dir nicht eingebildet, es gibt einen Grund dafür, warum es Dir so schlecht geht.“>

Schinhofen im Grünen an Weidenzaun (Foto: SWR)
MCAS-Patientin Waltraud Schinhofen

Dauerstress schädigt Immunsystem

Kein Psycholeiden, sondern eine „echte“ Krankheit? Die Gießener Immunsystem-Forscherin Eva Peters mag diese Unterscheidung nicht. Für sie sagt die Mastzellenaktivität viel über die Körper-Geist-Beziehung aus. „Die Mastzellen“ sagt Peters „haben eine physische Verbindung zum Gehirn durch Nervenfasern“. Unsere Psyche koordiniert und lenkt quasi die körperliche Stressreaktion und die Immunabwehr. Bei Mäusen, die gestresst wurden, explodierten Mastzellen regelrecht.

Unter dem Mikroskop zeigt sich eine Nervenzelle, die direkt an der Immunzelle andockt: die direkte Verbindung des Gehirns zum Immunsystem. „Je mehr Mastzellen in Alarmbereitschaft sind, je mehr Kontakt sehen wir mit Nervenfasern“ beobachtet Prof. Eva Peters. Psychische Belastung wirkt also direkt auf das Immunsystem: Überaktivierung durch Dauerstress, eine „negative Stressachse“. Eva Peters sieht durch ihre Forschung auch, wie wichtig es ist Körper und Geist positiv auszurichten: Öfter mal Spazierengehen, Gelassenheit üben. Das wirkt sich schützend auf die Mastzellenfunktion aus, hält das Immunsystem flexibel und gesund.

Eva Peters mit Laborantin (Foto: SWR)
Erforschung des Immunsystems

Medikation und Lebensstil

Doch bei einer MCAS-Erkrankung ist die Sache viel komplizierter: Denn auch positive Impulse, Überschwang oder starke Vorfreude, können die mutierten Mastzellen zu einer Botenstoff-Überdosis verleiten. Prof. Gerhard Molderings rät Patienten daher, „sowohl positive, als auch negative Belastungssituationen zu meiden“, denn im Gehirn werde in beiden Fällen derselbe überaktivierende Botenstoff freigesetzt. MCAS-Patienten „müssen leben wie ein großer breiter Fluss, der langsam dahinfließt.“

Waltraud Schinhofen krempelte nach der Diagnose ihr Leben um. Veränderte ihre Ernährung: Möglichst viel frisch kochen, vorsichtig sein mit histaminreichen Lebensmitteln, aufmerksam beobachten, welche Speisen ihr nicht bekommen, oder auch, wann sie in Stress gerät. Meditation und Achtsamkeitstraining helfen ihr. Aber auch: Medikamente, um die Mastzellen in Schach zu halten. Ein individueller Mix aus bewusstem Lebensstil und medizinischer Therapie. Durch die Maßnahmen fühlt sie sich heute der Krankheit nicht mehr so ausgeliefert und selbstbestimmter.

Paprika schneiden nah (Foto: SWR)
Bewusst ernähren, frisch kochen

Hoffnung auf Medikamente

Prof. Gerhard Molderings sieht bessere Medikamente am Horizont, um die kranken Mastzellen gezielter zu blockieren – ohne das Immunsystem selbst zu schädigen. Er hofft auch, dass die Forschung die epigenetische Mutation irgendwann ganz auszumerzen könne. Und doch vermutet der Spezialist ja, Industrialisierung und Umweltgifte könnten für die „verrückte Mastzelle“ verantwortlich sein. Wenn es etwas in unserer modernen Lebenswelt ist, das unser Immunsystem durchdrehen lässt, dann wäre auch geniale Medizintechnik nur ein Teil der Lösung. Unser Leben selbst müsste sich ändern.

Prof. Molderings mit Laborüberblendung (Foto: SWR)
Mastzellen gezielt blockieren

Adressen:

Prof. Gerhard J. Molderings

Institut für Humangenetik

Universitätsklinikum Bonn

Wilhelmstr. 31

53111 Bonn

E-Mail: molderings@uni-bonn.de

Humangenetics Uni Bonn

Prof. Eva Peters

Justus-Liebig-Universität Gießen

FB 11 Medizin / Psychoneuroimmunologie

Ludwigsstr. 23

35390 Gießen

Beitragsinformationen:

Selbsthilfeverein für Mastzellenerkrankungen, im Vorstand: Waltraud Schinhofen

Checkliste Diagnose Mastzellenerkrankung für Patienten

Förderclub von Prof. Gerhard Molderings zur Erforschung und Therapie der Mastzellenerkrankungen

Literatur:

Peters, Eva (2016): Gestresste Haut? – Aktueller Stand molekularer psychosomatischer Zusammenhänge und ihr Beitrag zu Ursachen und Folgen dermatologischer Erkrankungen

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