Der Weg der Kloake, Teil 1

Was das Abwasser preisgibt

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AUTOR/IN
Dirk Beppler

Wie erkennt man, dass Chemnitz deutsche Crystal-Meth-Hochburg ist? Wie können Virologen zukünftig Pandemien besser bewältigen? Und woher wissen Archäologen, was Freiburger vor 500 Jahren aßen?

Am Umweltforschungszentrum in Leipzig ist Abwasser das Objekt der Begierde.

Der Virologe Dr. Réné Kallies hat Tausende Abwasserproben aus 50 deutschen Kläranlagen analysiert. In fast jeder Probe fand der Forscher Corona-Viren, die über den Stuhl ins Abwasser gelangen. Mit der Analyse der Virenlast in den Proben hat der Virologe Großes vor: Er plant ein deutschlandweites Monitoring. In Italien entdeckten Forscher erst spät im vergangenen Jahr im Abwasser Spuren des Virus, die eindeutig aus dem Dezember 2019 stammten.

Kallies will mit den Daten seiner Analysen frühzeitig regionale Ausbrüche erkennen, so dass reagiert werden kann, bevor sich Menschen in großem Stil infizieren. Seine ersten Resultate sind gut und er ist überzeugt: „Diese Daten wollen wir dann nutzen, um Modelle rechnen zu können und zu sehen, können wir ein Frühwarnsystem oder ein Endwarnsystem für diese Pandemien entwickeln? Und wir nutzen das Ganze auch als Testszenario für zukünftige Pandemien oder Epidemien oder auch für Viren, die endemisch sind, die sowieso vorkommen und die wir detektieren können.“

Jede Linie steht für eine Probe, fast alle Corona-positiv. (Foto: SWR)
Blaue Linien

In Dortmund wird am meisten gekokst, Chemnitz ist die Crystal-Meth-Hochburg.

Ähnlich wie sein Kollege in Leipzig untersucht der Schweizer Forscher Dr. Christoph Ort Fäkalien- und Abwasserproben in detektivischer Kleinarbeit. Der Wissenschaftler ist Teil des europäischen Forschernetzwerkes Score, das in 70 europäischen Städten Abwasseranalysen durchführt, um die Drogenkonsumgewohnheiten ihrer Bewohner zu erforschen.

Jedes Jahr geben Europäer 30 Milliarden Euro für illegale Drogen aus, die Haupteinnahmequelle krimineller Organisationen. Das Prinzip ist simpel. Es beruht darauf, dass jeder Mensch auf die Toilette muss. Wer Drogen genommen hat, scheidet die Rückstände dort wieder aus. Christoph Ort filtert sie aus Abwasser heraus und bekommt so einen Eindruck, wie viel Kokain, Methamphetamin und Ecstasy in einer Stadt genommen wird. Das ist sehr aufwändig!

„Einerseits sind es die tiefen Konzentrationen in den Stoffwechselprodukten, die wir im Abwasser finden, das liegt im Bereich Nanogramm pro Liter, das kann man sich vorstellen wie ein aufgelöster Würfel Zucker in einer Million Badewannen. Und das zweite ist man, muss sich vorstellen, die Substanzen sind aus einer relativ kleinen Anzahl WC-Spülungen, die ein paar Sekunden oder ein paar Minuten dauern. Das stellt hohe Ansprüche an die Probenname.“

Es gibt fast bei allen Substanzen typische Tages- oder Wochengänge.

Kokain steigt am Wochenende an, es wird aber auch unter der Woche stark konsumiert. Ganz im Gegensatz zu Ecstasy, wo nur am Wochenende Werte gemessen werden.

Eine Latrine ist altes, gestapeltes Abwasser, für Archäologen ein Schatz.

Unter dem Freiburger Münsterplatz legen Archäologen eine Latrine frei. Drei Männer buddeln in einer Grube. Ein Grabungstechniker, ein Grabungshelfer und ein Archäologe. Es ist nicht irgendeine Grube, sondern eine uralte Latrine, die Schritt für Schritt ihre Geheimnisse preisgibt. Der Archäologe Bertram Jenisch ist begeistert.

„Da haben wir jetzt Kernchen, Himbeeren oder Erdbeeren, wir sehen ganz kleine kompakte Schichten von Früchten und importierte Dinge wie Feigen finden sich in Sämereien in den Latrinen. Wir wissen deshalb anhand der Analyse der Speisereste aus den Latrinen, was die Menschen gegessen haben.“

Auch ein paar Schweine ließen hier ihr Leben. Eine Latrine freizulegen ist immer ein Glücksfall für die Archäologen. Die Hinterlassenschaften erzählen viel vom damaligen Leben der Freiburger.

Archäologen legen 500 Jahre alte Kacke frei. (Foto: SWR)
Latrinenforscher

Linktipps:

Ergebnis der Studie über Drogen im Abwasser

Homepage des Projekts zum Corona-Monitoring im Abwasser

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Dirk Beppler