Experiment Hilfsbereitschaft

Warum wir helfen und warum nicht

STAND
AUTOR/IN

Wo liegen die Wurzeln der Hilfsbereitschaft? Im Ahrtal, wo hunderte Freiwillige in der Not helfen, geht odysso dem Phänomen auf den Grund. Mit wissenschaftlichen Methoden und Experimenten.

Das Ahrtal-Experiment

Nach der Flutkatastrophe ist die Region zum Inbegriff deutscher Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit geworden. Viele Menschen packen nicht nur freiwillig beim Aufräumen und Wiederaufbau mit an, auch die Spendenbereitschaft ist riesig. Das privat organisierte Helfer Shuttle ist die wichtigste Anlaufstelle für Helferinnen und Helfer. Hier werden die Arbeiten koordiniert, Werkzeug und Verpflegung verteilt und Übernachtungsmöglichkeiten organisiert. Der ideale Ort also, um dem Phänomen der Hilfsbereitschaft auf den Grund zu gehen.

Luftaufnahme vom Helfer Shuttle (Foto: SWR)
Das Helfer Shuttle im Spätsommer

Die Helfer

Timo Tillmann ist einer der Dauerhelfer im Ahrtal. Gleich nach der Katastrophe packte der gelernte Dachdecker und Veranstaltungstechniker einen 7,5 Tonner voll mit Spenden und rauschte von Osnabrück ins Ahrtal: „Also ich bin ja tatsächlich an Tag zwei hier im Ahrtal angekommen. Dann bin ich in der ersten Zeit durch Bad Neuenahr-Ahrweiler gefahren, habe sehr viele Spenden verteilt, bin nach Mayschoß gekommen, bin teilweise zu Fuß bis nach Resch gelaufen; mit Wasser durch die Weinberge.“ Timo steht an einen Balken gelehnt in einem Fachwerkhaus. Er hat sich vorgenommen das Häuschen vor dem Abriss zu bewahren. „Ich bin hier, weil ich so viel wie möglich helfen möchte. Ich kann leider nicht die ganze Welt retten, das ist mir bewusst. Aber ich kann die Zeit, die ich hier bin sinnvoll investieren und für viele Leute da sein.“ Mittlerweile ist Timo in den Ahrtalorten Meischau und Dernau sowas wie Handwerker, Bauleiter und Vertrauensmann in einer Person. Wo es nötig ist und er kann, kümmert er sich um die Sorgen und Nöte der Menschen. Kundig und kräftig anpacken ist dabei nur einer Facette seiner Hilfe: „es ist jede Hilfe benötigt. Und wenn es nur die Umarmung oder die Unterhaltung mit den Anwohnern ist, um den neuen Mut zu schenken.“

Timo Tillmann, Helfer im Ahrtral in einem zerstörten Haus (Foto: SWR)
Timo Tillmann, ein Helfer zwischen Trümmern

Die Umfrage – das Experiment

Im Camp des Helfer Shuttle oberhalb des Ahrtals haben private Helfer um die Unternehmer Marc Ulrich und Thomas Pütz binnen kurzer Zeit einen Fahrdienst organisiert. Er bringt nicht nur die Helferinnen und Helfer ins Tal, auch die Arbeiten werden hier koordiniert und für Verpflegung gesorgt. Auch wir von odysso sind gekommen, um dem Phänomen der Hilfsbereitschaft auf den Grund zu gehen. Dazu bereiten wir zunächst eine Umfrage vor. Wir wollen herausfinden: Welche Faktoren beeinflussen die Hilfsbereitschaft? Wie schätzen sich die Helferinnen und Helfer selbst ein? Zusätzlich bieten wir die Möglichkeit, den Fragebogen später Online auszufüllen. Um einen Vergleich zu haben, führen wir die Umfrage auch an einem anderen Ort durch: im Neanderthal Museum in Mettmann. Entworfen wurde der Fragebogen Johannes Leder von Universität Bamberg. Dem Sozialpsychologe sind die Grenzen der Umfrage bewusst. Schließlich beurteilen die Teilnehmer sich selbst. Außerdem nehmen nur Menschen teil, die an der Umfrage Interesse haben. Trotzdem glaubt er, dass die Ergebnisse einen Hinweis darauf geben, was die Hilfe im Ahrtal besonders macht. Leders Prognose: „Ich würde erwarten, dass auf jeden Fall die Distanz einen Einfluss hat. Also je näher ich dran bin, desto mehr helfe ich, weil ich das Ahrtal kenne. Ich denke auch, dass generelle Hilfsbereitschaft eine Vorhersage dafür sein sollte, wie hilfsbereit man in so einer spezifischen Situation ist.“

Ein Experiment zur Spendenbereitschaft soll außerdem zeigen, wie die gefühlte Nähe zu Hilfsbedürftigen die Großzügigkeit beeinflusst. Dafür verteilen wir jeweils 2000,- Euro Spielgeld. Sechs erdachte Spendenprojekte stehen zur Auswahl. Unsere Frage: Wird lieber an ferne Hilfsprojekte gespendet oder lieber an heimische – und warum?

Zur Auswahl stehen drei Kategorien. Katastrophenopfer, Armut und bedrohte Tierarten: Flutopfer im Ahrtal vs. Wirbelsturmopfer auf Haiti; Rentnerarmut vs. Flüchtlingsnot; Schutzprojekt Wildkatze vs. Schutzprojekt Ozelot

Teilnehmer eines Spenden. Experiments auf dem Camp des Helfer Shuttle (Foto: SWR)
Spenden, aber wofür

Das weiß die Wissenschaft

Hilfsbereitschaft beruhe auf mehreren Faktoren, so der Anthropologe Eckart Voland. Da sei zum einen, die Fähigkeit miteinander zu kooperieren. Also sich gegenseitig zu helfen, ohne dass einem individuellen Lebenssituation des/der anderen wichtig wäre. Das finde man auch im Tierreich. Zum Beispiel, wenn mehrere Raubtiere gemeinsam jagen. Darüber hinaus gehe die Fähigkeit, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen, so Voland: „Ich muss also wissen, was der andere gerade denkt, was er wünscht, ob er leidet, ob er Schmerzen hat, ob er Wünsche hat, all das, was im Kopf so passiert, muss ich ja ahnen können. Und das ist eine kognitive Fähigkeit, die evolutionär gesehen in der Tat relativ neu ist und die mit dem Menschen erst so richtig zur Blüte gekommen ist“ Tatsächlich finden Verhaltensforscher diese Fähigkeit vor allem bei den Menschenaffen, also unseren nächsten Verwandten. Doch auch andere Tiere zeigen Hilfsbereitschaft. Der Verhaltensforscher Michael Taborsky und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen untersuchten die Kooperationsfähigkeit von Ratten. Sie fanden heraus, dass Ratten sich gegenseitig helfen, auch wenn sie selbst davon nicht profitieren. Sie agieren altruistisch, also selbstlos. Die Hilfsbereitschaft war stärker, wenn der helfenden Ratte zuvor ebenfalls durch die andere Ratte geholfen wurde. Die Hilfsbereitschaft beruht demnach auch auf Gegenseitigkeit. Michael Taborsky versucht mit solchen Experimenten herauszufinden, wie tief die biologischen Wurzeln von Kooperationsbereitschaft, Großzügigkeit oder Dankbarkeit reichen: „Wenn man experimentell zeigen kann, dass Tiere mit ihren Mitteln auch dieselben funktionalen Möglichkeiten haben, Kooperation zu erzeugen oder sich altruistisch zu verhalten dann zeigt, dass das, dass diese Veranlagung sozusagen in unserem angeborenen Repertoire schon vorhanden ist.“

Kooperation, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und gegenseitige Hilfsbereitschaft sind genetisch tief verwurzelt. Da ist die Wissenschaft sicher. Diese Fähigkeiten haben sich immer weiterentwickelt und wurden möglicherweise zu den wichtigsten Faktoren für den Siegeszug des Menschen. Eckart Voland: „Es muss sich in der Evolution als vorteilhaft für diese genetische Information ausgezahlt haben, dass sie zu diesem hilfsbereiten Verhalten geführt hat. Das ist in uns Menschen drin. Aber eben nicht unkonditional. Es müssen noch bestimmte Faktoren hinzukommen, dass das eingeschaltet wird.“

Zwei Ratten im Käfig. Die eine kann der anderen das Futter beschaffen und macht das auch. (Foto: SWR)
Eine Ratte hilft der anderen, an Futter zu kommen

Ergebnis 1: Das Spenden-Experiment

Am Spenden-Experiment sollte zeigen, wie entscheidend ist es, dass einem die Hilfsbedürftigen nah sind? Im Ahrtal machen 48 Helferinnen und Helfer beim Spendenexperiment mit. Das Ergebnis scheint erstmal wenig überraschend. Tatsächlich geht mehr als ein Drittel der Spenden an das nahe Ahrtal. Haiti bekommt nur halb so viel. Umgekehrt sieht es bei den Spenden für notleidende Rentner bzw. Flüchtlinge aus. Und die Tierhilfeprojekte bekommen grade mal ein Zehntel der Spenden. Im Neanderthal Museum verteilten 42 Besucherinnen und Besucher die 2000,- Euro Spielgeld auf die ausgedachten Projekte: Hier bekommen die Flutopfer hierzulande deutlich weniger Spenden als die Haitianer. Die Not von Rentnern und Flüchtlingen wird ähnlich bewertet, wie im Helfer Camp. Ozelot und Wildkatze erhalten mehr Spenden. Für die höhere Spendenbereitschaft Richtung Haiti gibt es eine Erklärung. Schließlich waren die Teilnehmer nicht im Ahrtal und können deswegen das Leid neutraler abwägen, so ein Museumsbesucher: „Ich glaube nicht, dass so schlimm das Leid ist im Ahrtal, dass es vergleichbar ist mit dem, was Menschen in Haiti erleben“. Auch wenn es schwer ist, die Motive der verschiedenen Spender herauszufinden. Die Spendenaktion zeigt, wie sehr konkrete Hilfsbereitschaft von den Umständen beeinflusst wird. Der Anthropologe Eckart Voland: Es gibt in der Tat eine ganze Reihe von Faktoren, die immer ganz aktuell mit eingerechnet werden. Da gehört natürlich meine Kompetenz als Helfender dazu. Kann ich das überhaupt? Äh, den Opportunitätskosten. Habe ich die Zeit dafür im Moment. Ist da nicht etwas anderes, was wesentlich wichtiger ist für mich. Äh, wer sind die Empfänger meiner Hilfsbereitschaft? Möchte ich denn wirklich, dass es denen besser geht. Also da sind eine ganze Reihe von Faktoren die meiner Person dienen, die in der Person des zu helfenden dienen und die in der Situation, die im Kontext des Ganzen liegen, in der Gesellschaftsform. All diesen Dingen spielen eine Rolle.“

Ergebnis 2: Die Umfrage

Das wird auch bei der Umfrage deutlich. Zwar schätzen sich die Menschen, die im Ahrtal geholfen haben, selbst als ehrlicher, bescheidener und hilfsbereiter ein, als die Vergleichsgruppe aus Museumsbesucher*innen und Umfrageteilnehmer*innen der Onlinebefragung, die nicht vor Ort waren. Allerdings sind die Unterschiede gering. Wesentlich deutlicher ist die Aussage der Helfenden, welche Umstände ihre Hilfsbereitschaft fördern, so Johannes Leder von der Universität Bamberg: „Wir haben erfasst, wie verbunden, sie sich mit den anderen Helfern fühlen, die sich engagieren. Das ist ja ein klarer Benefit für sie selbst. Und da zeigt sich, sie fühlen sich mit dem ganzen Thema viel verbundener, wenn sie direkt helfen und fühlen, dass sie gemeinsam etwas mit anderen Menschen tun, die ihnen ähnlich sind.“ Auch zeige die Umfrage besonders klar, dass es den Helfenden wichtig ist, dass ihre Hilfe ankommt. Daneben können man auch aus der Organisation des Helfer Shuttle lernen, so Leder: „„Also da scheint es so zu sein, dass die Leute sagen ich weiß konkret, was ich tun soll. Ich bekomme das richtige Werkzeug. Ich werde an die richtigen Orte gefahren. Ich muss mich um so Sachen wie Nahrungsmittel und so weiter nicht kümmern. Das ist, glaube ich, also, diese niedrigschwellige klare Organisation, das ist hilfreich.“

Es sieht also so aus, dass die meisten Menschen generell hilfsbereit sind. Doch die Umstände beeinflussen entscheidend, ob sie aktiv werden oder nicht. Dazu gehört: Wer Hilfe fördern will, sollte helfen leicht machen und dafür sorgen, dass die Helfende das Gefühl bekommen, ihr Tun bewirkt etwas.

Helferinnen und Helfer zeigen sich zufrieden nach geleisteter Hilfe und gönnen sich den Feierabend (Foto: SWR)
Gemeinsames Erleben, gute Organisation und das Gefühl, dass die Hilfe ankommt, fördern die Hilfsbereitschaft.

Linktipps:

Das Helfer Shuttle bei Grafschaft oberhalb des Ahrtals

Max Planck Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz

Der Internetauftritt des Anthroplogen, Philosophen und Biologen Eckart Voland

Der Verhaltensforscher Michael Taborsky an der Universität Bern

Der Sozialpsychologe Johannes Leder an der Universität Bamberg

Der Wirtschaftswissenschaftler Gianluca Grimalda am Kiel Institut für Weltwirtschaft

STAND
AUTOR/IN