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„Kein Hase im Wald putzt sich die Zähne und er ist trotzdem gesund im Mund!“ Sagt der Zahnmediziner Prof. Schlagenhauf aus Würzburg. Aber warum ist das so?

Obwohl sich Zahnsubstanz und Zahnhalteapparats bei Menschen und wilden Säugetieren vom Prinzip her kaum unterscheiden, sind Erkrankungen des Zahnfleischs und der Zähne bei Wildtieren eher die Ausnahme, beim Menschen dagegen die Regel. Dieser Widerspruch konnte bislang nicht zufriedenstellend von den Experten aufgelöst werden.

Doch nun gibt es erste Erklärungsversuche: Eine Gruppe von Anthropologen, zu denen auch der deutsche Dentalanthropologe Kurt Alt aus Krems in Österreich gehört, untersuchten die Gebisse unserer Vorfahren. Mit Hilfe des Zahnsteins an alten Skeletten gelang es, die Zusammensetzung der Bakterien aus der Mundhöhle unserer Vorfahren zu bestimmen.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Keime, die Krankheiten des Zahnfleischs und der Zähne auslösen können, ab der Jungsteinzeit bis heute deutlich zugenommen haben. In der Zeit davor, als homo sapiens noch als Jäger und Sammler lebte, waren die Keime dagegen eher selten.

Katze putzt Löwe die Zähne (Foto: SWR)
Kein Wildtier putzt sich die Zähne und ist trotzdem gesund im Mund

Die Ernährung macht den Unterschied

Die Vermutung der Wissenschaftler lag nahe, dass die Ursache für diese Veränderung des Bakterienmilieus im Mund durch eine Veränderung in der Ernährung herbeigeführt wurde. Denn während Jäger und Sammler noch ausschließlich von Wildfrüchten, Gräsern, Wurzeln oder von tierischer Nahrung lebten, begannen die Menschen in der Jungsteinzeit damit, Getreide anzubauen, aus dem sie mit Erfolg ihre Nahrung herstellten.

Junge Frau beißt in Blätter der roten Beete (Foto: SWR)
Besser Essen, statt dauernd putzen – geht das?

Fortan war die Ernährung nicht mehr ausschließlich davon abhängig, was die Natur bereitstellte und bestimmte Nahrungsmittel wurden gehäuft verzehrt. Speziell gemahlene Getreideprodukte haben allerdings die Eigenschaft, dass sie an Zähnen klebrige Beläge bilden und außerdem reich an Kohlenhydraten sind, die im Mund zu Zucker verstoffwechselt werden.

Schädelfunde aus der Jungsteinzeit zeigen, dass es neben der Veränderung des Bakterienmilieus im Mund, tatsächlich auch zu Erkrankungen in der Mundhöhle gekommen ist, die zu lebensgefährlichen Zahnabszessen geführt haben müssen. Die Weiterverarbeitung von natürlichen Lebensmitteln bis zu dem Produkt, was auf unseren Tellern landet, hat in der Kulturgeschichte des Menschen immer weiter zugenommen. Und das bleibt nicht ohne negative Folgen für die Zähne.

Schädel aus der Jungsteinzeit mit großer Abszesshöhle am unteren Eckzahn (Foto: SWR)
Schädel aus der Jungsteinzeit mit großer Abszesshöhle am unteren Eckzahn

Ein Zufall, der Aufsehen erregte

Den Zusammenhang zwischen unserer Ernährung, dem Mikrobiom[1] und den Krankheiten in unserer Mundhöhle hat man in der Zahnmedizin bisher allerdings nur für die Entstehung von Karies untersucht. Zucker wurde hier als der wesentliche Krankheitstreiber entlarvt.

Auch für die Entstehung von Zahnfleischentzündungen und Parodontose werden zwar bakterielle Zahnbeläge verantwortlich gemacht, aber die Frage, warum diese Beläge bei manchen Menschen keine Probleme machen, während sie bei anderen zu schwersten Zahnbetterkrankungen führen können, blieb bislang unbeantwortet.

Während eines Experiments für eine TV-Dokumentation in der Schweiz wurde man 2006 durch einen Zufall auf diesen Widerspruch aufmerksam. Zehn Teilnehmer mussten für vier Wochen wie in der Steinzeit leben. Wesentlicher Teil ihrer Ernährung war das Jagen und Sammeln von Wildfrüchten. Die Experten gingen fest davon aus, dass die Teilnehmer anschließend Zahnfleischentzündungen haben müssten, weil sie während der Zeit des Experiments nicht die Zähne putzen durften.

Doch das Gegenteil trat ein: Trotz massiver Beläge mussten die Zahnmediziner der Universitäten Zürich und Bern feststellen, dass sich die Zahnfleischgesundheit der Teilnehmer sogar insgesamt verbessert hatte. Das widerspricht bis heute allen Vorstellungen vom Entzündungsgeschehen in der Mundhöhle.

Junger Mann in Lederkleidung zielt mit Speer auf eine Wasseroberfläche. (Foto: SWR)
Teilnehmer aus dem Steinzeitexperiment des Schweizer Fernsehens

Ein Experiment bringt den Beweis

Erst 2017 überprüften die beiden Zahnmediziner Johan Wölber und Christian Tennert an der Universität Freiburg dieses überraschende Ergebnis auf einer anerkannten wissenschaftlichen Basis. Sie waren davon überzeugt, dass bei den Teilnehmern des TV-Experiments in der Schweiz die Steinzeiternährung ausschlaggebend für die positiven Veränderungen gewesen war. Vier Eigenschaften dieser Ernährung nach steinzeitlichen Prinzipien sind nach ihrer Meinung entscheidend.

  • Reich an Omega-3-haltigen Fettsäuren
  • Viele Ballaststoffe
  • Viele Mikronährstoffe (Vitamine und Mineralien)
  • Kein Industriezucker

In zwei Studien mit Probanden konnten sie eindeutig zeigen, dass Menschen mit Zahnfleischentzündungen, die sich nach diesen Prinzipien sechs Wochen lang ernähren, davon profitieren. Die Entzündungen gingen in beiden Studien jeweils um die Hälfte zurück.

Forelle, Nüsse, Blattgemüse, Beeren und Urgetreide auf schwarzem Untergrund (Foto: SWR)
Die vier Prinzipien einer mundgesunden Ernährung

Vom Lebensmittel zum Konzentrat

Bereits aus der Herzforschung waren entzündungshemmende Effekte durch Inhaltsstoffe bestimmter Nahrungsmittel bekannt. Zum Beispiel für natürliches Nitrat, wie es in roter Beete oder Kopfsalat enthalten ist. In der Augsburger Zahnklinik untersuchten die Experten für Zahnfleischerkrankungen deshalb, ob sich diese natürlichen Inhaltsstoffe auch therapeutisch für Zahnfleischentzündungen nutzen lassen. Sie konnten dies für ein entwickeltes Salatsaftkonzentrat mit natürlichem Nitrat eindeutig nachweisen. Die Entzündungswerte der Patienten halbierten sich.

Das Erfreuliche an diesen Ergebnissen aus Freiburg und Würzburg ist, dass wir durch die richtige Ernährung, positiv auf unsere Zahngesundheit einwirken können und dabei gleichzeitig unsere Gesundheit insgesamt verbessern. Gesunde Nahrungsmittel gab es nie zuvor in solcher Auswahl und Menge wie heute, wir müssen uns lediglich für die richtigen entscheiden. Und für Menschen, die sich nur eingeschränkt die Zähne putzen können gilt: sie sollten auf die richtige Ernährung achten, so können sie ihren Zähnen helfen.

Linkstipps:

Lesetipp:

„Die Ernährungszahnbürste“
Johan Wölber und Christian Tennert
Unimedica im Narayana Verlag, D-79400 Kandern, 2020
ISBN: 9783962571870
200 Seiten, 24,99€
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