Kontrolliertes Trinken Trinker wie Du und ich

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Die tägliche Dröhnung Alkohol ist für viele von uns ganz normal. odysso-Reporter Oliver Wittkowski wollte das nicht länger hinnehmen und verordnete sich weniger Alkohol. Ein Selbstversuch mit Folgen.

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Trinken gehört dazu

In Fernsehbeiträgen sprechen Menschen - oft anonymisiert - über Ihr Alkoholproblem: Eine Frau: "Ich bin im Grunde genommen, nichts weiter als die ganz normale Hausfrau, die Ehefrau, die Mutter, die zum Kochen Alkohol verwendet hat, ich habe mir morgens einen Sekt aufgemacht, für mich war das normal." Ein Mann: "Für mich waren Alkoholiker Menschen die unter Brücken schlafen, Menschen zweiter und dritter Klasse. Und das war ich ja nicht, ich war was Besseres. Und deshalb musste ich weiter trinken."

Trinker wie Du und ich. Mit Familie und Job. Sie wollen nicht erkannt werden, schämen sich. Muss ich das auch? Als Reporter arbeite ich zurzeit an einem Beitrag zum Umgang mit Alkohol. Das betrifft nicht immer nur die anderen: Seit meiner Jugend trinke ich selbst fast täglich Alkohol. Wer trinkt, gehört in diesem Land dazu. Doch das kann schnell kippen, wenn andere Menschen wittern: Bei dem geht nichts mehr ohne tägliche Dröhnung. Bei mir ist das natürlich nicht so, füge ich gleich voller Überzeugung hinzu. Aber: Wann war eigentlich mein letzter abstinenter Tag?

Knapp einen halben Liter Wein trinke ich täglich - zwei gut eingeschenkte Gläser also. Meist zum Essen. Das ist Genuss, aber: Ich muss auch mit gesundheitlichen Schäden rechnen: Alkohol ist ein Nervengift, krebserregend, schädigt alle Organe.

Lernen, den Konsum zu reduzieren

Ich will was tun - eine Art persönliche Annäherung an mein aktuelles Reporterthema. Das Programm "Kontrolliertes Trinken" - eine dicke 10-Schritte-Kursmappe, die ich bestellt habe - soll Menschen helfen, ihren Konsum selbstbestimmt zu reduzieren. Da geht es erst mal darum, genau hinzuschauen, sich selbst Fragen zu beantworten: Was bringt mir der Alkohol eigentlich? Was mag ich daran? Was nicht? Ich führe nun, wie in dem Programm verlangt, ein Trinktagebuch, Tag für Tag. Was trinke ich, wie viel genau, was ist der Auslöser?

An einer Wäscheleine sind Fotos aufgehängt, die Alkoholsituationen zeigen. (Foto: SWR, SWR -)
Wann war Ihr letzter abstinenter Tag? SWR -

Zwei Wochen später fahre ich nach Stuttgart. Dort bietet die Suchtberatung der Caritas Kurse zum "Kontrollierten Trinken" an. Zehn Gruppensitzungen. Ich habe erst mal ein Gespräch mit einem Psychologen. Vorfreude wie beim Zahnarzt. Der Psychologe Pius Riether ist clever: Er moralisiert nicht, bringt mich zum Plaudern: Warum komme ich gerade jetzt? Ich brabbele munter drauf los: "Also mir geht Energie flöten durchs Trinken, das merke ich einfach: Müdigkeit, Schlappheit, Denkträgheit. Und dann auch wieder diese unglaubliche Freude, wenn ich zum Handkäse einen guten Riesling oder so habe."

Ich merke schnell: Die Auseinandersetzung mit dem Alkohol ist eine Reise zum eigenen ich: Was belastet mich, welche Ängste plagen mich? Suchttherapeut Riether bringt die Situation auf den Punkt: "Sie erleben sich ein Stück weit fremdgesteuert, erleben sich nicht mehr als Herr im eigenen Haus. Es gibt da schon mal die Idee: Ich will eigentlich nichts trinken und dann machen Sie es doch."

Alkohol aus Gewohnheit trinken

Das alles ist peinlich, aber auch spannend. Scheinbar Selbstverständliches kommt auf den Prüfstand. Psychologe Riether macht immer wieder ähnliche Erfahrungen: "Was den Leuten auch bewusst geworden ist, wie der Alltag mit Gewohnheiten durchsetzt ist. Man lebt so dahin, verhält sich so und so, immer gleich, denkt einfach nicht mehr darüber nach. Und dass die Leute dann manchmal selber sagen: Uff, das habe ich mir eigentlich noch nie überlegt, warum ich das immer so und so und so mache."

In der Caritas treffe ich auch einen pensionierten Postbeamten. Er war ein sogenannter Spiegeltrinker, der seinen täglichen Spiegel oder Pegel braucht. Durch das Programm bekam er seine Sucht in den Griff. Auch bei ihm war Alkohol ein Leben lang dabei. Abstinenz, das packte er nicht, doch er reduzierte seinen Konsum seiner Frau zuliebe: "Das ist eigentlich nur Kopfsache, man kann das leicht ausschalten. Aber der innere Schweinehund, den Sie auch vom Sport kennen – quält man sich, quält man sich nicht – so ist das beim Entzug auch. Zu gewinnen habe ich einfach mehr Lebensqualität, für mich persönlich. Ich bin weniger anfällig. Und natürlich den häuslichen Frieden, das ist mir das Wichtigste."

Er schaut genau hin, auf sich, seine Schwächen, bleibt realistisch. Das gibt ihm die Kraft durchzuhalten.

Wagnis Trinkgewohnheiten verändern

Ich bekomme den Rat, mein Trinktagebuch einige Zeit zu führen und dann zu entscheiden, ob ich an dem Programm teilnehmen will. Es sei ein Wagnis: Seine Trinkgewohnheiten zu verändern, hat Einfluss auf andere Lebensbereiche: Was denke, was tue ich, wenn ich mich nicht angenehm betäube? Davor haben viele Menschen Angst. Ich beobachte mich in den folgenden Wochen - und trinke plötzlich weniger Alkohol. Es ist nicht einfach, aber ich bin wacher, fitter, konzentrierter. Vielleicht bin ich ja nur kurzfristig überengagiert. Aber es war ein Schubs in die richtige Richtung. Denn als anonymisierter Betroffener in einem Fernsehbeitrag möchte ich am Ende nicht dastehen.

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