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Sei es bei der Entwicklung von Medikamenten oder als Begleiter in Therapien: odysso zeigt, wie uns Tiere jenseits klassischer Tierversuche medizinische Hilfe leisten.

Sie leisten wertvolle Hilfe in der Psychotherapie, sie können Krankheiten riechen und manche haben wertvolle Stoffe in ihrem Körper: Tiere spielen in der Medizin eine wichtige Rolle – und vieles, was kranken Menschen helfen könnte, ist noch lange nicht entdeckt.

Tiergestützte Therapie: mehr als Kuscheln!

Das Streicheln eines weichen Fells oder gegenseitiges Vertrauen: Tiere können positive Wirkungen auf Menschen haben – ein Effekt, der messbar ist und in der „tiergestützten Intervention“ gerne genutzt wird. Der Umgang mit einem entspannten Tier löst beim Menschen die Ausschüttung von Hormonen aus, Oxytocin, Serotonin und Dopamin, erklärt Psychotherapeut Dr. Rainer Wohlfahrt. Das Gehirn reagiert sofort – die Patient*innen werden ruhiger.

Beispiel Traumatherapie: Bettina Mutschler, Expertin für tiergestützte Therapie, setzt Esel Leo ein, um eine Patientin zu behandeln, die an einem Trauma leidet. Leo sorgt beim Spaziergang für Ruhe und Konzentration und dafür, dass die Patientin wieder Vertrauen in sich selbst aufbaut.

Beispiel Suchttherapie: In der Suchtklinik Vielbach hilft zum Beispiel die Reittherapie wohnungslosen Männern, von Drogen loszukommen und ein geregeltes Leben anzufangen – weg von der Straße. Mithilfe der Tiere bauen sie Kontakte auf und übernehmen Verantwortung: für die Tiere und letztlich auch für sich selbst.

Das Tierwohl muss gewährleistet sein

Doch während diese Form der Therapie – richtig angewandt – vielen Menschen hilft, leiden in anderen Fällen die Tiere. Dass der Einsatz von Wildtieren, beispielsweise Delfinen, eine Quälerei sein kann, ist bekannt. In Deutschland ist die Delfin-Therapie verboten. Doch auch diejenigen, die heimische Tiere für die Therapie nutzen, können Schaden anrichten, wenn Mensch und Tier nicht richtig ausgebildet sind.

Rund 300 Ausbildungsanbieter gibt es in Deutschland, doch rund drei Viertel von ihnen sind nach Ansicht von Dr. Rainer Wohlfahrt nicht ausreichend qualifiziert. Gesetzliche Bestimmungen zur Ausbildung oder Qualitätsstandards gibt es bisher nicht. So leiden oft die Tiere und auch bei den Patient*innen kann ein unsachgemäßer Einsatz der Tiere negative Folgen haben.

Wichtig ist die Auswahl des Therapietiers: Viele Haustiere, beispielsweise Kaninchen, Meerschweinchen oder Mäuse sind völlig ungeeignet, da sie keine Streicheltiere sind und bei Transport und Festhalten unter Stress leiden. Gut geeignet sind laut Tierschutzbund Hunde oder Hühner – doch auch hier kommt es darauf an, dass sie zu den jeweiligen Patient*innen passen.

Die Anfänge der tiergestützten Therapie

Schon früh erkannten die Menschen, dass der Umgang mit Tieren heilsam sein kann. Doch lange wurde der Einsatz von Tieren bei Kranken nicht dokumentiert. Zum gezielten Einsatz bei Patienten kam es ab Ende der 1890er Jahre durch Florence Nightingale: Die englische Krankenschwester und Begründerin der modernen Krankenpflege hatte bemerkt, dass der Umgang mit kleineren Tieren sowohl Erwachsenen als auch Kindern bei Angstzuständen half.

In den 1930er Jahren stellte Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse fest, wie gut seine Patient*innen auf seine Chow-Chow-Hündin Jofi reagierten. Sie durfte daraufhin bei den Sitzungen im Arbeitszimmer bleiben. Der amerikanische Kinderpsychologe Boris Levinson machte in den 1960er Jahren die gleiche Erfahrung und entwickelte daraufhin die tiergestützte Psychotherapie speziell für Kinder.

Inzwischen sind die Einsatzbereiche für tiergestützte Therapie noch wesentlich weiter gefasst: Auch für Menschen mit Behinderung können Tiere eine Hilfe sein: In den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wird seit Jahrzehnten therapeutisches Reiten angeboten, als Therapietiere für Demenzkranke werden sogar Hühner eingesetzt.

Und für manchen Menschen kann am Ende des Lebens, auf der Palliativstation, das Tier ein tröstlicher Begleiter sein.

Hunde: Die Supernasen erschnüffeln Krankheiten

Hunde sind auch wegen ihres guten Riechsinns begehrte Helfer. Gut eine Million Gerüche können sie mit ihren 200 Millionen Riechsinneszellen unterscheiden: Auf Befehl finden speziell ausgebildete Hunde Drogen, Geld, Sprengstoff und erkennen auch Krankheiten.

Ein Zehntel des Hundegehirns ist nur dazu da, Gerüche zu unterscheiden. Im Gegensatz zur menschlichen Nase ist die Hundenase optimal fürs Schnüffeln konstruiert. Der eingeatmete Luftstrom teils sich in der der Nase: Ein Teil dient der Atmung, der Rest ausschließlich dem Riechen.

Der Mensch macht sich diese besondere Fähigkeit zunutze und setzt Hunde in vielen Bereichen als Spürhunde ein. Auch die Medizin hat die Spürnasen für sich entdeckt, denn Hunde können Krankheiten wie Krebs, Diabetes und auch das Coronavirus erkennen. Bei einer Corona-Infektion ändert das Virus die Stoffwechselprozesse in den Zellen – und somit auch das Geruchsmuster. Genau diese Änderung gegenüber einem nicht-infizierten Menschen erschnüffeln die Hunde.

Beim Erkennen von Krankheiten bekommen die Spürnasen inzwischen technische Konkurrenz: An der Universität Ulm arbeitet ein Forschungsteam an Sensorsystemen, die die Atemluft analysieren. Anhand der Atemluftmuster sollen Krankheiten wie Lungenkrebs oder Asthma zuverlässig erkannt werden können.

Kostbares Blut: Sauerstoffspender Wattwurm

Der auf den ersten Blick unscheinbare Wattwurm – Arenicola Marina – ist ein Meister, wenn es darum geht, Sauerstoff zu speichern. Wenn die Ebbe kommt, dann hält er einfach die Luft an – über Stunden, bis das Wasser wiederkommt und der Wurm über seine Kiemen wieder Sauerstoff atmen kann. Ermöglicht wird diese Leistung durch ein Molekül im Wattwurmblut, das dem menschlichen Hämoglobin zwar sehr ähnlich ist, aber 40-mal so viel Sauerstoff speichern kann.

Meeresbiologe Franck Zal, der diese ungewöhnliche, aber sehr effektiven Sauerstoffspeicherung entdeckte, will sie nun für medizinische Anwendungen nutzen. Ein Gebiet sind Organtransplantation: Ein Präparat aus Wattwurmblut soll die Organe beim Transport mit Sauerstoff versorgen. Auch bei Schlaganfällen oder schleicht heilenden Wunden könnte ein solches Präparat eingesetzt werden. Und schließlich: Vielleicht hilft der Wattwurm auch Covid-19-Patienten, die dringend mit Sauerstoff versorgt werden müssen.

Medikamente aus Tiergiften

Auch in Tiergiften können wertvolle Wirkstoffe stecken, die für Medikamente nutzbar sind. Sie sind besonders wirksam, allerdings auch schwer zu finden, denn in Tiergiften stecken Millionen Moleküle. Das richtige Molekül zu finden, macht die Entwicklung von Medikamenten zeitaufwändig und teuer. Geglückt ist die Suche beim Bienengift. Es enthält das Gift Melittin, das bereits erfolgreich bei der Bekämpfung einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs eingesetzt wurde. Im Speichel der Gila-Krustenechse wurde ein Wirkstoff gefunden, der bei Diabetikern zur Senkung des Blutzuckerspiegels genutzt wird.

Möglicherweise hat auch die heimische Wespenspinne einen wertvollen Stoff zu bieten: In ihrem Gift sind Eiweiße enthalten, die für die Entwicklung von Schmerzmedikamenten interessant sind, denn Spinnen lähmen ihre Beute oft und blockieren mit ihrem Gift die Schmerzweiterleitung an den Nervenzellen. Die Nutzung und Weiterentwicklung des Gifts der Wespenspinne erforschen derzeit Wissenschaftler der Universität Gießen.

Das Potenzial der Spinnengifte ist groß: Rund zehn Millionen Substanzen könnten nach Schätzung von Wissenschaftler*innen nutzbar sein. Allerdings ist bisher nur ein geringer Prozentsatz der Gifte erforscht. In den wenig geliebten Achtbeinern schlummern möglicherweise Schätze, die für uns Menschen als Medizin von riesigem Wert sind.

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