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Angemessene Sterbebegleitung und Trauerarbeit bleiben wegen Corona-Beschränkungen auf der Strecke. Auch weil Kliniken und Pflegeheime total überfordert sind. Was muss sich ändern?

Sterbende sind allein, Angehörige können sich nicht verabschieden – die Corona-Einschränkungen bringen Leid und legen Missstände in Krankenhäusern und Pflegeheimen offen. odysso fragt nach, wie würdevolles Sterben möglich sein kann.

Einsamer Tod in Corona-Zeiten

Die letzen Stunden im Kreis von geliebten Menschen zu sein – zu Hause oder im Krankenhaus – das war bis 2020 ohne weiteres möglich. Doch mit dem Coronavirus kamen auch die Besuchseinschränkungen und -verbote in Kliniken und Pflegeheimen. Plötzlich waren Patienten von ihren Familien und Freuden isoliert. Angehörigen wurden die letzten gemeinsamen Stunden und der Abschied von Sterbenden verwehrt. Die Besuchsverbote zum Schutz von Patienten und Mitarbeitern waren für viele Menschen traumatisierend.

Und sie zeigten noch deutlicher als sonst einen gravierenden Missstand in der Pflege auf: den Personalmangel. Denn für Pflege, aber auch die Begleitung von Sterbenden, benötigen die Pflegekräfte Zeit, die sie meist nicht haben. Zudem, bemängelt Pflegeexperte Claus Fussek, drangen durch die Besuchsverbote Informationen über mangelhafte Pflege nicht mehr nach außen, da Angehörige, medizinischer Dienst und Heimaufsicht nun nicht mehr in den Häusern unterwegs waren.

Dass eine gute Sterbebegleitung möglich ist, zeigen die Hospize, von denen es jedoch noch zu wenige gibt. Hier kümmern sich speziell ausgebildete Fachkräfte und häufig auch Ehrenamtliche um die sterbenden Patienten. Doch auch hier hat Corona Auswirkungen: Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 mussten die neuen Patienten für 14 Tage in Quarantäne – und waren so wieder von ihren Angehörigen abgeschnitten – oft bis zu ihrem Tod.

Heime: Schutzausrüstung statt Besuchsverbot

Im Frühjahr 2020 fehlte es in Krankenhäusern und Pflegeheimen an den einfachsten Schutzvorkehrungen: Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel – plötzlich war alles Mangelware. Bei der zweiten Infektionswelle im Herbst 2020 war zumindest bei den Schutzausrüstungen die Lage besser. Dennoch stellten manche Heime wieder den Infektionsschutz über die nötigen persönlichen Kontakte.

Dass es auch anders geht, zeigt die Diakonie in ihren Häusern, die personell besser aufgestellt sind als viele andere Heime: Infizierte Bewohner werden isoliert, anstatt das ganze Haus zu schließen. Besuche sind möglich – FFP2-Masken und Schnelltests helfen, die Bewohner zu schützen und ihnen trotzdem soziale Kontakte zu ermöglichen.

Es gibt aber noch andere positive Beispiele, sagt Pflegekritiker Claus Fussek: In manchen Heimen kümmert man sich besonders auch um die Angehörigen. Geschultes Personal steht den Familien Kranker oder Sterbender als Gesprächspartner zur Verfügung. Doch dies ist eher die Ausnahme, stattdessen, so Fussek, haben die meisten Pflegeheime zu wenig und zu schlecht ausgebildetes Personal. Deshalb sind viele Heime auch schon im Normalfall mit Sterbebegleitung überfordert.

Was hilft den Hinterbliebenen?

Für viele Angehörige sind Sterbebegleitung und Tod schwer zu verkraften. Betroffene berichten odysso, was ihnen geholfen hat: Vielfach ist es Wissen, das es den Hinterbliebenen leichter macht. Zum einen Wissen über den Tod an sich – was bedeutet der Tod, gibt es Unsterblichkeit? Zum anderen Wissen über den eigenen Umgang mit dem Tod – welche Prozesse laufen ab, wie reagieren Angehörige?

Auch praktische Hilfe, damit Angehörige möglichst viel Zeit mit den Kranken beziehungsweise Sterbenden verbringen können, kann sehr willkommen sein – sei es eine Unterstützung beim Pflegen oder im Haushalt sein oder finanzielle Hilfe seitens des Arbeitgebers.

Sehr hilfreich für die Angehörigen einer totkranken Frau, dass sie Briefe schrieb, die nach ihrem Tod verschickt wurden und in denen sie ihren Liebsten Trost zusprach.

Das passiert beim Sterben

Wenn der Sterbeprozess einsetzt, versagen im Körper nach und nach die Organe. Je nach Erkrankung ist die Reihenfolge unterschiedlich. Zum Ende des Lebens verlangt der Körper nach Ruhe und nicht mehr nach Essen und Trinken. Die zunehmende Trockenheit ist kein Problem, sondern bewirkt, dass der Körper schmerzlindernde Stoffe ausschüttet.

Der Kreislauf sorgt dafür, dass schließlich nur noch die lebenswichtigen Organe mit Blut, also mit Sauerstoff, versorgt werden. Hände und Füße werden kalt, im Gesicht zeigt sich um Mund und Lippen häufig eine Blässe, das Todesdreieck. Oft setzt sich Schleim in der Luftröhre fest, wodurch der Atem rasselnd wird.

Wichtig für die Angehörigen ist: Der Hörsinn bleibt am längsten erhalten. Die Sterbenden hören es also, wenn gesprochen wird und sie spüren auch, dass jemand bei ihnen ist. Zuletzt bleibt das Herz stehen, Gehirn und Organe erhalten keinen Sauerstoff mehr. Der Mensch stirbt.

Letzte-Hilfe-Kurse

Darauf, einen Sterbenden in den letzten Stunden zu begleiten, ist kaum jemand vorbereitet. Inzwischen gibt es deutschlandweit aber sogenannte „Letzte-Hilfe-Kurse“, in denen Angehörige in wenigen Stunden lernen können, wie sie mit einem Sterbenden am besten umgehen.

Dazu gehören einfache Tipps, beispielsweise kleine Eiswürfel gegen den Durst, den manche Sterbende haben, oder das Befeuchten der Lippen. Wichtig ist auch das Sprechen – selbst wenn der Sterbende nicht mehr antworten kann. Hilfreich kann es auch sein, einige Akupressur-Punkte zu kennen, die Schmerzen oder Übelkeit lindern.

Die meisten Menschen sterben nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Würden mehr Angehörige sich sicher fühlen, einem Sterbenden beizustehen, könnten viele Menschen zu Hause im Kreis ihrer Angehörigen bleiben – so, wie viele es sich wünschen.

Nach dem Tod kommt die Bürokratie

Ein Mensch ist gestorben – doch mitten in der Trauer müssen sich die Angehörigen bereits mit der Bürokratie befassen. Oft ohne zu wissen, was nun zu tun ist.

Als Erstes wird ein Totenschein benötigt, den der Arzt ausstellt. Die Angehörigen müssen nun die persönlichen Unterlagen zusammensuchen: Ausweis, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Testament und mehr. Um die Sterbeurkunde zu beantragen, braucht man beim Standesamt den Totenschein, den Personalausweis und auch die Geburtsurkunde. Die Sterbeurkunde ist die Grundlage für alles Weitere – die Kommunikation mit Banken, Versicherungen und sämtliche Ämter.

Die Bestattung selbst darf frühestens zwei Tage nach dem Tod erfolgen, spätestens aber nach sieben bis acht Tagen. Ort der Bestattung ist in jedem Fall der Friedhof – mit Ausnahme von Bremen, das den Friedhofszwang abgeschafft hat.

Nächster Schritt ist die Klärung des Erbes: Im Durchschnitt werden in Deutschland übrigens 305.000 Euro hinterlassen. Für den Fall, dass der Verstorbene ein Testament hinterlassen hat, muss sofort das Amtsgericht eingeschaltet werden.

Hilfe gibt es für Angehörige von den Bestattern, die wissen, was unternommen werden muss und die beispielsweise Behördengänge abnehmen und auch Checklisten anbieten, damit nichts vergessen wird.

Das Recht zu sterben

Lange wurde in Deutschland um das Recht auf Sterbehilfe gerungen. 2017 dann das Gerichtsurteil, auf das viele gewartet hatten: Unheilbar Kranke dürfen, wenn sie sich in einer extremen Notlage befinden, ausnahmsweise das tödlich wirkende Medikament Natrium-Pentobarbital beantragen, um Suizid zu begehen.

So weit die Rechtsprechung – die Realität sieht jedoch anders aus. Alle 190 Sterbewilligen, die in Verlauf von drei Jahren beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte das Mittel beantragten, bekamen eine Ablehnung. Einer der Gründe: Pentobarbital ist in tödlicher Dosis in Deutschland nicht zugelassen.

Grundsätzlich ist die Sterbehilfe in Deutschland erlaubt – das bestätigte das Bundesverfassungsgericht 2020. Doch es fehlt weiter an der Ausgestaltung: Welches Medikament dürfen Ärzte nun einsetzen? Was sie dürfen, ist die Ernährung des Patienten einzustellen – doch auf eine solche Art sterben, das wollen viele Betroffene nicht. Medizinethiker Prof. Urban Wiesing fordert daher eine gesetzliche Regelung für die Beratung der Sterbewilligen, Aufklärung über Schmerztherapie und Palliativmedizin sowie Fristen zwischen Gespräch und Übergabe des Gifts.

Den unheilbar Kranken bleibt nach wie vor nur der Weg ins Ausland, um ihren Wunsch nach Sterbehilfe umsetzen zu können.

Der Tod – vielleicht ein neuer Anfang

Welchen Sinn hat der Tod eigentlich. Und: Ist danach wirklich alles vorbei? Diese Vorstellung ängstigt viele Menschen. Antworten bieten die Wissenschaft, aber auch die Religionen. Der Kohlenstoff im menschlichen Körper beispielsweise war im Lauf der Erdgeschichte schon vielfältig verbaut – in den unterschiedlichsten Lebewesen. Das kann ein Dinosaurier gewesen sein, eine Muschel, ein Fisch. Auch das Wasser spielte seine Rolle in der Natur, floss, war gefroren oder befand sich in einem Lebewesen, das starb und es wieder freigab.

Die Religionen haben ihre eigenen Vorstellungen, wie es weitergeht, wenn unser Körper stirbt. Doch eines haben alle gemeinsam – Wissenschaft und Religion – nach dem Tod gibt es eine neue Form von Leben. Wir verschwinden nicht ganz, ein (kleiner) Teil von uns kehrt immer wieder.

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