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So mächtig ist unser Immunsystem!

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In uns arbeitet eine geheimnisvolle Supermacht: unser Immunsystem! Ein riesiges Netzwerk aus Zellen, Botenstoffen und Geweben. Wie mächtig es ist, zeigt sich vor allem dann, wenn es nicht so arbeitet, wie es soll.

Unser Immunsystem ist ein riesiges Netzwerk aus Zellen und Botenstoffen, Geweben und Organen – und es gibt der Wissenschaft noch immer Rätsel auf. Das hochkomplexe Zusammenspiel in diesem körpereigenen Schutzsystem ist längst nicht entschlüsselt. Sicher ist: Wir brauchen es. Denn es hält uns – und unsere mikrobiellen Mitbewohner - im gesunden Gleichgewicht. Es verteidigt uns gegen Krankheitserreger und schützt uns zu einem gewissen Grad auch vor uns selbst, etwa indem es körpereigene Zellen ausschaltet, die uns als Krebszellen gefährlich werden könnten. Meist bekommen wir davon nichts mit – obwohl unser Immunsystem unentwegt im Einsatz ist. Doch was passiert, wenn es nicht so arbeitet, wie es soll?

Symbolbild Immunsystem, Gewichtheber & Grafik (Foto: SWR)
Immer im Einsatz: Unser Immunsystem.

Wenn sich das Immunsystem irrt: Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose

Unser Immunsystem kann gut zwischen Freund und Feind, selbst und fremd unterscheiden – normalerweise. Im Fall einer Autoimmunerkrankung wendet sich das Immunsystem jedoch gegen gesunde körpereigene Strukturen. So auch bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose, bei der das Immunsystem das zentrale Nervensystem attackiert: Nerven in Gehirn und Rückenmark werden geschädigt, meist nicht kontinuierlich, sondern in Schüben. Legt sich der Angriff, klingen die Symptome – die ganz unterschiedlich ausfallen und von leichten Missempfindungen bis zu schweren Lähmungserscheinungen reichen können – bestenfalls langsam wieder ab.

Symbolbild Autoimmunerkrankung, Turmspringerin (Foto: SWR)
Autoimmunerkrankung: Wenn sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet.

Warum es zum selbstzerstörerischen Angriff kommt, ist unklar. Erbliche Veranlagung, Umwelteinflüsse, eine Infektion – allein oder in Kombination – könnten die Ursache für Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose sein. Multiple Sklerose ist nicht heilbar, kann aber in ihrem Verlauf gemildert werden. Vor allem in den vergangenen zwanzig Jahren sind die Medikamente zielgenauer geworden. Neben der Cortison-Therapie bei akuten Schüben wird ergänzend mit Immunsystem-Bausteinen therapiert, die Entzündungen mildern oder ganz verhindern, ohne dabei die ganze Abwehr zu dämpfen.

Wenn dem Immunsystem etwas fehlt: Immundefekt XLA

Antikörper, Lymphozyten, Cytokine, Chemokine, Histamine, B-Zellen, T-Zellen und vieles mehr: Unser Immunsystem hat hunderte Spieler. Obwohl einige von ihnen auch mehrere Aufgaben übernehmen und manche sich in ihren Aufgabenbereichen sogar überschneiden, ist jede einzelne, feine Komponente des Immunsystems wichtig für das aufeinander abgestimmte Zusammenspiel. Wenn das nicht funktioniert, etwa weil ein Spieler fehlt, kann das enorme Folgen haben.

Antikörper zum Beispiel sind ein wichtiges Werkzeug, um Krankheitserreger wie Bakterien und Viren unschädlich zu machen. Mangelt es an Antikörpern oder fehlen diese ganz, sind Infektionen häufiger und verlaufen schwerer. Ein Beispiel für diese Art der Immunschwäche ist die sogenannte X-chromosomale Agammaglobulinämie, kurz XLA.

Symbolbild Immunschwäche, Karatekämpfer Grafik (Foto: SWR)
Immunschwäche: Fällt eine Komponente des Immunsystems aus, kann das enorme Folgen haben.

Menschen mit XLA können keine Antikörper bilden. Dieser Immundefekt ist nicht heil-, aber behandelbar. Dabei wird gepooltes Serumimmunglobulin verabreicht: Antikörper von bis zu tausend gesunden Menschen, wirksam gegen die meisten Infektionserreger. Weil Antikörper nach einer gewissen Zeit im Körper abgebaut werden, muss das regelmäßig wiederholt werden – ein Leben lang.

Die Ursache für XLA ist ein Gendefekt. Weil sich dieser Gendefekt auf dem X-Chromosom befindet, sind fast ausschließlich Männer von diesem angeborenen Immundefekt betroffen. Sie haben – anders als Frauen – nur eine Variante dieses Geschlechtschromosoms und können die fehlerhaften Variante nicht durch eine intakte Kopie ausgleichen.

Unser biologisches Geschlecht beeinflusst das Immunsystem

Nicht nur Gene, auch Hormone beeinflussen unser Immunsystem darin, wie es reagiert. Das weibliche Hormon Östrogen wirkt immunförderlich, das männliche Hormon Testosteron dagegen dämpfend. Sind Frauen also im Vorteil, wenn es ums Überleben geht? Tatsächlich geht das weibliche Immunsystem schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger vor. Frauen vor der Menopause haben bessere Chancen, schwere Infektionen zu überleben und entwickeln eine stärkere Immunantwort nach Impfungen als Männer. Allerdings sind Frauen auch deutlich häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen.

In der Entwicklung und bei der Erprobung von Medikamenten und Impfungen werden geschlechtsspezifische Unterschiede wie diese oft nicht hinreichend berücksichtigt. Damit werden potenzielle Therapiemöglichkeiten außer Acht gelassen. In der Praxis heißt das: die Aussicht auf Heilung, wenn nicht sogar die Chance zu überleben. Und doch ist unser biologisches Geschlecht nur einer von vielen Faktoren, die für die Immunantwort mit entscheidend sind.

Symbolbild Autoimmunerkrankung häufiger Frauen (Foto: SWR)
Frauen sind deutlich häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen als Männer.

Weitere Informationen:

Was, wenn das Immunsystem nicht so arbeitet, wie es soll?

Allergien und Überempfindlichkeitsreaktionen, Autoimmunerkrankungen, angeborene und erworbene Immunschwächen, gestörte Tumorüberwachung: Unser Immunsystem kann auf unterschiedlichste Weise, in seiner Funktion beeinträchtigt sein.

Immunglobuline…

ist der Fachausdruck für Antikörper.

Immundefekt…

bedeutet so viel wie Immunschwäche. Beide Ausdrücke werden synonym verwendet und sind Sammelbegriffe für unterschiedliche Erkrankungen, bei denen das Immunsystem vorübergehend oder irreversibel geschwächt ist.

Linktipps und Adressen für Betroffene:

dsai e.V. Patientenorganisation für angeborene Immundefekte

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Bundesverband e.V.

Homepage des Centrums für Chronische Immundefizienz (CCI)

Buchtipp:

Immunologie für Dummies

Autorin: Bärbel Häcker

Verlagsangaben: Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2021, ISBN 9783527829507, 3527829504

Sonstiges: 384 Seiten, 27,00 €

Quellen zum Thema geschlechtsspezifische Unterschiede und vertiefende Infos:

1. Review, das am Beispiel von Multipler Sklerose ausrollt, warum es wichtig ist, Geschlechterunterschiede bei der Erforschung von Krankheiten miteinzubeziehen.

Golden, L. C., & Voskuhl, R. (2017). The importance of studying sex differences in disease: The example of multiple sclerosis. Journal of neuroscience research, 95(1-2), 633–643.

2. In vielen klinischen Studien sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert – zu diesem Ergebnis kommt auch die FDA in ihrem letzten Bericht über klinischen Studien weltweit.

3. Die Liste der Krankheiten, die Frauen und Männer unterschiedlich treffen, ist lang. Das geht auch aus diesem Review hervor, das beschreibt wie biologisches und soziales Geschlecht Gesundheit, Krankheit und Medizin beeinflussen.

Mauvais-Jarvis, F., Bairey Merz, N., Barnes, P. J., Brinton, R. D., Carrero, J. J., DeMeo, D. L., De Vries, G. J., Epperson, C. N., Govindan, R., Klein, S. L., Lonardo, A., Maki, P. M., McCullough, L. D., Regitz-Zagrosek, V., Regensteiner, J. G., Rubin, J. B., Sandberg, K., & Suzuki, A. (2020). Sex and gender: modifiers of health, disease, and medicine. Lancet (London, England), 396(10250), 565–582.

zum PDF

4. Geschlechterunterschiede in Ausprägung und Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen:

Ngo, S. T., Steyn, F. J., & McCombe, P. A. (2014). Gender differences in autoimmune disease. Frontiers in neuroendocrinology, 35(3), 347–369.

Fairweather, D., Frisancho-Kiss, S., & Rose, N. R. (2008). Sex differences in autoimmune disease from a pathological perspective. The American journal of pathology, 173(3), 600–609.

Whitacre C. C. (2001). Sex differences in autoimmune disease. Nature immunology, 2(9), 777–780.

5. Frauen reagieren häufig mit einer stärkeren Immunantwort auf Impfungen als Männer und haben auch häufiger Nebenwirkungen.

Diab-Elschahawi, M., & Presterl, E. (2013). Gibt es Geschlechterunterschiede bei Infektionen?. Krankenhaushygiene up2date, 8(02), 101-113.

6. Trotz einer Fülle von Daten über Unterschiede, wird das Geschlecht in der medizinischen Praxis bei der Diagnose, der Behandlung und dem Krankheitsmanagement nicht ausreichend berücksichtigt, heißt es in diesem Artikel:

Regitz-Zagrosek, V. (2012), Sex and gender differences in health. EMBO reports, 13: 596-603.

7. Nicht nur Gene, auch Hormone beeinflussen die Immunantwort. Studien dazu – darunter zwei mit Bezug auf COVID-19:

Scully, E. P., Haverfield, J., Ursin, R. L., Tannenbaum, C., & Klein, S. L. (2020). Considering how biological sex impacts immune responses and COVID-19 outcomes. Nature Reviews Immunology, 1-6.

Mauvais-Jarvis, F., Klein, S. L., & Levin, E. R. (2020). Estradiol, Progesterone, Immunomodulation, and COVID-19 Outcomes. Endocrinology, 161(9).

Moulton V. R. (2018). Sex Hormones in Acquired Immunity and Autoimmune Disease. Frontiers in immunology, 9, 2279.

Foo, Y. Z., Nakagawa, S., Rhodes, G., & Simmons, L. W. (2017). The effects of sex hormones on immune function: a meta-analysis. Biological reviews of the Cambridge Philosophical Society, 92(1), 551–571.

Trigunaite, A., Dimo, J., & Jørgensen, T. N. (2015). Suppressive effects of androgens on the immune system. Cellular immunology, 294(2), 87-94.

Bhatia, A., Sekhon, H. K., & Kaur, G. (2014). Sex hormones and immune dimorphism. TheScientificWorldJournal, 2014, 159150.

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