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Im Schulfach Mathematik gibt es einen spürbaren Leistungsunterschied zwischen Mädchen und Jungen. Warum ist das so? Und was könnten Eltern und Lehrer dagegen tun?

Mathematik ist noch immer Männersache

Mit der Pisa Studie 2018 wurde gemessen, dass Mädchen im Fach Mathematik schlechter abschneiden als Jungen - und zwar weltweit. Benannt wird dieser Missstand von Fachleuten als Gender Gap, was wörtlich übersetzt Geschlechter-Lücke bedeutet. Was steckt dahinter? Biologische Gründe für die mathematischen Leistungsdifferenz scheiden aus. Denn es ist ein Mythos, dass das weibliche Gehirn genetisch schlechter abstrakt denken kann. Bestehende Unterschiede, etwa in räumlichem Vorstellungsvermögen lassen sich durch Training ausgleichen. Dies haben Experimente gezeigt.

Woher kommt das Mathedefizit dann? Ein Grund könnte sein, dass Frauen weniger Selbstvertrauen bezüglich ihrer mathematischen Fähigkeiten haben als Männer. So das Ergebnis eine Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) aus dem Jahr 2017. Sie zeigt, dass sich Mädchen und junge Frauen generell in Mathematik schlechter einschätzen als Jungs das tun. Im Fach Deutsch ist es genau anders herum. Ein klassisches Geschlechter-Stereotyp: Mathematik ist „Männersache“ - und Deutsch gilt Vielen immer noch als typisches Mädchenfach.

Drei Mädchen in einer Grundschule der 1960er Jahre (Foto: SWR)
Mathe - schon immer nichts für Mädchen?

„Es hat sich so gut wie nichts geändert!“

Dies beklagt Anina Mischau, die an der Freien Universität Berlin „Gender Studies in der Mathematik“ betreibt und lehrt. Gemeinsam mit ihren Studierenden erforscht sie die Ursachen und Mechanismen der Geschlechterungleichheit in der Mathematik. Mit ihrem Team entwickelt sie zudem neue Konzepte für Lehrmittel, die die Geschlechter gleichermaßen ansprechen. Gerade hier sieht sie gravierende Mängel. „An Lehrbüchern ärgert mich sehr, dass sie sehr stark geschlechterungleich präsentieren, zum Beispiel weitaus mehr Männer als Frauen. Sie reproduzieren gängige Geschlechter-Stereotype und tradieren vor allen Dingen ein männliches Bild der Mathematik tradieren.“

Anina Mischau hat in einer Studie moderne Mathematik-Lehrbücher für die 7. bis 9. Klasse auf ihre jeweilige Art und Weise der Präsentation untersucht. Bei der Darstellung bedeutender Persönlichkeiten aus der Geschichte der Mathematik stellte sie ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen fest - dabei war es völlig egal, wie alt oder neu die Lehrbücher sind. In 27 der untersuchten deutschsprachigen Mathematikbücher fanden sich 137 Verweise auf Männer, die mit der Mathematik in Verbindung stehen. Aber nur eine einzige Mathematikerin.

Ein Vergleich mit Lehrbüchern der 1970er bis 1990er Jahre zeigte Anina Mischau:

„Es hat sich so gut wie nichts geändert. Ich finde es unglaublich, dass man der jungen Generation eine einzige Mathematikerin zeigt. (...) Es entsteht ein Bild, als hätten in der Geschichte jemals nur Männer Mathe gemacht, als wäre die Mathematik von Männern erfunden worden.“

Anina Mischau, Genfderforscherin Uni Berlin

Fehlende weibliche Vorbilder in der Mathematik führt dazu, dass Mädchen und Frauen sich mit dem Fach schlechter identifizieren können. Das hat auch Auswirklungen auf die Berufswahl. Der Anteil von Frauen in der mathematischen Forschung liegt in Deutschland bei gerade einmal 35%. Dort werden sie oft systematisch diskriminiert.

Anina Mischau und eine Kollegin mit Vorlagen für Mathe-Arbeitsblätter (Foto: SWR)
Anina Mischau (links) und eine Kollegin

Gender Gap in der Wissenschaft

Das internationale Projekt „Gender Gap in Science“ unter Federführung des „Komitees für Frauen in der Mathematik“ der International Mathematical Union (IMU) analysierte mit Hilfe eines speziell geschriebenen Algorithmus die Fachzeitschriften der letzten 50 Jahre. Zudem machten die Expertinnen eine weltweite Umfrage unter über 32.000 Forschenden in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften zu deren Karriere-Verläufen. Die Ergebnisse des Projektes sind ein Aufreger.

So werden wissenschaftliche Facharbeiten seit Jahrzehnten entweder überhaupt nicht von Fachzeitschriften angenommen oder schlechter bewertet, wenn Frauen als Autorinnen erscheinen. Aus diesem Grund steht der Anteil von Autorinnen gegenüber Männern seit den 1970er Jahren konstant bei gerade einmal 10%. Darüber hinaus werden Frauen werden nach wie vor viel schlechter bezahlt als Männer und die unbezahlte Elternschaft führt bei Frauen viel häufiger zu Einschnitten in der Karriere als bei Männern. Und sexuelle Belästigung oder Gewalt sind auch in der Wissenschaft weit verbreitet und treiben viele Frauen aus der Forschung.

Eltern geben Geschlechterstereotype weiter

Es ist also höchste Zeit für Veränderungen. Doch dazu müssten Mädchen bereits im Elternhaus ermutigt werden sich für Mathematik zu interessieren und entsprechend unterstützt werden. Eine Studie der OECD aus dem Jahr 2015 zeigte jedoch: 39 Prozent der deutschen Eltern können sich vorstellen, dass ihre Söhne in naturwissenschaftlich-technischen Berufen arbeiten. Aber nur 14 Prozent wünschen sich dies für ihre Töchter. Geschlechterstereotype werden also nach wie vor von Generation zu Generation weitergegeben.

Eltern zu sensibilisieren ist das eine. Doch vor allem die Schulen müssen gegensteuern, meinen Expertinnen wie Anina Mischau. Mit Lehrmaterialien, die die Leistungen von Mathematikerinnen sichtbar machen und die näher an der Lebenswelt der Jugendlichen liegen:

„Ich hätte viel lieber mal Themenseiten, wo man auch sieht, wo in der ganzen Gesellschaft Mathematik zu finden ist. Ich möchte auch mehr historische Aspekte, damit Schüler*innen lernen: Mathematik ist etwas, das über Jahrhunderte hinweg gewachsen ist. Woran viele, ganz unterschiedliche Menschen beteiligt sind. Ich möchte lebendige Mathematikbücher!“

Anina Mischau, Genfderforscherin Uni Berlin
Daniel Jung macht ein Mathe-Tutorial in einem Youtube-Film (Foto: SWR)
Video-Tutorials für den Unterricht

Der Mathematikunterricht der Zukunft

Angehende Lehrkräfte müssten an der Uni außerdem noch stärker für die unterschiedlichen Bedürfnisse von Mädchen und Jungs sensibilisiert werden. Und neue Lehrmethoden lernen. Ideen für ansprechende Aufgaben und Challenges im Matheunterricht gibt es. Auch im Netz zeigen Tutorials wie praxisnaher, genderneutraler und leicht verständlicher Unterricht aussehen kann. Doch solange, die Lehrkräfte an den Schulen in ihren Lehrmethoden und der Technik hinterherhinken, ändert sich nichts. In vielen Schulen fehlt es noch immer an Computern und Digitalkompetenz.

Fazit: Der so genannte Gender Gap in Mathematik existiert tatsächlich. Doch die Leistungskluft zwischen Mädchen und Jungen ließe sich schließen. Aber dazu müsste sich noch Vieles ändern. Bei den Eltern und in der Schule. Denn Mädchen brauchen Ermutigung, Förderung und weibliche Vorbilder, die ihnen zeigen, wie cool es ist, gut in Mathe zu sein.

Linktipps:

Pisa Studie 2013 zu Gender Gap in Mathematik

Humor in der Mathematik – Ein Artikel in spektrum.de

Prof. Kristina Reiss, Leiterin der deutschen Pisa Studie erklärt das „Gummibärchenproblem“

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