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Tiertherapie ist mehr als Kuscheln. Suchtkranken oder Traumapatient*innen etwa können Tiere große Hilfe leisten. Doch Fachleute sehen das Tierwohl gefährdet. Wie weit geht tierische Hilfe -| und: Wie weit darf sie gehen?

Therapien mit tierischen Helfern boomen. In den vergangenen Jahren ist in Deutschland die Zahl von Anbietern für tiergestützte Therapien stark gestiegen, auf insgesamt rund 300 Institute. Fachleute befürchten, dass die Qualität bei rund 70 Prozent der Anbieter nicht gewährleistet sein könnte. Gleichzeitig zeigen Zahlen aus Kliniken, wie effektiv Tiere als Therapiehelfer sind.

Gerade für Suchtpatient*innen scheinen sie eine Hilfe zu sein: In der Suchtklinik Vielbach in Rheinland-Pfalz etwa – in der Tiere in der Therapie zum Einsatz kommen – ist die Durchhaltequote bei den Betroffenen um rund 30 Prozent höher als in vergleichbaren Kliniken. Auch die Chance, nicht wieder rückfällig zu werden, scheint die tiergestützte Therapie zu vergrößern.

Mann neben Haflingerstute (Foto: SWR)
Kuscheln gegen die Sucht – Alexander Spanier mit Stute Nelly

Was Tiere als Helfer besser machen

Tiere ergänzen die therapeutische Arbeit und schaffen einen schnellen Zugang zu den Patient*innen. Sie wirken häufig als Türöffner oder sogar Eisbrecher, zum Beispiel bei traumatisierten Menschen. Studien zeigen, dass der Einsatz von Hunden in der Therapie Stress und Angst mindert. Messungen an Kindern „mit Therapiehund“ und „ohne Therapiehund“ ergaben, dass Kinder in der Gegenwart eines Hundes einen niedrigeren Cortisolspiegel hatten und sich länger auf ihre Aufgaben konzentrieren konnten. Gerade bei „therapiemüden“ Kindern wirken Tiere als so genannter Motivationskatalysator: Sie steigern die Lust am Mitmachen.

Intensive Beziehung zu Tieren hilft Suchtpatienten (Foto: SWR)
Zurück im Leben – sechs Monate intensiver Therapie liegen hinter Suchtpatient Alexander Spanier und Therapeutin Linda Klein

Was bei Kindern hilft, funktioniert auch bei Erwachsenen. Die Suchtklinik Vielbach setzt seit fünfzehn Jahren auf die Therapie mit Tieren. Die Patienten beschäftigen sich neben Pferden und Eseln auch mit Ziegen und Hühnern. Viele der alkohol- und drogenabhängigen Männer lebten jahrelang auf der Straße – so auch Alexander Spanier: Der 45-Jährige lebte fast dauerhaft in einem Rauschzustand, bevor er einen Platz in Vielbach bekam.

Wie viele seiner Leidensgenossen konnte er keine Emotionen zulassen. Er konnte nicht mehr kommunizieren und auch den Blickkontakt mit anderen Menschen nicht ertragen. Tiere gehen vorbehaltslos auf Menschen zu. Ihnen ist egal, ob der Mensch auf der Straße oder in einer Luxusvilla lebt. So können Suchtpatient*innen wieder vertrauen und Halt finden. Die Versorgung der Tiere schafft zudem einen geregelten Tagesablauf, und die Betroffenen übernehmen Verantwortung – nicht nur für sich, sondern auch für das Tier.

Patientin bei der Therapie mit Eseln (Foto: SWR)
Traumapatientin Christiana Adam und Therapeutin Bettina Mutschler mit Esel Leo

Lebenshilfe für traumatisierte Menschen

Gerade bei traumatisierten Menschen scheinen Tiere viel zu bewirken. Christiana Adam erlebte als Grundschullehrerin eine Messerattacke auf ihre Kollegin mit. Sie musste damals erste Hilfe leisten und hatte gleichzeitig große Angst, dass die Kinder verletzt oder sogar getötet werden könnten. In der Folge erlitt sie mehrere Hörstürze und leidet bis heute unter einem Tinnitus. Und sie entwickelte eine Scheu vor Menschen.

Während ihrer Therapie lernte Christiana Adam die beruhigende Wirkung von Eseln kennen. Dr. Rainer Wohlfarth forscht seit zwanzig Jahren auf diesem Gebiet. Er erklärt, was das Streicheln eines weichen, warmen Tierfells im menschlichen Körper auslöst: „Ein ruhiges, entspanntes Tier bewirkt, dass ein positiver Hormoncocktail aus Oxytocin, Serotonin und Dopamin ausgeschüttet wird; und der bewirkt, dass die für Stress verantwortlichen Schaltzentralen in unserem Gehirn herunter gepegelt werden.“

Hand streichelt durch Fell eines Esels (Foto: SWR)
Kuschelhormon Ocytocin - Streicheln setzt positive Hormone frei

Kritik an mangelnder Ausbildung der Therapeut*innen

Der zunehmende Erfolg hat einen regelrechten Boom von Angeboten mit tiergestützter Intervention zur Folge. Experte Dr. Rainer Wohlfarth sieht das mit gemischten Gefühlen: „Von den Angeboten, die ich kenne, sind 20 bis 30 Prozent qualifiziert, und 70 bis 80 Prozent sind weniger qualifiziert.“ Es scheint, als ob oft das Tierwohl zu wenig berücksichtigt wird – eine Problem, das auch der deutsche Tierschutzbund sieht. Er fordert eine qualifiziertere Ausbildung der Therapeut*innen - vor allem einheitliche Normen, die bislang noch fehlen.

Linktipp:

Tiergestützte Therapien in der Suchtklinik Vielbach

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