Lebenslang lernen

So hält uns Wissen gesund

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Wer sein Leben lang Neues lernt, bleibt geistig und oft auch körperlich besonders fit. Odysso zeigt, wie vielfältig Lernen heute aussehen kann – für Menschen jeden Alters.

Lernen beugt Demenz vor

Das menschliche Gehirn will auf Trab gehalten werden, ganz gleich, wie alt es ist. Denn beim Lernen werden nicht nur Fähigkeiten erhalten, sondern sogar neue Nervenzellen gebildet. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was man lernt. Eine neue Sprache trainiert das Hirn ebenso wie Tanzen, Reisen oder ein anspruchsvolles Hobby.

Das Lernen darf und soll Spaß machen – Hauptsache, das Gehirn muss ständig neue Informationen verarbeiten. Als sehr nützlich haben sich auch einige Videospiele entpuppt, die bei älteren Menschen nachweislich dafür sorgen, dass bestimmte Hirnbereiche wachsen.

Beim Lernen entstehen ständig neue Vernetzungen vorhandener Nervenzellen. Die Synapsen, also die Verbindungsstellen zwischen den Nervenzellen, nehmen messbar zu. Und auch die Nervenzellen selbst lassen sich neu bilden: Im Hippocampus, der für das Lernen und für das Gedächtnis zuständig ist, entstehen sowohl bei geistiger als auch bei körperlicher Aktivität neue Nervenzellen.

Ganz wichtig dafür, dass es mit dem Lernen klappt, ist übrigens Neugier. Neugier sorge dafür, dass im Gehirn Botenstoffe wie Dopamin ausgeschüttet werden, die wiederum für erhöhte neuronale Aktivität sorgen, sagt Lernforscher Prof. Martin Korte.

Mit dem lebenslangen Lernen lassen sich Demenz-Erkrankungen zwar nicht verhindern, aber nachweislich hinauszögern.

Schlaf verbessert das Gedächtnis

Wie sich unser Gehirn erinnert und wie es beim Lernen auswählt, was gespeichert wird und was nicht, untersucht Gedächtnisforscher Jan Born an der Universität Tübingen. Er erforscht vor allem die Rolle, die der Schlaf spielt, denn auch während des Schlafs ist das Gehirn aktiv: Es entscheidet in dieser Phase, welche Information aus dem Hippocampus ins Langzeitgedächtnis übernommen wird.

Dazu zeigte Born jugendlichen Probanden beispielsweise verschiedene Bilder: Mit manchen waren Emotionen verbunden, andere waren eher langweilig. Dann durfte die eine Gruppe die Eindrücke eine Nacht überschlafen, die andere nicht. Eindeutiges Ergebnis: Diejenigen, die schlafen konnten, erinnerten sich besser an die Bilder. Vor allem die Bilder, die mit Emotionen verbunden waren, waren im Gedächtnis geblieben.

Doch der Schlaf bewirkt nicht nur eine gute Gedächtnisleistung; im Schlaf können Erinnerungen auch verfälscht werden. So können sich ähnliche Gedächtnisinhalte vermischen: reale Erlebnisse und etwas, was beispielsweise in den Medien gesehen wurde. Fertig ist die veränderte Erinnerung, die für denjenigen, der sich erinnert, absolut real und wahr erscheint.

Holobalance: Gleichgewichts-Training per Datenbrille

Hightech kann beim Lernen hilfreich sein – auch für Menschen, die nicht besonders technikaffin sind. Das europaweite Forschungsprogramm Holobalance will Senioren helfen, ihren Gleichgewichtssinn, ihr Hörvermögen oder ihre Reaktionsgeschwindigkeit zu verbessern.

Um das zu erreichen, werden eine Datenbrille, ein Smartphone und Körpersensoren eingesetzt. Beim Gleichgewichtstraining werden alle Bewegungen über Sensoren am Körper registriert. Über die halbdurchlässige Brille wird die virtuelle Trainerin eingeblendet, die die Anweisungen gibt. Und die Daten für das Lern- und Trainingsprogramm kommen vom Smartphone.

Der Einsatz von „augmented reality“ soll vor allem sturzgefährdeten älteren Menschen wieder zu mehr Sicherheit verhelfen und ein abwechslungsreiches Training bieten, ohne dass eine aufwendige Eins-zu-eins-Therapie nötig ist. Funktioniert das Lernen per Datenbrille, reduziert die Anwendung des Programms die Zahl der Stürze mit schweren Folgen, so die Hoffnung der Forscher. Mit Holobalance wollen sie europaweit solchen Problemen begegnen, die durch die alternde Bevölkerung zunehmen.

Als Senior-Student die Universität besuchen

Neben dem Körper will im Alter auch das Gehirn trainiert werden – beispielsweise mit einem Studium nach der Berufstätigkeit. Studieren für Senioren – das bieten inzwischen zahlreiche Hochschulen bundesweit an. Dabei kann es sich um die Teilnahme als Gasthörer an regulären Veranstaltungen oder um einen Besuch des Studium generale handeln.

An den meisten Hochschulen sind entweder ausgewählte Veranstaltungen zugänglich oder solche, in denen neben den immatrikulierten Studenten noch Plätze vorhanden sind. In vielen Fällen kostet das Seniorenstudium einen Semesterbeitrag.

Studium 50 plus nennt sich beispielsweise das Angebot der Universität Mainz, das auch für Senioren offen ist, die kein Abitur haben. Es kommt vor allem auf Wissbegierde und Offenheit für Neues an, wenn sich die älteren Studenten für Mathematik, Sprachen, Geschichte, Philosophie und mehr begeistern. Unterrichtet werden die Senior-Studenten teilweise gemeinsam mit den jungen Studenten, was auch den Austausch über die Generationen hinweg fördert. Nach vier Semestern ist der Abschluss eines Zertifikats möglich.

Schulfernsehen: Vom Fernseher zum interaktiven Lernen

Vor 50 Jahren zog im Südwesten der Republik die Technik in die Klassenzimmer ein: Über 200 Versuchsschulen wurden mit Fernsehergeräten ausgestattet; das Programm für die Schüler kam vom damaligen Südwestfunk. In Echtzeit schauten jüngere und ältere Kinder das Programm des Schulfernsehens und bekamen so Unterricht in Mathematik, in Sachkunde, Deutsch und weiteren Fächern.

Zum „Lehrer auf dem Bildschirm“ kamen Filme hinzu, in denen über die Jahrzehnte auch viele Prominente mitwirkten: Es gab Humor-Nachhilfe von Kabarettist Gerhard Polt, Sachkunde-Unterricht von Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff und Medienerziehung von Schauspieler Sascha Hehn.

Was damals bunt, unterhaltsam und aufregend neu war, gibt es noch heute – in moderner Form. Aus dem Schulfernsehen ist inzwischen „Planet Schule“ geworden, das neben Filmen auch Lernprogramme, interaktive Multimedia-Angebote, VR-Anwendungen, viele Selbstlern-Möglichkeiten und Materialien online anbietet. Aus dem einstigen Fernsehprogramm haben SWR und WDR ein innovatives Angebot für digitales Lernen gemacht, das heute von Lehrkräften, aber auch Schülern rege genutzt wird.

Digitales Lernen ermöglicht individuelle Förderung

Das digitale Lernen kommt in Deutschland eher langsam voran, denn mit dem Anschaffen von Geräten ist es nicht getan: Die Schulen müssen ganz neue pädagogische Konzepte entwickeln, damit die digitalen Medien den Unterricht bereichern.

Dabei kann die Digitalisierung Schülern und Lehrkräften viele neue Möglichkeiten bieten: Die Schüler arbeiten nicht nur mit Heft und Buch; sie können die ganze Vielfalt von Programmen kennenlernen und anwenden – vom Filmschnitt bis zu Lern-Apps und Präsentationssoftware. Sie können selbstständiger arbeiten und mehr in kooperativen Lernformen. Lehrkräfte können individueller auf ihre Schüler eingehen, sie besser fördern, sie selbstständiger arbeiten lassen und ihnen beispielsweise in Sprachen authentisches Material bieten.

Die Lehrkräfte werden auch weiterhin gebraucht – doch ihr Unterrichtskonzept wandelt sich ebenso wie die eingesetzten Materialien.

Unterrichtsmaterial und erprobte Konzepte können Lehrkräfte heute bereits online erhalten – beispielsweise beim Deutschen Schulportal. Die Onlineplattform ist ein Fachmedium für alle, die sich für Schul- und Unterrichtsentwicklung interessieren. Das Schulportal, Leitspruch „Für mehr gute Schulen“ stellt erfolgreiche Konzepte aus der Schulpraxis vor und bietet aktuelle Informationen und Beiträge rund um die Themen der schulischen Bildung.

Und einen weiteren positiven Effekt hat das digitale Lernen für die Schüler, so die Erfahrung der Gesamtschule in Göttingen: Die Kinder lernen, dass die Geräte nicht nur zum Spielen da sind, sondern man kann sie auch nutzen, um sich Wissen anzueignen.

Handschrift spornt das Gehirn zu Höchstleistungen an

Doch wer mag in Zeiten von tippen, wischen und Sprachsteuerung noch lernen, ordentlich von Hand zu schreiben? Die Handschrift gerät bei den heutigen Schülern ins Hintertreffen: Sie schreiben zu langsam, die Schrift ist schlecht lesbar, nicht flüssig; davon sind Jungs wesentlich häufiger betroffen als Mädchen: Dies ergab eine Studie des Verbands Bildung und Erziehung.

Dabei ist das Schreiben von Hand enorm wichtig für das Lesen, das Textverständnis, die Rechtschreibung und für die schulische Leistung insgesamt, davon waren 90 Prozent der befragten Lehrkräfte überzeugt. Tatsächlich belegen weitere Studien, dass Kinder sich Buchstaben besser merken können, wenn sie sie nachmalen.

Wer von Hand schreibt, der sorgt dafür, dass sein Gehirn auf Hochtouren läuft: Motorisches, auditives, visuelles und somatosensorisches System arbeiten zusammen und sind bereits aktiv, wenn wir nur einen einzigen Buchstaben zu Papier bringen. Sprache wird in Buchstaben übersetzt, das Gehirn muss sich an die Buchstaben erinnern, die es gespeichert hat. Und es muss dafür sorgen, dass wir bereits während des Schreibens schon wieder weiterdenken.

Verglichen damit ist das Tippen auf der Tastatur für das Gehirn keine Herausforderung: Es muss sich zwar an die Buchstaben erinnern, die Bewegung, die Taste nach unten zu drücken, ist aber immer gleich. Vier Jahre lang eine Handschrift zu lernen und sie später auch anzuwenden, trainiert das Hirn – ein Leben lang.

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