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Zoo – Gefängnis oder Arche?

Wer einen echten Löwen, Pinguin oder Eisbär sehen will, der muss dafür sehr weite Reisen machen oder geht eben in den Zoo. Doch nicht allen Tieren, die dort leben, geht es wirklich gut. Viele Zoos in Deutschland setzen auf neue Konzepte zugunsten der Tiere und arbeiten – abseits vom Besucherrummel – an Erhaltung durch Zucht sowie an Forschungsprojekten, die wildlebenden Tieren zugute kommen sollen. Ist das sinnvoll?

Beschäftigungstherapie für die Eisbären

In freier Wildnis haben Eisbären die ganze Weite der Arktis zur Verfügung. Und sie lieben es kalt. Doch der Lebensraum der Eisbären in europäischen Zoos sieht anders aus: Auch großzügig gestaltete Anlagen sind für Eisbären klein, die Eisschollen nur nachgebildet. Dennoch gibt es Möglichkeiten, den Publikumslieblingen der Zoos das Leben angenehmer zu machen. Der Zoo Rostock hat seinen Eisbären einen neuen Bereich gebaut, in dem die Eisbären nicht nur mehr Fläche haben als früher, sondern sich auch zurückziehen und gegenseitig aus dem Weg gehen können.

Beim Umgang mit den Tieren heißt das Konzept: Beschäftigung – nur keine Langeweile und keine Routine aufkommen lassen, um Stress-Stereotypien vorzubeugen. Die Eisbären bekommen von ihren Pflegern Kunststücke beigebracht. Das ist einerseits Beschäftigungstherapie, hat aber auch einen praktischen Nutzen: Sie erleichtern kleinere medizinische Untersuchungen. Auch das Futter müssen sich die Bären erst erarbeiten: Deshalb ist in Rostock die sonst so beliebte öffentliche Fütterung abgeschafft worden, was dem Besucherzulauf dennoch keinen Abbruch tut.

Hinter den Kulissen: Forschung im Zoo

Abseits der Besucherströme wird in den Zoos geforscht. Viele Ergebnisse kommen Artenschutzprogrammen zugute, mit denen Wildtieren geholfen werden soll. Nashörnern zum Beispiel, die sich in der Natur zu langsam vermehren, was das Überleben ihrer Art gefährdet. Auch bei den bisher bekannten Tierarten gibt es noch immer eine Menge zu erforschen: Details zu Vermehrung und Ernährung können beispielsweise bei Auswilderungen hilfreich sein.

Dass Zoos Forschung betreiben und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beitragen sollen ist unter anderem in der Zoorichtlinie der Europäischen Union festgehalten. Ein großer Vorteil der Forschung im Zoo: Die Tiere lassen sich einfacher beobachten als in der Wildnis; Methoden wie die regelmäßige Speichelentnahme und Kotuntersuchungen sind problemloser umzusetzen. Dies alles soll passieren, ohne dass die Tiere durch die Forschung gestört oder gar verletzt werden. Im Idealfall sollen sie nicht einmal etwas davon merken.

Von der exotischen Tierschau zum Artenschutz

Dass Forschung das Wohlergehen der Tiere in den Mittelpunkt stellt, ist nicht selbstverständlich. Als im 18. und 19. Jahrhundert die ersten europäischen Zoos entstanden, waren sie vor allem Orte, in denen exotische Tiere zur Schau gestellt wurden. Die Forschung jener Zeit hatte das Ziel, mehr über die Tiere zu erfahren. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Berliner Zoologe Oskar Heinroth mit Studien an Vögeln – seine Erkenntnisse aus 40 Jahren Forschung machten ihn zu einem der Begründer der Verhaltensforschung. Der Schweizer Zoologe und Tierpsychologe Heini Hediger gilt heute als Begründer der modernen Tiergartenbiologie. Der Direktor des Basler und des Züricher Zoos versuchte in den 1950er und 1960er Jahren das natürliche Lebensumfeld der Tiere im Zoo nachzubilden und so die Haltungsbedingungen zu verbessern.

Doch erst als die Grundsatzkritik an der Haltung von Wildtieren in Zoos lauter wurde, setzte ab den 1970er Jahren ein Wandel ein und in den Fokus der Tierhaltung rückte mehr und mehr der Arten- und Naturschutz. Die heutigen Forschungsprojekte in Zoos sind dazu da, den Tieren zu nutzen – vor allem jenen, die in freier Wildbahn gefährdet sind.

Wenn Wanzen Blut abnehmen

Einem Vogel Blut abzunehmen, ohne dass er es merkt, ist auch für gestandene Tierforscher eine Herausforderung. Im Heidelberger Zoo experimentieren Forscher an Hornraben – ein Nashornvogel, rund einen Meter groß, der besonders sensibel ist.

Das Experiment hat einen ernsten Hintergrund: Südliche Hornraben sind in ihrer Heimat Afrika extrem gefährdet, unter anderem durch verschiedene Gifte wie etwa Blei aus der Jagd oder Pestizide. Um genau festzustellen, welche Gifte die Vögel belasten und woher sie kommen, wird eine sanfte Methode zur Blutabnahme benötigt. Zu diesem Zweck spannen die Forscher Raubwanzen ein, die besonders gerne Blut saugen. Eine durchaus übliche Methode, die der Südliche Hornrabe sich aber nicht gefallen lässt, weil er keine Parasiten unter dem Gefieder duldet. Zwei Jahre laufen die Versuche schon; doch erst wenn die Forscher eine funktionierende Methode gefunden haben, kann sie vor Ort in Afrika eingesetzt werden und den Vögeln dort nutzen.

Wilde Tiere: Vom Machtsymbol in den „goldenen Käfig“

Wilde, exotische Tiere – früher waren sie ein Zeichen der Macht. Weltweit schmückten sich Herrscher mit Tieren, die fern der Heimat gefangen worden waren – die Pharaonen Ägyptens, die Herrscher im antiken Rom ebenso wie die chinesischen Kaiser. In Europa entstanden im Mittelalter die ersten „Menagerien“, in denen Adelige sich Wildtiere hielten. Der Tiergarten Schönbrunn in Wien, im Auftrag von Kaiser Franz I. gebaut, war ab 1779 der Öffentlichkeit zugänglich und gilt als erster Zoo der Welt.

Anstatt wilde Tiere hinter Gittern zur Schau zu stellen, präsentierte Carl Hagenbeck in Hamburg seine Exoten Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals ohne Gitter in Kulissen, die den natürlichen Lebensraum zeigen sollten. Wirklich artgerechte Haltung war dies dennoch nicht – der Mensch dominierte, die Tiere hatte sich unterzuordnen. In den 1970er Jahren entstanden dann die ersten Safari-Parks mit weitläufigeren Anlagen für die Tiere und Naturerlebnissen für die Besucher.

Nach und nach stellen bis heute Zoos ihre Anlagen um und geben ihren Tieren mehr Raum und beste Versorgung – ein goldener Käfig für Wildtiere. Sie haben zwar immer noch weniger Platz als in der Wildnis, doch die Wildnis haben die meisten Zootiere nie gesehen: Schon lange wird der Bedarf an Tieren fast völlig durch eigene Nachzuchten gedeckt.

Zoo-Architektur - Eine Wildnis für die Besucher

Naturgetreue Gestaltungen der Zoo-Landschaft beeindruckt die Tiere sicher nicht – die Menschen dafür umso mehr. Die Tiere sitzen in vielen Zoos nicht mehr in tristen Käfigen auf nacktem Boden, sondern turnen durch eine künstlich erschaffene Wildnis, verstecken sich auch mal vor neugierigen Blicken. Leipzig setzt mit seinem Konzept „Zoo der Zukunft“ auf den Zoo als Erlebniswelt. Die Besucher sollen sich fühlen wie im Regenwald, den Tieren gefühlt nah sein, sie hören, riechen, entdecken.

So attraktiv wie möglich für die Zweibeiner, aber ohne die Tiere zu stören. So wird der Masterplan nach und nach umgesetzt. Und noch eine Umstellung kommt auf den Zoo zu, allerdings von außerhalb: Die europäische Zooverband EAZA möchte für den Schutz der Elefanten künftig auf „geschützten Kontakt“ setzen. Für die Zoos bedeutet das: Beim Kontakt zwischen Pflegern und Tieren trennt die beiden künftig eine schützende Barriere. Die Tiere sollen in ihrer natürlichen Sozialstruktur leben – und dazu gehören weder ein Pfleger als Alphatier noch ein Elefantenhaken.

Walross-Züchtung: Drei Weibchen für Odin

Von Valencia über die Autobahn nach Hamburg: Drei Walross-Damen gehen auf die Reise, um für Nachwuchs zu sorgen. Der wird dringend gebraucht, da es in Europas Zoos nur noch 13 Walrosse gibt. Und lediglich ein Tier davon ist ein Zuchtbulle – Odin, 23 Jahre alt, in Hamburg. Immerhin kam bei Hagenbeck in Hamburg 2014 Thor als erstes deutsches Walrossbaby zur Welt.

Die europäischen Walrosshalter arbeiten eng zusammen, um eine stabile Population aufzubauen. Dazu gehört eben auch, dass die Walrosse für die Paarung Kurzbesuche machen oder getauscht werden. Dennoch bleibt die Nachwuchszucht ein schwieriges Unterfangen: In Hamburg starben zwei Walross-Jungtiere kurz nach der Geburt.

Auch die Haltung der Schwergewichte wirft immer wieder Probleme auf: Das spanische Valencia gibt seine Walross-Damen, die bisher nie an der frischen Luft waren, nach Belgien ab, wo sie als kleine Herde leben und natürlich für Nachwuchs sorgen sollen.

Und in vielen Zoos wird derzeit noch nach einer Lösung für das Zahnproblem gesucht: Auf den harten Böden schaben sich die Walrosse die Stoßzähne kaputt. Der Erfahrungsaustausch der Zoos untereinander soll helfen, auch dieses Problem zu lösen.

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