Gesundheit Nur Spießer trinken nicht

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Das Bierchen am Abend, das Glas Wein zum guten Essen: Alkohol ist Gesellschaft. Und wenn jeder Alkohol trinkt, dann können wir doch gar nicht anders als mittrinken - oder?

Dauer

Michael K. ist 22 Jahre alt und hat in seinem Leben noch keinen Schluck Alkohol getrunken. Als Außenseiter habe sich der angehende Mechatroniker-Meister, der in seiner Freizeit Eishockey spielt, deshalb noch nicht gefühlt. Dennoch: "Dumme Sprüche sind ganz normal, wie: Waschlappen, trinkst nichts..." Daran habe er sich gewöhnt. Ein Kerl sei er auch so, ohne Alkohol zu trinken. Nach dem Grund für seine freiwillige Abstinenz gefragt sagt er meistens, dass er noch Auto fahren müsse. Maßgebend war jedoch ein tragisches Ereignis: Einer seiner Freunde ist vor rund sieben Jahren in betrunkenem Zustand einfach auf die Straße gelaufen; er wurde von einem Auto erfasst, durch die Luft geschleudert, schlug auf dem Asphalt auf und blutete aus dem Ohr - ein Bild, das Michael K. bis heute nicht vergessen hat. Damals habe er sich entschieden: Kein Alkohol!

Folgenschwerer Verzicht

Portrait von Prof. Derik Hermann. (Foto: SWR, SWR -)
Suchtmediziner Professor Derik Hermann SWR -

Betrunkene verursachen Verkehrsunfälle. Sie torkeln, fallen Treppen hinunter und brechen sich die Knochen. Sie neigen zu Gewalt, ruinieren Beziehungen und Karrieren. Die Gesellschaft weiß das alles - und akzeptiert es: der Sektempfang zu gegebenem Anlass, das Glas Wein zum guten Essen, das Bierchen am Abend - das ist doch Kultur! Wer da freiwillig verzichte, gelte oft als Spaßbremse und laufe Gefahr ausgeschlossen zu werden, so Professor Derik Hermann. Der Suchtmediziner arbeitet im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und therapiert Woche für Woche Menschen, die zu viel trinken. Eine Patientin berichtet: Sie musste sich von ihrem trinkfreudigen Bekannten- und Freundeskreis trennen; erst danach hat sie es geschafft, auf Alkohol zu verzichten. Sie findet, "dass es zu positiv betrachtet wird, wenn man trinken kann, und wenn man mehr als ein Bier verträgt oder ein Glas Wein."

Verkehrte Welt

Die Grenze zwischen unbedenklichem Konsum und Suchtkrankheit sei fließend, sagt Derik Hermann. Trotzdem: In vielen Kreisen gilt Trinkfestigkeit immer noch als Tugend, der Abstinenzler als Sonderling oder Spießer. Eigentlich müsse es anders herum sein, so der Professor: "Die Personen, die zu viel Alkohol trinken, die müssten eigentlich komisch angeschaut werden." Ständige Verfügbarkeit, Werbung und dazu die günstigen Preise, die Alkohol sogar schon für Jugendliche erschwinglich machen - Derik Hermann findet die deutsche Trinkkultur heikel. Dennoch: Auf das gelegentliche Feierabendbier mit Kollegen will auch er nicht verzichten. Schließlich habe der gemäßigte Konsum auch Vorteile: "Es ist einfach schön zum Runterkommen, zum Entspannen, so nach der Arbeit, es macht Spaß, man wird einfach ein bisschen lockerer, man kann sich besser unterhalten, das sind einfach so die Vorteile."

Das richtige Maß

Allerdings hält er sich beim Trinken an die Empfehlung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Für einen gesunden Mann liegt die risikoarme Schwellendosis demnach bei 24 Gramm reinem Alkohol pro Tag, das entspricht etwa 0,6 Liter Bier. Auf die Dosis komme es an, sagt er. Reduziertes Trinken statt totaler Abstinenz. Ob Michael K., der in seinem Leben noch keinen Schluck Alkohol getrunken hat, den Vorteilen eines - im Idealfall kontrollierten - Alkoholkonsums auf Dauer widerstehen kann? Seine Freundin, sagt er, würde jedenfalls gern einmal mit ihm zur Weinprobe gehen - etwas, das er sich für die ferne Zukunft, wenn er einmal älter ist, durchaus vorstellen könne.

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