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Muskelschmerzen an Rücken, Nacken oder Schultern gelten als neues Volksleiden. Verursacht werden sie vor allem durch Fehl- und Überbelastungen, Stress und Übergewicht. Neue Ansätze in Diagnose und Therapie sollen helfen, dem Dauerproblem beizukommen.

Muskeln lassen sich beeinflussen

Rund 650 Muskeln hat jeder Mensch – allein 50 davon sind für das Gesicht zuständig. 200 Muskeln bewegen wir, um einen einzigen Schritt zu machen. Bewusst steuern können wir aber nur die sogenannte Skelettmuskulatur – sie sorgt im Zusammenspiel mit den Sehnen dafür, dass wir uns bewegen können.

Bei Muskelschmerzen sind Beweglichkeit und Lebensqualität deutlich eingeschränkt. Die Schmerzen können physische Ursachen haben: beispielsweise Überbelastung, falsche oder einseitige Belastung, Übergewicht, Bewegungsarmut, Rauchen, Alkoholkonsum. Inzwischen weiß man, dass auch psychische Faktoren Beschwerden auslösen können: Stress, Ängste und Mobbing gehören dazu.

Physiotherapie braucht Zeit

Bei Rückenschmerzen führt der Weg häufig zum Physiotherapeuten. Fast ein Drittel aller Patienten kommt deshalb in die Praxis, häufig genug wegen „unspezifischer Rückenschmerzen“ – also Schmerzen, deren Ursache nicht festzustellen ist. Ohne eindeutige ärztliche Diagnose liegt es am Physiotherapeuten, ob er dem Patienten helfen kann oder nicht. In vielen Fällen verschwinden die Schmerzen wieder, in manchen werden sie chronisch.

Zeit für die Patienten ist der entscheidende Faktor in der Physiotherapie – doch genau die fehlt häufig, weil die gesetzlichen Kassen den Aufwand nicht erstatten. Pro Sitzung 15 bis 25 Minuten Zeit für die Therapie; 70 Cent bis ein Euro für den Bericht an den Arzt. Das genügt bei weitem nicht für eine ausführliche Befundung und ein individuelles Behandlungskonzept. Doch genau damit hat beispielsweise Physiotherapeut Christof Stiegler gute Erfahrungen: Eine Stunde Therapie pro Woche, dazu eine umfassende Aufklärung – seine Patienten profitieren davon, bisher sind es aber überwiegend die Privatpatienten.

Auch das Schmerzzentrum der Uniklinik Freiburg geht in diese Richtung und sorgt für intensive Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten, Medizinern und Psychologen. Die Therapie wird dadurch präziser und somit auch erfolgreicher.

Richtig gehen will gelernt sein

Gang- und Bewegungsanalysen bringen es ans Licht: Wer nicht richtig geht, kann sich damit Probleme einhandeln. So kann eine vernachlässigte Hüftmuskulatur beispielsweise die Ursache für Schmerzen in den Knien sein. Und schlimmer noch: Fehler im motorischen Ablauf können dazu führen, dass Muskeln ihre Aufgabe nicht richtig wahrnehmen können und stattdessen Knorpel belastet werden und verschleißen.

Die Physiotherapeutin Kirsten Götz-Neumann hat das Programm „Gehen verstehen“ entwickelt, das die Bewegungen der Patienten analysiert – dies im Gegensatz zur statischen Untersuchung, beispielsweise durch MRT oder Röntgen. Und ebenso wichtig: Moderne Videotechnik hilft dabei dem Patienten zu zeigen, wie er sich bewegt und was er ändern muss. So können Patienten gemeinsam mit einem Team von Fachleuten das Problem angehen, ihre Bewegungen verbessern und Schmerzen abbauen.

Ganzheitliche Schmerztherapie

Auf die Zusammenarbeit mehrerer Spezialisten und eine Therapie, an der der Patient entscheidenden Anteil hat, setzt auch die Orthopädie der Uniklinik Heidelberg mit ihrer multimodalen Schmerztherapie. Dies bedeutet „körperliches, gedankliches und verhaltensbezogenes Üben unter ärztlicher Kontrolle“.

Das Team behandelt Patienten, die oft schon lange an chronischen Schmerzen leiden. Vor der Therapie steht hier die intensive Suche nach der Ursache der Schmerzen. Dies sind häufig Stress, Ängste oder nicht verarbeitete, belastende Erlebnisse.

Je nach Untersuchungsergebnis werden die Patienten nicht mit Medikamenten behandelt wie in der konventionellen Therapie. Vielmehr können viele durch die Therapie ihre Medikamente reduzieren oder ganz darauf verzichten. Stattdessen lauten die Lösungen beispielsweise: Stressabbau, Musiktherapie gegen die Zwänge des Alltags, Vertrauen in den eigenen Körper entwickeln, und ganz wichtig: so viel Bewegung wie möglich, um dem Schmerz keine Chance zu geben.

Faszien – die Vernetzung der Muskulatur

Es ist ein feines, weißes Bindegewebe, das jeden einzelnen Muskel umgibt und ein zusammenhängendes Netz im ganzen Körper bildet. Faszien sind im Normalfall geschmeidig und beweglich und dienen als Puffer bei Erschütterungen. Sie speichern Wasser, das dafür sorgt, dass die Muskeln geschmeidig bleiben. Sind sie jedoch verklebt, verwachsen oder verspannt, können sie für erhebliche Probleme und vor allem für Schmerzen sorgen.

Lange wurde das Fasziengewebe nicht beachtet; inzwischen ist bekannt, dass die Faszien sich eigenständig zusammenziehen können. Sie reagieren auf Stress, Anspannungen und Bewegungsmangel.

Faszientherapien und der Absatz von Faszienrollen für zu Hause haben Konjunktur, seit die Bedeutung des Bindegewebes erkannt wurde. Noch steht die Erforschung der Faszien und ihrer Funktion bei Schmerzen relativ am Anfang. Es hat sich gezeigt, dass die Faszienbehandlung nur kurzfristig für mehr Beweglichkeit sorgt.

Muskelkrampf: Der Schmerz kommt nachts

Die Krämpfe beginnen oft nachts, ohne jede Vorwarnung: Ein Muskel oder eine ganze Muskelgruppe zieht sich plötzlich zusammen; die Stelle fühlt sich hart an und verursacht ausgesprochen starke Schmerzen. Sehr häufig sind die Waden oder die Muskeln des Fußgewölbes betroffen. Etwa jeder dritte kennt diese Attacken – mit steigendem Alter und während einer Schwangerschaft steigt die Wahrscheinlichkeit eines Muskelkrampfs.

Muskelkrämpfe können unterschiedlichste Ursachen haben: Das kann starkes Schwitzen sein, aber auch eine ernsthafte Erkrankung. Wer solche Krämpfe häufiger hat, sollte also unbedingt zum Arzt gehen.

Mittel gegen die Krämpfe gibt es nur wenige. Vor allem Dehnungen sind hilfreich, häufig wird Magnesium empfohlen. Hilft das alles nicht, können Chinin-Präparate verordnet werden, die jedoch sehr schwere Nebenwirkungen haben.

Schmerz im ganzen Körper: Fibromyalgie

Fibromyalgie, zu Deutsch: Faser-Muskel-Schmerz, ist eine Erkrankung mit vielen Erscheinungsformen: Von den Dauerschmerzen können unterschiedliche Körperregionen oder der ganze Körper betroffen sein; dazu können Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen und rund 150 weitere Symptome kommen. Ursache der Schmerzen ist möglicherweise eine geänderte Reizverarbeitung im Gehirn, was dazu führt, dass die Patienten an teils unerträglichen Schmerzen leiden und empfindlich auf Berührungen reagieren.

Ebenso unterschiedlich wie die Symptome sind auch die Behandlungsansätze der Krankheit, die bisher noch wenig erforscht ist. Sie reichen von Schmerzmitteltherapien über Bewegungstherapie bis zu Stressreduktion. Da jeder Patient anders reagiert ist es nötig, eine individuelle Therapie zu finden, die wirkt.

Speziell für Patienten mit Bluthochdruck hat Prof. Kati Thieme an der Uni Marburg das Barorezeptortraining entwickelt. Durch Massagen werden die Barorezeptoren an der Halsschlagader aktiviert, die auch für die Schmerzverarbeitung verantwortlich sind. Über 80 Prozent ihrer Gruppe mit 62 Patientinnen war nach der Therapie dauerhaft schmerzfrei. Weitere Therapien und eine Studie sind geplant.

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