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Weltweit sterben pro Jahr rund 11 Millionen Menschen an einer Sepsis. Jede Infektion mit einem Krankheitserreger kann sich schlimmstenfalls zu einer Sepsis entwickeln. Eine schnelle Diagnose könnte viele Leben retten.

Könnte es eine Sepsis sein? An dieser Frage kommt man an der Uniklinik Greifswald nicht vorbei. Ein großes Plakat stellt sie allen Besucher*innen schon am Haupteingang. Hier wird klar: Sepsis ist ein Notfall. Wie beim Schlaganfall und Herzinfarkt ist auch bei einer Sepsis Zeit gewinnen, Leben retten.

Damit die Notfallkette funktioniert, müssen alle Sepsis auf dem Schirm haben. Genau das wollen Matthias Gründling und Manuela Gerber erreichen. Der Intensivmediziner und die Sepsisschwester sind das Kernteam des Qualitätsmanagement-Projekts „Sepsisdialog“ am Universitätsklinikum Greifswald. Das Plakat am Eingang der Klinik - nur eine kleine von vielen Initiativen des Projekts.

In der Klinik: auf dem Weg in die Ambulanz. (Foto: SWR)
Das Kernteam des Greifswalder Projekts „Sepsisdialog“: Manuela Gerber und Matthias Gründling.

Lungenentzündung, Harnwegsinfekte, Entzündungen im Bauchraum, Covid-19: Jede Infektion kann sich zu einer Sepsis entwickeln. Ursache muss nicht zwangsläufig eine sichtbare Wunde sein. Häufig sind Bakterien der Auslöser, aber auch Pilze oder Viren kommen infrage. Der eigentliche Spieler bei einer Sepsis ist das Immunsystem, das in Unwucht gerät und sich gegen den eigenen Körper richtet. Der Aufruhr ist so heftig, dass der Körper nicht mehr richtig versorgt wird. Greift man nicht rechtzeitig ein, versagen lebenswichtige Organe.

Kein notwendiges Sepsis-Zeichen: der rote Strich

Fieber oder Schüttelfrost, manchmal Schmerzen, auch Verwirrtheit, ein schneller Puls, Kurzatmigkeit – ein starkes Krankheitsgefühl. Die ersten Anzeichen einer Sepsis sind nicht eindeutig. Auch deshalb wird Sepsis oft nicht oder zu spät erkannt. Bei Verdacht auf eine Sepsis ist sofort ärztliche Hilfe notwendig: Eine Sepsis muss immer im Krankenhaus behandelt werden.

Je zielgenauer man therapiert, umso besser stehen die Überlebenschancen. Noch gibt es kein Medikament, um gezielt in das Immungeschehen einzugreifen. Solange der Erreger nicht bekannt ist, muss „blind“ mit einem Breitbandantibiotikum behandelt werden. Akut gefährdete Patient*innen werden in ein künstliches Koma versetzt.

Blick durch eine Jalousie in ein Intensivzimmer. (Foto: SWR)
Eine spezifische Therapie gegen Sepsis gibt es nicht.

Aber auch wer nach einer Sepsis das Krankenhaus verlässt, ist nicht gesund. Viele Sepsis-Patient*innen haben zuhause mit Muskelschwäche und Nervenschäden zu kämpfen, können sich kaum bewegen und oder müssen alltägliche Fertigkeiten neu erlernen. Etwa drei von vier Menschen, die eine Sepsis überleben haben Folgeschäden, die von posttraumatischen Belastungsstörungen über chronische Erschöpfung bis zum Verlust von Gliedmaßen reichen.

Verschenktes Potenzial: In Deutschland wird Sepsis zu wenig wahrgenommen

Jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als 70.000 Menschen an Sepsis. Expert*innen halten viele Tausende dieser Todesfälle für vermeidbar. Ihrer Auffassung nach könnten rund 20.000 Menschen mehr pro Jahr eine Sepsis überleben – mit verbesserter Prävention, frühzeitigem Erkennen und Behandeln. Bei der Sepsis-Sterblichkeit schneidet Deutschland im internationalen Vergleich schlecht ab.

): Seitliche Aufschrift auf einem Rettungswagen  (Foto: SWR)
Die Sepsis-Sterblichkeit ist in Deutschland vergleichsweise hoch.

Anders etwa in den USA, Großbritannien oder Australien: Dort hat auch die Politik ein Interesse daran, das Problem Sepsis zu lösen. Auch weil Sepsis und ihre Folgen ein enormer Kostenfaktor sind, bemüht man sich um breite Aufklärung und Qualitätsstandards. Die Sepsis-Sterblichkeit ist dort deutlich niedriger als hierzulande. Ein nationaler Sepsisplan könnte auch in Deutschland Leben retten, Spätfolgen mindern und dafür sorgen, dass Menschen mit Langzeitfolgen besser versorgt werden.

Schnelle Diagnose rettet Leben

In Greifswald hat die Arbeit von Manuela Gerber und Matthias Gründling schon vielen Patient*innen das Leben gerettet. Wie erkenne ich eine Sepsis und wie behandle ich sie? Neben regelmäßiger Schulung aller Mitarbeiter*innen werden alle Sepsis-Fälle dokumentiert und ausgewertet, um Lücken zu schließen, die Zeit kosten. Es gibt feste Abläufe und jeder Verdachtsfall wird wie ein Notfall behandelt.

Liegendtransport. Ankunft in der Ambulanz (Foto: SWR)
Ein lebensbedrohlicher Notfall: Sepsis.

Das Sepsisdialog-Team versucht dranzubleiben, schaut regelmäßig auf den Stationen vorbei, verteilt Infomaterial und hakt nach, um immer wieder das Thema Sepsis ins Gespräch zu bringen. Daneben tüfteln Gründling und Gerber mit einer Handvoll ehrenamtlicher Mitstreiter*innen immer wieder an neuen Projekten, zum Beispiel an der Organisation von Online-Vorträgen zur Sepsis, mit der sie mehr Menschen erreichen können. Im Uniklinikum Greifswald liegt die Sepsis-Sterblichkeit 10 Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt. Einfache Kniffe mit großer Wirkung – dem Greifswalder Team ist das schon gelungen.

Zusatzinfos:

Wann könnte es eine Sepsis sein?

Bei Erwachsenen und Kindern könnte es eine Sepsis sein, wenn mindestens zwei der folgenden Krankheitszeichen vorhanden sind:

- Fieber oder Schüttelfrost

- Verwirrtheit oder Desorientiertheit

- schneller Puls / Herzrasen

- Kurzatmigkeit / schnelle Atmung

- feuchte Haut, Schwitzen, Schwäche

- Schmerzen, starkes Unwohlsein, extremes Krankheitsgefühl

Bei Neugeborenen könnte es eine Sepsis sein, wenn mindestens zwei der folgenden Krankheitszeichen vorhanden sind:

- fühlt sich unnormal kalt und fiebrig an

- atmet schwer

- wiederholtes Erbrechen und / oder Durchfall

- verlangsamte Reaktion / Bewegungen

- trinkt nicht / keine Nahrungsaufnahme

- Krampfanfälle

Linktipps:

Infobroschüre & Handlungsempfehlungen für Patienten vom Aktionsbündnis Patientensicherheit

Infobroschüre: Handlungsempfehlung für Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe vom Aktionsbündnis Patientensicherheit

Homepage des Qualitätsmanagementprojekt Sepsisdialog (Universitätsmedizin Greifswald)

Homepage der gemeinnützigen Sepsis-Stiftung mit Informationen rund um Sepsis

Die Betroffeneninitiative Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. bietet unter anderem ein Infotelefon für Betroffene und Angehörige

Homepage der medizinischen Fachgesellschaft Deutsche Sepsis-Gesellschaft (DSG)

Aktuelle Sepsis Definition (Sepsis-3) von 2016

Anfang 2020 im Fachmagazin THE LANCET erschienene Studie, bei der Daten aus 195 Ländern analysiert worden sind. Das Ergebnis der Analyse: Weltweit stirbt jeder fünfte Mensch an Sepsis. Viel mehr als zuvor vermutet.

Studie von Fleischmann-Struzek et al. mit statistischen Zahlen zu Sepsis-Fällen in Deutschland: In Deutschland ist Sepsis mit jährlich etwa 75000 Todesfällen die dritthäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Übersichtsartikel zur Diagnostik von Blutstrominfektionen, darunter auch eine Beschreibung des massenspektrometrischen Verfahrens, das in Greifswald eingesetzt wird.

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