Stressmanagement

Männer im Stress – was tun?

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AUTOR/IN
Sarah Schommer

Männer und Frauen ticken anders - auch wenn es um Stress geht. So brauchen Männer ein anderes Anti-Stress-Training, um ihre innere Balance zu finden und psychischen Krankheiten vorzubeugen.

Gender-Stress-Gap

Warum Männern anders mit Stress umgehen.

Männer brauchen ein anderes Anti-Stress-Training, um ihre innere Balance zu finden. Das Geschlecht muss in der Therapie psychischer Krankheiten stärker berücksichtigt werden, fordern Forschende.

Gestresste Gesellschaft

Ob im Beruf oder in der Freizeit, Stress ist für viele zu einem täglichen Begleiter geworden. Auch für Christian Schmitt. Der Manager musste lernen: Wird Stress chronisch, macht er krank. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte Stress sogar zu den größten gesundheitlichen Gefahren des 21. Jahrhunderts.

Grundsätzlich ist Stress etwas höchst Individuelles und Subjektives. Und genauso individuell sollte auch die Therapie Stress-bezogener psychischer Erkrankungen ausgerichtet werden. Das ist auch ein Ziel der Neurowissenschaftlerin Birgit Derntl. Sie forscht zu Stress und Geschlechterrollen.

Protagonist in Eiswanne (Foto: SWR)
Christian Schmitt badet in Eiswasser

Stress und Geschlecht

Schon bei den Stressauslösern, den sogenannten Stressoren, gibt es Unterschiede. Beispiel Arbeitsalltag: Hier machen Männern eher Zeit- und Konkurrenzdruck zu schaffen, während Frauen sich eher durch eine schlechte Atmosphäre oder Ausgrenzung im Team gestresst fühlen.

Während Männer Stress eher nach Außen kanalisieren – durch Ärger, Wut oder Gereiztheit, richten sich Frauen nach innen. Sie tendieren dazu sich Sorgen zu machen, ängstlich zu werden oder ins Grübeln zu geraten. Das zeigt sich sogar im Gehirn: Bei Frauen sind in der Stressreaktion Areale aktiv, die für Emotionsregulation und Aufmerksamkeit stehen. Bei Männern hingegen werden Areale aktiv, die die Motivation steigern und auch das Belohnungszentrum ist stärker aktiviert.

 Forscherinnen schauen auf Messung während Proband im MR-Scanner liegt  (Foto: SWR)
Birgit Derntl überwacht Stresstest im MRT

Geschlechtsspezifisches Stress-Verhalten

Im statistischen Mittel reagieren Männer auf einen akuten Stressreiz mit dem sogenannten Kampf-oder-Flucht-Verhalten. Dieses Verhalten galt lange als Standard für alle Geschlechter, dabei waren Frauen schlichtweg unterrepräsentiert. Der Grund: Durch den schwankenden Hormonzyklus von Frauen wäre es schwer, eine Vergleichbarkeit herzustellen.

Die Argumentationskette zieht sich weiter: Über hormonelle Verhütung durch Pille oder Spirale, Schwangerschaft, Menopause. Mittlerweile weiß man, dass Frauen in einer Stresssituation eher mit „Tend and Befriend“, also Kümmern und Anschließen, reagieren. „Sie suchen die Nähe von Gleichgesinnten, meistens auch Frauen, tauschen sich aus, um in der Menge geschützter zu sein“, erklärt Birgit Derntl.

Stresstest Uniklinik Tübingen  (Foto: SWR)
Probandin während Stresstest

Männliche und weibliche Stresstypen

Klar ist, dass der Menstruationszyklus der Frauen die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol beeinflusst und somit auch die Stress-Reaktivität beeinflusst, erklärt Prof. Derntl. Verschiedene Tier- und Humanstudien zeigen, dass Männer während einer Stressreaktion in der Regel mehr Kortisol ausschütten als Frauen. Doch das sind statistisch gemittelte Werte. In der ersten Zyklushälfte, der follikulären Phase, und bei Frauen, die hormonell verhüten, kommt es zu einer geringeren Kortisolausschüttung.

In der Lutealphase, der zweiten Zyklushälfte, ähnelt die Kortisolausschüttung von Frauen der von Männern. Eine biologische Frau kann also genauso gut ein Verhalten zeigen, das eher einem „männlichen“ Stresstyp entspricht – und umgekehrt. „De facto ist es ganz wichtig für uns, Männer und Frauen einzuschließen und auch alle Personen, die da dazwischenliegen auf diesem Geschlechter-Kontinuum, um die selektive Stressreaktion besser ableiten zu können, um dann individuell auch helfen zu können“, erklärt Birgit Derntl.

Stress ist nicht gleich Stress

Chronischer Stress begünstigt bei Männern kardiovaskuläre Erkrankungen, sie greifen schneller zu Drogen wie Alkohol. Frauen hingegen leiden unter chronischem Schmerzen, entwickeln eher Depressionen oder Angststörungen. Im Gegensatz zu chronischem Stress hat kurzfristiger Stress positive Seiten. Er setzt Energie frei, steigert die eigene Leistungsfähigkeit. Wichtig ist es, die eigene Stressreaktion bewusst wahrzunehmen und die Bewertung des Stressreizes zu hinterfragen.

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die eigene Haltung, das konnten Studien aus den USA zeigen. Ist man etwa überzeugt, dass Stress den Körper zu Höchstleistungen bringt, dann fällt die gesamte Stressreaktion des Körpers gemäßigter aus. Der Geist steuert unsere körperliche kognitive, emotionale und physiologische Reaktion – doch dafür braucht es das Wissen und das richtige Training.

Achtsamkeitstraining nichts für Männer?

Entscheidend ist es, einen gesunden Umgang mit Stress zu lernen, Stress-Prävention zu betreiben. Doch Präventionskurse, ob Meditation- oder Yoga, sprechen eher Frauen an. Das liegt nicht am Stresslevel, denn Männer geben mittlerweile fast genauso häufig an, gestresst zu sein, wie Frauen (TK-Stressstudie, 2021). „Männer werden durch klassische Stressmanagement-Angebote, die dann in Entspannung gehen oder Achtsamkeitsübungen, weniger angesprochen. Sie können sich eher durch physisches Auspowern, körperliche Betätigung, entspannen“, erklärt Prof. Birgit Derntl. Christian Schmitt lässt sich mit odysso auf ein Experiment ein: Wie gelingt sein Weg raus aus der Stress-Spirale? Dafür stellt ihm die Redaktion Jacob Drachenberg an die Seite. Der Stress-Coach will Christian Einstellung zu Stress verändern und stellt ihm verschiedene Aufgaben, die seine Wahrnehmung ins Hier und Jetzt lenken. Am Ende des Coachings steht eine Prüfung, die Christian alles abverlangt.

Kind riecht an Kuchen  (Foto: SWR)
Achtsamkeitstraining für alle Sinne
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Sarah Schommer