Versteckte Interessen? Kampagne gegen Depression

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Ein Stiftung aus Leipzig hat das Ziel, mehr Bewusstsein für das Thema Depression zu schaffen. Auf den zweiten Blick wachsen Zweifel an der groß angelegten Kampagne.

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„In meinen Augen wäre sehr viel gewonnen, wenn verstanden würde, dass Depression eine Erkrankung ist, wie andere Erkrankungen auch“, sagt der Psychiater Ulrich Hegerl, Gründer der Deutschen Stiftung Depressionshilfe. Mit zur Stiftung gehört auch das Deutsche Bündnis gegen Depressionen mit über 75 Vereinen, die in ganz Deutschland verteilt sind. Hinzu kommen die Europäische Allianz gegen Depressionen, Forschungsprojekte und Online Foren.

Durch das große Netzwerk landen die immer gleichen Informationen in Medien, bei Ärzten und Therapeuten, bei Lehrern und bei Betroffenen und Angehörigen. „Zahlreiche Poster, Flyer und Broschüren liegen inzwischen auch in vielen Sprachen vor“, freut sich der Wissenschaftler von der Uni Leipzig.

Dass seine Aktionen Wirkung zeigen, sieht Hegerl durch eine Studie bestätigt, die er selbst Anfang des Jahrtausends in Nürnberg durchgeführt hat. Er sagt: „Man konnte relativ gut belegen, dass unsere Depressions-Kampagne einen Nutzen hat. Der Rückgang Suizidversuche und Suizide lag bei über 20 Prozent. Dieses Ergebnis ist auf großes Interesse im Grunde weltweit gestoßen.“

Tricks mit Statistik?

Suizidversuche und Suizide konnten über 20 Prozent gesenkt werden. Was bedeutet das genau? Über 20 Prozent weniger Selbstmorde? „20 Prozent weniger von was?“ fragt sich Felix Rebitschek, der sich mit medizinischen Statistiken gut auskennt. „Der Kern ist, ich weiß dann nicht, wie viele sich normalerweise das Leben nehmen? Und ich weiß auch nicht, wie viele weniger sich das Leben nehmen. Oder nehmen sich überhaupt weniger das Leben und es sind nur weniger Versuche? Das ist das, was eigentlich das große Fragezeichen macht, wenn man solche Aussagen hört oder liest“, gibt der Forscher vom Harding Zentrum für Risikokompetenz zu bedenken.

Bei genauerem Hinsehen tauchen noch mehr Fragen auf. In der publizierten Studie heißt es nämlich: In Bezug auf Suizid gab es keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zur Kontrollregion. Das heißt: Die Zahl der Suizide hat sich überhaupt nicht verändert. Es geht also allenfalls um verhinderte Selbstmordversuche – was eine sehr viel schwerer zu fassende Größe ist. In der Pressemitteilung wurden dann Suizide und Suizid-Versuche als „suizidale Handlungen“ zusammen gefasst. Dadurch verstehen Journalisten, Politiker und andere unbedarfte Leser, dass sich Suizide und Suizidversuche reduziert haben.

Für Rebitschek ist das Marketing mit Zahlen durch Tricks mit Statistik: „Wenn man die genauen Zahlen kennt, dann sollte man sie auch dazu schreiben. Weil nur das ein Verständnis davon gibt, wie groß der tatsächliche Effekt ist. Und wenn man das nicht tut, dann unterstreicht man mit Absicht die Bedeutung dessen, was man heraus bekommen hat.“

Dieses „Marketing“ trägt dazu bei, dass die Institutionen, die zur Stiftung gehören, sehr viel Geld bekommen. Darunter allein 16 Millionen Euro von der Bundesregierung sowie zahlreiche Forschungsgelder im Rahmen verschiedener EU-Projekte. Hinzu kommt das Sponsoring der Deutsche Bahn Stiftung, von Krankenkassen und anderen Spendern. Woher genau, lässt sich nicht sagen, da Stiftungen ihre Geldquellen nicht veröffentlichen müssen. „Was wir nicht annehmen, sind Gelder von der Pharmaindustrie. Das machen wir deswegen nicht, weil wir glaubwürdig sein wollen“, betont Hegerl.

Medikamente werden positiv dargestellt

In den Informations-Broschüren der Stiftung werden Psychopharmaka allerdings sehr positiv dargestellt. Es heißt unter anderem, die Medikamente veränderten nicht die Persönlichkeit, und sie machten nicht süchtig. Unter Wissenschaftlern sind diese Aussagen umstritten.

Der Psychiater Tom Bschor von der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft findet noch weitere Verharmlosungen: „An einer Stelle habe ich gelesen, dass von hochwirksamen Medikamenten gesprochen wird. Das deckt die wissenschaftliche Erkenntnis so nicht ab, denn bei einem großen Teil der Patienten wirken die Antidepressiva gar nicht.“ Trotzdem werden Antidepressiva als wichtiger Bestandteil der Therapie empfohlen. Und das, obwohl die Medikamente zumindest bei leichten Depressionen keinen Unterschied zu Placebos zeigen konnten. Zeugt das vielleicht doch von einer gewissen Nähe der Stiftung zur Pharmaindustrie?

Tom Bschor betont, dass die pharmazeutische Industrie vordergründig bei der Stiftung nicht zu entdecken sei. Doch er weiß, dass „Herr Hegerl sehr viele Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie pflegt und man insofern nicht sagen kann, dass er vollkommen unabhängig ist.“ Für die Pharmaindustrie jedenfalls lohnen sich die Hinweise in den Broschüren. „Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen in Deutschland ja nicht direkt beim Patienten beworben werden“, erklärt Bschor. Deswegen lohnt es sich in seinen Augen, „auf Kampagnen, die Krankheitsaufklärung betreiben, immer auch einen kritischen Blick zu werfen. Vielleicht ist das ja auch ein Versuch, den Konsumentenkreis zu vergrößern, den man nicht direkt für das Medikament bewerben darf.“

Eine harte Kritik. Doch Ulrich Hegerl betont, er halte sich an das, was Ärzten für die Behandlung von Depressionen empfohlen wird. Er sagt: „Das entspricht den Leitlinien und wir halten uns mit dem, was wir empfehlen und tun an die Leitlinien. Wir weichen davon eigentlich fast nicht ab.“ Aber eben nur fast. Denn anders als die Leitlinien, befürwortet Hegerl Antidepressiva auch bei leichten Depressionen. Schade, dass eine im Grunde wichtige Aktion dadurch einen Beigeschmack bekommt.

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