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Die Generation Y gilt ist als besonders selbstverliebt. Stimmt das? odysso fragt, woran man Narzissten erkennt, wie man sich verändert und was Persönlichkeitstests nutzen.

Die Klagen über egoistisches Verhalten werden lauter. Doch nicht nur die junge Generation hat als Lieblingswort „Ich“: Vor allem Männer, auch ältere, sind ausgesprochene Narzissten. Wer sich ändern will, muss verstehen, wie unser Hirn reagiert und lernt. Die gute Nachricht: Änderungen am eigenen „Ich“ sind mühsam, aber möglich.

Toller Hecht? – Von wegen!

Wer mit einem Riesen-Ego wie der amerikanische Präsident Donald Trump daherkommt, hat ein sehr gutes Bild von sich selbst – sollte man meinen. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Wenn er permanent Beifall erwartet, andere Menschen erniedrigt und sich über alle Regeln hinwegsetzt, überspielt er damit eher Unsicherheit und ein geringes Selbstwertgefühl.

Den Beleg dafür, dass Narzissten kein gutes Selbstbild haben, fand der Dresdener Psychologe Emanuel Jauk bei der Untersuchung im MRT (Magnetresonanztomografie): Er ließ seine als narzisstisch eingestuften Probanden ein Bild von sich selbst betrachten. Daraufhin wurden Gehirnbereiche aktiv, in denen nicht Freude, sondern Gefühle wie Angst oder Scham verarbeitet werden. Auch fehlende Empathie lässt sich organisch nachweisen: Narzissten haben weniger Gehirnmasse in der Großhirnrinde – in dem Bereich, der für die Entstehung von Gefühlen zuständig ist.
Und zu einem überraschenden Ergebnis kamen Forscher der Universität von Buffalo, die im Verlauf von 31 Jahren für eine Studie rund 475.000 Teilnehmer untersuchten: Drei Viertel aller Narzissten sind Männer. Das Alter oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation machten dabei keinen Unterschied.

Überlegenheitsgefühl als Gruppe: Kollektiver Narzissmus

Nicht nur Individuen sind anfällig für narzisstische Tendenzen: Auch in Gruppen können Menschen ein übersteigertes Selbstbewusstsein von Überlegenheit und Auserwähltsein entwickeln. Amerikanische Studien belegen diesen „kollektiven Narzissmus“ zum Beispiel bei einem Teil der Anhängerschaft von Donald Trump. Deutsche Forscher fanden ähnliche Ergebnisse bei Anhängern der Linken, aber auch der AfD und unter den Teilnehmern der „Hygiene-Demos“ im Rahmen der Corona-Krise: Typisch dafür sei die Überzeugung, einer ganz besonderen Gemeinschaft anzugehören, oder über Spezialwissen zu verfügen, das von der Mehrheit ignoriert oder ablehnt wird. So kann sich bei kollektivnarzisstischen Prozessen eine Dynamik entwickeln, die der zunehmenden „Ich“-Fokussierung des individuellen Narzissten ähnelt.

Kleines Kind, großes Ego

In der griechischen Mythologie verliebte sich der Jüngling Narkissos in sein eigenes Spiegelbild: So wurde er Namensgeber der Persönlichkeitsstörung, deren Ursache bis heute nicht abschließend geklärt ist. Sicher ist nur: Eltern haben einen enormen Einfluss auf ihre Kinder, wenn diese erst wenige Jahre alt sind. Zwei Extreme können dazu führen, dass Mutter und Vater einen kleinen Narzissten prägen: Wird das Kind vernachlässigt, versucht es mit allen Mitteln, Aufmerksamkeit zu bekommen. Behandeln Eltern ihr Kind wie den Nabel der Welt und vermitteln ihm, es sei zu Höherem bestimmt, entsteht ein falsches, weil überhöhtes Selbstbild.

Auch die sozialen Netzwerke könnten für die Zunahme von Narzissmus sorgen, so die Befürchtung. Eine US-amerikanische Studie wollte genau dies belegen: Befragt wurden College-Studenten der sogenannten „Generation Y“ – der ersten Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Anstelle eines neuen Trends enthielt die Studie jedoch eine Überraschung: Nicht die männlichen Studenten waren selbstbewusster bei ihren Antworten, sondern die Studentinnen. Ein Beleg für eine Narzissmus-Epidemie war die Studie der Universität von San Diego nicht.

Wer bin ich? Persönlichkeitstests

Gerade wer jung ist, sein privates Leben und seine berufliche Zukunft plant, will wissen, was für ein Typ er/sie ist, wie er auf andere wirkt und wie er sich ändern kann. Die Tests werden in der Wirtschaft gerne genutzt, um die Eignung von Bewerbern zu prüfen. Es gibt sie aber auch für alle, die sich selbst besser einschätzen wollen: Die Auswahl im Internet ist groß.

Beliebt, aber eher veraltet, sind laut Prof. Martin Kersting von der Uni Gießen Typentests, mit denen die Testpersonen auf wenige Typen reduziert werden. Sinnvoller sind seiner Erfahrung nach Tests nach dem Fünf-Faktoren-Modell „Big Five“. Die ausgewerteten Antworten werden in den fünf Bereichen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit wiedergegeben und erläutert. Doch auch da sind laut Kersting die Unterschiede groß: Viele Analysen enthalten Gemeinplätze, die so ziemlich für jeden gelten.

Veränderung ist möglich, aber mühsam

Doch kann ein erwachsener Mensch seine Persönlichkeit ändern? Persönlichkeit, das bedeutet die gespeicherten Muster von Gedanken, Gefühlen und Verhalten – sie sind in Hirnarealen verankert, die nicht bewusst beeinflusst werden können. Diese Hirnareale bewerten alles, was wir denken, wahrnehmen und tun. Sie merken sich, was gut war und was nicht und folgen diesem Muster.



Hirnforscher Gerhard Roth ist skeptisch, was das bewusste Beeinflussen der Persönlichkeit angeht und nennt drei Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit ein Erfolg möglich ist.

  • Erstens: Der Leidensdruck muss sehr hoch sein.
  • Zweitens: Es muss die Aussicht auf Belohnung bestehen, damit der Leidensdruck verschwindet.
  • Drittens: sehr viel Geduld.

Doch auch das genügt noch nicht. Nicht jedem, der mit seiner Persönlichkeit scheitert, gelingt eine Veränderung. Wichtig sind ungenutzte Ressourcen, auf die aufgebaut werden kann, beispielsweise positive Erfahrungen oder persönliche Beziehungen.

Auf die Fähigkeit zur Veränderung setzt auch die Resilienzforschung: Resilienz ist die Fähigkeit, schwere Schicksalsschläge oder einschneidende Erlebnisse gut zu verkraften. Manche Menschen schaffen dies, während andere in der gleichen Situation psychisch krank werden. Durch eine geschulte Verhaltensänderung wollen die Forscher nun Folgeerkrankungen vermeiden, wie sie bei der Verarbeitung von Stress und Angst entstehen.

Das ICH ist nicht zu fassen

Der Körper und alle Gedanken sind unser Ich. Es macht uns aus und steuert uns. Doch was das Ich eigentlich ist und wo es sitzt, diese Frage gibt noch immer Rätsel auf. Ansätze gibt es genug: Sigmund Freuds Theorie von Es, Ich und Über-Ich verortet das Ich in der Psyche des Menschen.
Andere Forscher untersuchten die Areale des Gehirns, die elektrischen Ströme oder die chemischen Botenstoffe, die an der Signalübertragung beteiligt sind. Auch die bewusstseinserweiternde Droge LSD wurde schon in der Ich-Forschung eingesetzt. Neueste Forschungen nutzen Virtual Reality, um das Ich zu erforschen. Doch zu fassen bekommen hat es bisher keiner.

Einfacher ist es da, einen Narzissten zu finden: Fragen Sie einfach, er wird es Ihnen sagen! Dies stellte Brad Bushman von der Ohio State University 2014 fest. Die einfache Erklärung:

„Menschen, die narzisstisch sind, sind geradezu stolz darauf. Man kann sie direkt fragen, weil sie Narzissmus nicht als negative Eigenschaft ansehen – sie halten sich für besser als andere Menschen und finden es in Ordnung, das öffentlich zu sagen.“

Brad Bushman, Ohio State Uhniversity
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