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Besonders in Städten nehmen Autos den Fußgängern und Radfahrern immer mehr Grünflächen und Wohnraum weg. Neue Mobilitätskonzepte auch fürs Land sollen die Probleme lösen.

Mobilität der Zukunft

In Deutschlands Innenstädten dominieren die Autos. Und wer auf dem Land wohnt, kann auf den fahrbaren Untersatz nicht verzichten. Oder doch? Ideen gibt es eine ganze Menge – vom autonomen Lastenrad bis zum Mobilitätsservice für die autofreie Stadt.

Das Ziel: Weniger Autos in den Städten

Der Konkurrenzkampf in den meisten Städten ist hart: Wem steht die Straßenfläche zur Verfügung? Autofahrern, Bussen, Radlern, Fußgängern, oder vielleicht doch lieber einem Straßencafé oder einer Verkaufsfläche? Meist gewinnt bisher das Auto. Laut Schätzungen von Verkehrsplanern verbrauchen Autos rund drei Viertel der Straßenfläche: zum Fahren, aber auch zum Parken.

Viele Städte überdenken inzwischen ihre Planung. Statt neue Straßen und noch mehr Parkplätze zu bauen, erhalten andere Verkehrsteilnehmer mehr Platz. In Karlsruhe beispielsweise soll eine neue Verkehrs-App dafür sorgen, dass Stadtbewohner und Einpendler auch andere Verkehrsmittel nutzen als den eigenen Pkw. Und dieser Umstieg soll ihnen so leicht wie möglich gemacht werden. Die Smartphone-App zeigt den Verkehrsmittelmix für die schnellste Route an und macht es möglich, alle nötigen Verkehrsmittel auch gleich zu buchen.

Andere Städte setzen darauf, den Radverkehr zu stärken und testen derzeit sogenannte „Pop-up“-Radwege, die über Nacht eingerichtet werden. Sie bieten den Radlern nicht nur einen zusätzlichen Radweg, sondern vor allem mehr Platz und Sicherheit. Mehr Sicherheit und bessere Radparkplätze – das hat Karlsruhe anderen Städten bereits voraus. Die Stadt gilt als fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands.

Das Auto – das deutsche Statussymbol

In Deutschlands Städten dominieren Autos den Verkehr – und auch das Stadtbild. Die Ursache dafür ist in den 1950er Jahren zu suchen, als das eigene Auto, allen voran der VW Käfer, zum Statussymbol wurde. Riesige Durchgangsstraßen wurden wie Schneisen in die Städte gebaut, Fußgängerwege mussten Parkplätzen weichen: Den Anfang nahm diese Entwicklung in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders.

Der Straßenverkehr hatte oberste Priorität, schmälerte die Lebensqualität in der Stadt und hatte Nebenwirkungen: Viele Städter zogen zum Wohnen aufs Land und pendelten zum Arbeiten in die Stadt. Straßen wurden noch stärker befahren; Parkplätze noch knapper. Der Stellenwert von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr war gering. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar: Wo kein Platz mehr für den ÖPNV-Ausbau, für Rad- und Fußgängerwege bleibt, steigen die Menschen auch weiterhin ins Auto. Größere Straßen und mehr Parkplätze haben allerdings nur einen Effekt: Sie ziehen noch mehr Autofahrer an.

Ohne Auto auf dem Land

Abends um acht der letzte Bus, am Wochenende so gut wie keine Verbindung – wer auf dem Land wohnt, ist meist auf das Auto angewiesen. Und wenn es nur für die Strecke bis zur nächsten guten ÖPNV-Anbindung ist. Genau für diese Strecke hat die Gemeinde Marxzell bei Karlsruhe eine Lösung gefunden: den kleinen Rufbus „MyShuttle“, der bestellt werden kann, wenn der große Bus nicht mehr fährt. Wer ein Zugticket hat, hat den Bus bereits inklusive. Ein weiterer großer Vorteil: Das Shuttle fährt nicht nur feste Routen und Haltestellen ab, sondern setzt die Kunden dort ab, wo sie hinwollen. Entsprechend gut wird das Angebot angenommen.

Es gibt weitere Ideen, um die Dörfer wieder besser anzubinden: Radschnellwege werden gefordert und, wenn gebaut, auch gut frequentiert. Mitfahrgemeinschaften, damit Autos nicht nur mit einer Person besetzt sind, gibt es schon lange – sie könnten allerdings noch häufiger genutzt werden.

Auch sogenannte Ports könnten den Autofahrern den Umstieg schmackhaft machen: An kleineren Umlandbahnhöfen sollen Carsharing, Mietfahrräder und weitere Services wie beispielsweise Packstationen angeboten werden. Im Großraum Karlsruhe werden zunächst sieben solcher Ports entstehen und erprobt.

Perspektiven für die Autoindustrie

Weniger Autos, andere Antriebsarten, nachhaltige Mobilität: Langfristig werden bei der Produktion, im Handel, bei Werkstätten Stellen wegfallen. Rund eine dreiviertel Million könnten es nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI Karlsruhe sein. Doch ebenso viele Jobs könnten in anderen Bereichen entstehen: bei der Produktion von E-Autos, im ÖPNV oder im Bereich Schiene, beispielsweise durch den Bau neuer Strecken und engere Taktungen.

Bis zum Jahr 2035 soll in Deutschland die Mobilität nachhaltiger werden – was auch bedeutet, dass weniger Autos auf den Straßen sind – halb so viele wie heute, haben die beiden Forscherinnen Luisa Sievers und Anna Grimm von Fraunhofer ISI in einem von mehreren Szenarien errechnet. Allerdings werden höchstens 15 Prozent aller Autos noch Verbrenner sein, 20 Prozent Plug-in-Hybride, alle anderen komplett elektrisch betriebene Fahrzeuge.

Nachhaltige Mobilität bedeutet also nicht nur den Bau neuer Antriebe, sondern einen kompletten Strukturwandel aller Branchen, die mit Mobilität zu tun haben – vom Fahrzeugbau über Transport-Dienstleistungen bis zur Digitalisierung.

Autonom auf drei Rädern: Das Rad ohne Fahrer

Es bewegt sich wie von Geisterhand gelenkt allein über Straßen und Plätze, erkennt Hindernisse und kommt schließlich ans Ziel. Dort wartet schon ein Mensch auf das autonome Rad, kann mit Muskelkraft oder mit Unterstützung des Elektromotors weiterradeln oder das Lastenrad beladen und alleine weiterschicken.

Bisher darf das Rad, das an der Universität Magdeburg entwickelt wurde, das Betriebsgelände noch nicht allein verlassen. Bevor es so weit ist, muss es alles gelernt haben, was im Straßenverkehr vorkommen kann: Ampeln, Schilder und Fahrbahnmarkierungen erkennen, Hindernisse umfahren, andere Verkehrsteilnehmer erkennen. Zur gleichen Zeit lernen seine Entwickler, wie das Fahrrad seine Umgebung „sieht“.

Geplant ist, das autonome Rad im öffentlichen Raum als Lastenrad einzusetzen, das auf Zuruf angefahren kommt – beispielsweise angefordert über eine App. Dies wird frühestens Ende 2022 der Fall sein.

Auto gegen ÖPNV gegen Rad – wer gewinnt?

Klar, das Auto ist schneller, das Rad dafür billiger und der ÖPNV entspannter. Oder doch nicht? Ein Vergleich: Der Mittelklasse-Wagen kostet monatlich rund 700 Euro, wenn man Fixkosten, Verbrauch, Wertverlust einrechnet. Das Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel kostet durchschnittlich 54,45 Euro pro Monat. Das Rad muss einmal angeschafft werden und hat gelegentlich eine kleine Reparatur. Die Kosten pro Monat sind minimal.

Dazu kommen noch die Kosten für die Allgemeinheit:

  • Luftverschmutzung,
  • Lärm,
  • Gesundheitskosten nach Unfällen.

Beim Auto sind dies elf Cent pro Kilometer, bei den „Öffis“ drei Cent, beim Fahrrad null Cent. Und wer glaubt, das Auto spare Zeit, denkt zu kurz: Um die gleiche Lebenserwartung zu haben wie der Radler, der sich gesund bewegt, müsste ein Autofahrer so viel Zeit in sportliche Bewegung investieren, dass er am Ende keine Zeit gespart hat. Dafür aber viel fürs Auto ausgegeben. Günstig kommen die ÖPNV-Nutzer weg, allerdings müssten auch sie Zeit für den Bewegungsausgleich einrechnen. Am billigsten und mit Abstand am gesündesten leben auf jeden Fall die Radler.

Groß, größer, SUV – oder doch lieber ein Camper?

Für die Deutschen ist das Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel – es spielt auch viel Gefühl mit. „Der Deutschen liebstes Kind“ – diese Bezeichnung trifft noch immer häufig zu. Zumindest ist es offenbar wichtig, ein Auto zu besitzen. Anfang 2020 waren in Deutschland 47,7 Millionen Autos zugelassen. Zum Vergleich: 1960 waren es noch 4,5 Millionen.

Und gleichzeitig ist die Größe der Blechkarossen gewachsen: Allein die Zahl der SUVs (Sport Utility Vehicles) mit ihren mehreren hundert PS und bis zu vier Tonnen Gewicht hat sich seit dem Jahr 2001 in Deutschland etwa verzehnfacht.

Doch neben groß, größer, SUV gibt es einen zweiten Trend, der zwar auch mit Größe, aber ansonsten mehr mit praktischem Denken zu tun hat: den Trend zum Camper, beziehungsweise Van. Der Camper hat alles, was zum Fahren und zum Übernachten, Kochen oder sogar Wohnen benötigt wird. Er ermöglicht eine Fahrt in den Urlaub oder Städtetrips, kurze Strecken vor Ort werden mit dem Rad zurückgelegt, das sich auf einen Radträger spannen lässt. Freiheit, Naturverbundenheit, entschleunigtes Reisen – die Camperszene wächst, und das quer durch alle Altersschichten. Ebenso wie der SUV ist der Camper nicht gerade billig: 60.000 bis 80.000 Euro kann er durchaus kosten. Dafür kommt er aber auch bei Außenstehenden gut an, denn Camper-Fahrer gelten als umweltbewusst – das bringt dem Riesengefährt und seinen Besitzern Sympathiepunkte.

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