Herbizide Glyphosat: Wundermittel oder Teufelszeug?

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Seit Jahren steht das weltweit am meisten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel in der Kritik. Glyphosat heißt der Wirkstoff, vor dem Umweltverbände warnen. Aber wie gefährlich ist der Stoff für Mensch und Umwelt? odysso hat recherchiert.

"Round up" ist der Handelsname des weltweit erfolgreichsten Unkrautvernichters. Glyphosat heißt der Wirkstoff. Fünfeinhalb tausend Tonnen des Herbizids landen jedes Jahr auf deutschen Äckern. Für Naturschützer ist Glyphosat ein rotes Tuch, ist gefährlich für Mensch und Umwelt.

Im Jahr 2013 veröffentlichte der B.U.N.D. sogar ein computeranimiertes Video, in dem Glyphosat auf eine Ackerkultur von Kindern gespritzt wurde. Der Film wurde zurückgezogen, nachdem Hersteller und Anwender wegen Verunglimpfung vor Gericht gezogen waren. Das Video gipfelte in der unheimlichen Feststellung: "Pestizide, hergestellt um zu töten".
Irgendwie erscheint der Satz lächerlich. Natürlich wird Unkrautvernichter gespritzt um Unkraut zu vernichten. Unkräuter sind Nahrungskonkurrenten der Nutzpflanzen. Sie sollen abgetötet werden. Um Kosten zu sparen und den Ertrag zu steigern. Das ist in der industriellen Landwirtschaft üblich. Aber ist Glyphosat vielleicht dennoch besonders gefährlich?

Glyphosat in Nahrungsmitteln und im Urin

Eine Frage, die man sich stellen muss. Schließlich finden sich tatsächlich schon Rückstände von Glyphosat im Mehl. Und damit im Brot und in Nudeln. Weil Futtermittel Rückstände von Glyphosat aufweisen gelangt Glyphosat auch schon in Milch und Käse. Die Stiftung Ökotest fand in drei viertel der untersuchten Nahrungsmittel Glyphosat-Rückstände. Besonders belastet sind Getreideprodukte. In Brötchen und Körnern gab es Höchstwerte von bis zu 0,12 Tausendstel Gramm pro Kilogramm.
Allerdings: Um über den EU-Grenzwert zu kommen müsste ein Erwachsener über 100 Kilo Brötchen am Tag futtern. Und der Grenzwert hat einen Sicherheitsabstand: in Fütterungsversuchen mit Ratten und Hunden ergaben sich auch bei einem anderthalb Tausendfachen des Grenzwertes keine Schäden. Und wer isst schon täglich 150 Tonnen Brot?

Tatsächlich ist Glyphosat für ein stark wirksames Herbizid ansonsten erstaunlich harmlos: Andere Herbizide verweilen länger im Boden, sind giftig und krebserregend bei Tieren. Glyphosat wurde anfang 2014 vom Bundesamt für Risikobewertung (BfR) geprüft. Für eine Neuzulassung in der EU wurden mehr als tausend neue Studien gesichtet, in denen das Herbizid auf eventuell schädliche Wirkungen hin untersucht wurde. Das BfR kommt zu dem Schluss: "Es gibt keine fachlich fundierten Hinweise auf mutagene, krebserzeugende, reproduktionsschädigende oder fruchtschädigende Eigenschaften."

Woher kommt dann die Angst der Umweltverbände? Warum wird Glyphosat regelmäßig in Schreckensszenarien dargestellt? Die Umweltverbände beziehen sich auf Studien, in den Glyphosat pur verfüttert oder in Adern von Tierembryonen injiziert wurde. Da verursachte Glyphosat Probleme. Und es gibt es Hinweise, dass bei Anwendern des Spritzmittels, die direkten Kontakt mit hohen Dosen Glyphosat hatten, Schäden auftreten können. Dieser Einschätzung entspricht auch eine Veröffentlichung in der wichtigen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet im Frühjahr 2015. Hier ist die Rede davon, dass eine krebserregende Wirkung von Glyphosat zumindest für Menschen, die als Anwender direkten Kontakt mit der Chemikalie haben, wahrscheinlich ist. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat daraufhin eine Warnung vor Glyphosat veröffentlicht. Mit den winzigen Spuren des Stoffes in Nahrungsmitteln - Bruchteile von Tausendstel Gramm pro Kilogramm Lebensmittel - hat das aber nichts zu tun.

Glyphosat ist tatsächlich fast nur für Pflanzen giftig. Weil Glyphosat ein Eiweißmolekül, ein Enzym blockiert, das ausschließlich im Stoffwechsel von grünen Pflanzen aktiv ist. Nach wenigen Tagen stirbt die Pflanze ab.

Aufgeregte Medienberichte

Deshalb ist es auch kein Grund für Panik, wenn Wissenschaftler mit modernster Analysetechnik Bruchteile von Millionstel Gramm Glyphosat in einem Liter Urin bei Menschen finden. Auch wenn es aufgeregte Medienberichte dazu gibt. Nach allem was man weiß, bewirkt Glyphosat in diesen Mengen im menschlichen Körper nichts.
Also Entwarnung auf ganzer Linie? Nein! Gefahren gibt es für die Umwelt: Für Fische und Amphibien ist Glyphosat giftig. Offenbar gibt es im Stoffwechsel dieser aquatischen Lebensformen eine problematische Wechselwirkung mit dem Herbizid. Es gibt Hinweise, dass Glyphosat für den weltweiten Rückgang der Amphibien verantwortlich sein könnte. Bei Kaulquappen verursachte injiziertes Glyphosat Missbildungen. Deshalb ist vom Hersteller des Spritzmittels ein Sicherheitsabstand zu Gewässern vorgeschrieben. Warnhinweise stehen auf der Verpackung. Nur: viele Landwirte halten sich nicht daran und kontrolliert wird kaum.

Richtlinien des ökologischen Landbaus befolgen

Ein weiteres Problem: Durch den ständigen Einsatz von Glyphosat kommt es zu Resistenzen. Es entstehen Wildkräuter, bei denen Glyphosat nicht mehr wirkt. Das gilt allerdings nicht nur für Glyphosat sondern für alle Pestizide. Das Problem ließe sich entschärfen, wenn Landwirte Richtlinien des ökologischen Landbaus befolgen und abwechselnde Fruchtfolgen einhalten würden. Wenn immer wieder andere Pflanzen kultiviert und unterschiedliche Unkrautbekämpfungsmittel angewendet werden, bilden sich kaum resistente Unkräuter.
Außerdem müssen neben der industriellen Landwirtschaft Ausgleichsflächen angeboten werden. Auch das vermindert die Gefahr, dass sich Resistenzen entwickeln, da sich die Wildpflanzen hier ungestört entwickeln können. Wie auch Insekten und andere Tiere. Und das ist schon für sich genommen ein erstrebenswertes Ziel. Ohne Ausgleichsflächen bedrohen Unkrautvernichter wie Glyphosat die Artenvielfalt. Und ohne Artenvielfalt gibt’s keine gesunden Ökosysteme.

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