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Placebos wirken, weil Patienten an ihre Wirkung glauben. Was passiert dabei im Gehirn und hilft auch religiöser Glaube bei der Bewältigung von Krankheiten?

Jedes Jahr pilgern vier bis sechs Millionen Menschen zur katholischen Wallfahrtsstätte Lourdes in Südfrankreich. Viele von ihnen erhoffen sich von der Heiligen Quelle unter der Kathedrale Heilung für ihre Erkrankungen. Von den 7.000 Spontanheilungen, die der Katholischen Kirche seit Beginn der Heiligenanbetung dort gemeldet wurden, hat sie gerade mal 70 anerkannt. Mit der „Heiligen Heilung“, der Heilung durch den Glauben, hat sich der Religionspsychologe Dr. Sebastian Murken intensiv auseinandergesetzt.

Er ging der Frage nach, welchen Stellenwert die Religiosität bei der Bewältigung und Verarbeitung eines kritischen Lebensereignisses hat. 198 Brustkrebspatientinnen nahmen an der konfessionsübergreifenden Studie teil. Die Ergebnisse überraschten die Forscher. Für fast 85 % der Patientinnen war Religiosität sehr wichtig. Zwei Drittel aller Patientinnen gaben an, dass sie ihren Glauben in den Versuch, mit ihrer Krankheit klarzukommen, mit einbezogen. Abhängig von der Stärke der Glaubensüberzeugung ließen sich im Einzelfall bis zu 30 % der Varianz in der psychologischen Anpassung an die Erkrankung durch die persönliche Religiosität erklären.

Sebastian Murken: „Der Glaube kann in diesem Fall Kontrollierbarkeit, Vorhersehbarkeit, wieder gewinnen lassen. Indem ich die Überzeugung habe, da ist eine höhere Macht, da ist ein Jesus, da ist ein Gott, der hilft, wird das Unkontrollierbare etwas kontrollierbarer. Wenn ich bete, wenn ich bestimmte Rituale ausführen, wenn ich eine Gemeinschaft habe, die mich unterstützt, gewinne ich neue Zuversicht.“

Totale Meditationsraum mit Buddhafigur und betender Patientin (Foto: SWR)
ehemalige Brustkrebspatientin Chantal Tessmann-Wagner beim Gebet

Glaube unterstützt innere Stärke

Chantal Tessmann-Wagner aus Saarbrücken war zwar nicht Teil der Studie des Religionspsychologen. Doch sie hätte hervorragend hineingepasst. Chantal Tessmann-Wagner ist eigentlich als Informatikerin eher sachlich orientiert. Doch schon als Kind war sie gläubig und spirituell interessiert. Mit Anfang zwanzig wandte sie sich zusätzlich zum christlichen Glauben auch dem Buddhismus zu. Vor zwei Jahren dann der Schock, sie erkrankte an Brustkrebs: „Es zog mir den Boden unter den Füssen weg. Es war, als ob es keine Ausweichmöglichkeiten mehr gibt. Ich hatte Angst um mein Leben. Und war aber auch gleich verbunden mit meinem inneren Urvertrauen, dass alles gut wird. Das gab mir sehr viel Kraft. Ich habe in der Zeit sehr viel gebetet.“

Chantal Tessmann-Wagner schöpft aus ihrem tiefen Glauben Kraft. Sie kämpft, informiert sich und findet zusätzlich zur herkömmlichen Behandlungsmethode durch Operation und Medikamente eine Antikörpertherapie. Alles zusammen hilft. Sie übersteht den Krebs, bevor er Metastasen bildet. „Ich habe in der ganzen Zeit sehr viel Liebe um mich herum gehabt von meinem Partner, meinen Freunden. Das war natürlich eine ganz wichtige Energie. Und mein Glaube war immer für mich da. Ich bin direkt vor der Diagnose in eine Kirche gegangen und habe gebetet. Da hat eine innere Stimme gesagt, gib Dich hin und es wird alles gut werden.“

Mittlerweile arbeitet Chantal Tessmann-Wagner als Coach für Menschen in schwierigen Lebenssituationen, möchte einen Teil ihrer Kraft und ihres Glaubens weitergeben an andere Menschen.

Anzünden einer Kerze in der Kirche – wie Glaube die Heilung unterstützen kann (Foto: SWR)
Glaube hilft in Krisensituationen und unterstützt die Heilung

Glaube und Placebo-Effekt

Die vom Arzt verordnete Medizin oder Behandlung ist nur ein Teil des Heilungsprozesses“, sagt Ulrike Bingel, Professorin für Neurologie an der Universitätsklinik Essen. Seit Jahren erforschen sie und ihr Team die Heilung aus dem Inneren. „Ich spreche nicht so gern von Placebo-Effekt, das hat immer auch etwas von Täuschung. Wir bevorzugen den Begriff Erwartungseffekt.“ Hier findet sich auch das Bindeglied zwischen Glaube und Gesundheit. Denn dem Erwartungseffekt liegen messbare körperliche Vorgänge zu Grunde, die sich in immunologischen Veränderungen, der Hirnaktivität, dem Hormonsystem oder auch einfach nur im persönlichen Schmerzempfinden des Patienten messen lassen.

Prof. Ulrike Bingel: „Grundsätzlich scheinen diese Effekte umso stärker zu sein, um so subjektiver das Symptom ist. Schmerz, Müdigkeit, Depressivität scheinen stärker empfänglich zu sein für den Erwartungseffekt als selbst physiologische Krankheitszeichen, wie die Ausschüttung von Wachstumshormonen, das Immunsystem, oder wie schnell das Herz schlägt.“

Die Forschungsgruppe ist sich einig darüber, dass Glaube im Sinne von Überzeugung und Erwartung bezüglich der Erkrankung den Verlauf und die individuelle Krankheitsverarbeitung sowie das Auftreten von Nebenwirkungen stark beeinflussen kann. „Jedoch „Heilung in dem Sinne, dass es eine schwere Grunderkrankung einfach weg putzt gibt es nicht“, so Bingel.

Prof. Ulrike Bingel bei der Durchführung einer Studie zum Placebo-Effekt (Foto: SWR)
Neurologin Prof. Ulrike Bingel erforscht den Placebo-Effekt

Linktipps:

Wissenschaftliche Untersuchung/Studie zu Religiosität und psychischer Gesundheit von Religionspsychologe Prof. Sebastian Murken)

Studie von Neurologin Prof. Ulrike Bingel, Universitätsklinik Essen: Placebo 2.0: Der Einfluss der Erwartungen auf das Ergebnis der analgetischen Behandlung

Internetpräsenz ehemalige Brustkrebspatientin Chantal Tessmann

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