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Diabetes-Warnhunde sollen bemerken, wenn der Blutzucker gefährlich schwankt. Ein Hund als Lebensretter bei Diabetes: Geht das? Auch wenn Diabetes-Warnhunde eher treffsicher als zufällig warnen, die Technik sollten sie nie ersetzen.

Weil ihr Körper den Blutzuckerspiegel nicht allein im Gleichgewicht halten kann, müssen Menschen mit Diabetes darauf achten, dass ihre Blutzuckerwerte weder zu hoch noch zu niedrig sind. Eine große Verantwortung, denn entgleist der Blutzucker schwer, kann das lebensbedrohlich sein.

Kosten für Ausbildung von Diabetes-Warnhunden werden nicht bezahlt

Speziell ausgebildete Hunde, sogenannte Diabetes-Warnhunde, sollen in so einem Notfall Hilfe holen – und noch besser: sie sollen bereits frühzeitig warnen, wenn der Blutzucker ihrer Besitzer oder Besitzerinnen leicht abweicht, so dass es gar nicht erst zum Notfall kommt. Obwohl man seit 2010 Diabetes-Warnhunde und ihre Fähigkeit, Veränderungen im menschlichen Körper wahrzunehmen, intensiv erforscht, zeigen Studien vor allem eines: Dass man sich nicht allein auf einen Diabetes-Warnhund verlassen sollte.

Eine einheitliche Ausbildung für Diabetes-Warnhunde gibt es nicht, geschweige denn anerkannte Empfehlungen für eine spezielle Hunderasse oder ein Alter, in dem die Hunde ausgebildet werden können. In Deutschland sind Diabetes-Warnhunde als Assistenzhunde nicht offiziell anerkannt, wie es zum Beispiel Blindenführhunde sind. Die Ausbildung zahlt man aus eigener Tasche. Die Krankenkassen übernehmen keine Kosten – die können von wenigen hundert bis mehreren tausend Euro reichen.

Nicht alle Hunde eignen sich zur Ausbildung als Diabetes-Warnhund. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Nicht alle Hunde eignen sich zur Ausbildung als Diabetes-Warnhund. SWR/ Uta Schindler

Diabetes-Warnhund: Ausbildung auf Verdacht

Viele Hundetrainer oder -trainerinnen bilden Diabetes-Warnhunde nach dem Prinzip der sogenannten operanten Konditionierung aus. Warnt ein Hund zuverlässig, erhält er eine Belohnung. Die Belohnung verstärkt das Warn-Verhalten des Hundes: Sobald ihm etwas unterkommt, das er mit dem Trainingssituation verknüpft, warnt er – weil er dieses Verhalten mit Belohnung verbindet.

Dabei wird meist mit Proben gearbeitet, zum Beispiel einem Kleidungsstück, das während einer Unterzuckerung getragen wurde und dementsprechend für den Hund nach der Blutzuckerentgleisung riechen soll.
Das scheint zu funktionieren, auch wenn man hier eigentlich auf Verdacht trainiert. Denn wie die Hunde die Blutzuckerschwankungen überhaupt wahrnehmen, ist unklar.

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, wie die Hunde bemerken, wenn der Blutzuckerspiegel ihrer Besitzer oder Besitzerinnen aus dem Normbereich rutscht:
• über Geruch (wie Atem, Schweiß, Speichel, Exkremente),
• und/oder eine Verhaltensänderung, die seh- und/oder hörbar ist – wie Schweißperlen auf der Haut, ein Zittern in der Stimme oder fahriges Verhalten.

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, wie Hunde erkennen, dass der Blutzuckerspiegel eines Menschen aus dem Normbereich fällt. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, wie Hunde erkennen, dass der Blutzuckerspiegel eines Menschen aus dem Normbereich fällt. SWR/ Uta Schindler

Rekordverdächtige Hundenasen

Hunde besitzen ein außerordentliches Riechvermögen: im Vergleich zu uns Menschen sollen sie zehn bis hunderttausendmal so gut Gerüche wahrnehmen können, auch wenn das nicht für alle Arten von Geruchsmolekülen gilt. Trotzdem sucht die Geruchswahrnehmung von Hunden ihresgleichen. Zu was die Hundenase fähig ist? Hier ein Größenvergleich: In einem Volumen von zwanzig Olympia-Schwimmbecken (in eines davon passen rund 2.500.000 Liter) könnte die Hundenase etwa einen Tropfen problemlos aufspüren.

Auch wenn Diabetes-Warnhunde eher treffsicher als zufällig warnen, Hunde haben feine Nasen und können vermutlich den speziellen Geruchscocktail in der Atemluft des Menschen erkennen. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Hunde haben feine Nasen und können vermutlich den speziellen Geruchscocktail in der Atemluft des Menschen erkennen. SWR/ Uta Schindler

Geruchscocktail in der Atemluft des Menschen

Wissenschaftler vermuten, dass Hunde krankheitsbedingte, chemische Veränderungen im menschlichen Körper über Moleküle in der Atemluft riechen. Wie geht das? Was wir ausatmen, besteht zu 78 Prozent aus Stickstoff, zu 17 Prozent aus Sauerstoff, aus etwa 4 Prozent Kohlenstoffdioxid (CO₂), sowie zu rund einem Prozent aus anderen Bestandteilen. Dieses eine Prozent hat es allerdings in sich: Darin finden sich mehrere hunderte bis tausend sogenannte flüchtige organische Verbindungen. An ihnen lassen sich Stoffwechselveränderungen ablesen – auch krankheitsbedingte.

Der Molekülcocktail in der Atemluft ist ein einzigartiges Indiz, so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Man geht davon aus, dass Hunde Diabetes-bedingte Veränderungen - wie die Blutzuckerschwankungen - über diesen Geruchscocktail in der Atemluft des Menschen erkennen können - noch bevor sich erste Symptome zeigen.
Welche flüchtigen Moleküle den Blutzucker verraten, weiß man bislang noch nicht. Wahrscheinlich sind es eine ganze Reihe und die in einer bestimmten Zusammensetzung, unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.

Welches Geruchsanteile bei Diabetes Hinweise auf eine Unterzuckerung geben können, wird derzeit noch erforscht. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Welches Geruchsanteile bei Diabetes Hinweise auf eine Unterzuckerung geben können, wird derzeit noch erforscht. SWR/ Uta Schindler

Wo Hunde die Technik schlagen

Alarm schlagen, wenn die Zuckerwerte entgleisen. Dafür gibt es auch Technik: die sogenannte kontinuierliche Glukosemessung. Ein Sensor, der unter der Haut sitzt und alle paar Minuten den Zucker im Gewebe misst. Tatsächlich scheinen Diabetes-Warnhunde hier die Nase bisweilen vorn zu haben – manchmal, so berichten Halter und Trainerinnen, warnen sie eher als der Sensor.

Erklären lässt sich das vielleicht so: Der Gewebezucker hinkt dem Blutzucker 5 bis 25 Minuten hinterher – er ist kein Echtzeitwert. Im Blut kann also schon eine Unterzuckerung vorliegen, bis die auch im Gewebe angekommen ist, dauert es aber. Möglicherweise sind die Stoffwechselveränderungen vergleichsweise schneller an und in der Atemluft. Noch ist aber die direkte Blutzuckermessung mittels Pieks der beste Standard, um exakt zu messen. Im besten Fall ergänzt ein Diabetes-Warnhund das technischen Equipment.

Was diese Technik allerdings nicht vermag: Menschen, die einen Diabetes-Warnhund besitzen, fühlen sich beschützt, gleichzeitig unabhängiger und sie bewegen sich regelmäßig – Gassi-Gehen sei dank.

Manche Diabetes-Warnhunde können einen kritischen Blutzuckerspiegel relativ zuverlässig erschnüffeln. Aber Diabetiker sollten sich darauf nicht allein verlassen. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Manche Diabetes-Warnhunde können einen kritischen Blutzuckerspiegel relativ zuverlässig erschnüffeln. Aber Diabetiker sollten sich darauf nicht allein verlassen. SWR/ Uta Schindler

Zuverlässigkeit von Diabetes-Warnhunden: von sehr gut bis mangelhaft


Seit 2010 sind viele Studien angetreten, um herauszufinden, wie zuverlässig ausgebildete Hunde vor Blutzuckerentgleisungen warnen. Einige dieser Studien sind bereits in ihrem Aufbau durchaus fragwürdig: Mal testete man nur wenige Hunde, mal waren die Wissenschaftler selbst Hundetrainer. Trotzdem scheinen die Hunde nicht zufällig anzuschlagen.

Wahrscheinlich ist, dass bestimmte Hunderassen sich eher für den Job als Diabetes-Warnhund eignen als andere. Noch wahrscheinlicher, dass ein Hund eine bestimmte Veranlagung, einen gewissen Charakter und oder spezielles Talent haben muss, um als zuverlässiger Warnhund zu bestehen.

Laut einer aktuellen Studie von 2019 warnen einige Hunde sehr zuverlässig, andere kaum: sie erkannten nur etwas mehr als die Hälfte der Unterzuckerungen. Ein ernüchterndes Ergebnis, das zeigt: Auch wenn die Hunde eher treffsicher als zufällig warnen, sie können die Technik nicht ersetzen. Wer sich ausschließlich auf einen Diabetes-Warnhund verlässt, riskiert sein Leben.

Ein  Diabetes-Warnhund gibt seinem Besitzer oder seiner Besitzerin vielleicht eine gewisse Sicherheit, die regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels mit technischen MItteln kann ein Hund aber nicht ersetzen. (Foto: SWR, SWR/ Uta Schindler)
Ein Diabetes-Warnhund gibt seinem Besitzer oder seiner Besitzerin vielleicht eine gewisse Sicherheit, die regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels mit technischen MItteln kann ein Hund aber nicht ersetzen. SWR/ Uta Schindler


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