STAND
AUTOR/IN

Die Ursache für Muskel- und Gelenkschmerzen liegt oft in jahrelanger Fehlbelastung des Körpers: Durch Gangdiagnostik lernen Patienten, die richtigen Muskelketten im Bewegungsablauf anzusteuern – mit erstaunlichen Resultaten.

Standarduntersuchung im Liegen

„Legen Sie sich doch mal hin.“, sagt der Orthopäde zumeist, wenn Patienten mit Schmerzen, zum Beispiel im Knie, vorsprechen. Die Untersuchung findet dann vor allem im Liegen statt. Vielleicht wird noch ein Röntgenbild oder ein MRT verordnet. All das ist sinnvoll – aber hat der Facharzt seinem Patienten auch mal aufmerksam beim Gehen zugeschaut, also in der Situation, in der die Schmerzen vor allem auftauchen? Oft eben nicht. Und damit fehlt ein wichtiges Element für die Diagnose: Den ganzen Körper beim Bewegungsablauf, das Zusammenspiel der Muskelketten zu betrachten. „Gangdiagnostik“ heißt die Disziplin, durch die Experten die eigentlichen Ursachen orthopädischer und muskulärer Probleme analysieren.

Gangdiagnostikerin Kirsten Götz-Neumann (Foto: SWR)
Gangdiagnostikerin Kirsten Götz-Neumann

Gehen sehen und verstehen

Der Programmtitel „Gehen verstehen“ bringt die Arbeit von Kirsten Götz-Neumann auf den Punkt: Ihre Patienten sollen sehen und verstehen, wo ihre Probleme herkommen. Deshalb ist die Videoanalyse des Gehens für die deutsche Gangdiagnostikerin, die in Los Angeles lebt, so wichtig: Der Patient sieht dann selbst, dass beim Gehen seine Ferse nicht abhebt, oder der Körper nach vorne oder hinten geneigt ist. Obwohl doch eigentlich das Knie wehtut, ist dort, so Götz-Neumann „biomechanisch häufig nicht die Ursache zu finden. Das Kniegelenk wird ja von sehr vielen anderen Stellen im Körper gelenkt.“ Die Probleme kämen häufig von der Hüfte, von der die Bewegungssteuerung des Knies ausgeht. Das Knie – scheinbar „Täter“ - ist dann eigentlich das „Opfer“ einer vernachlässigten Hüftmuskulatur. Akribisch hat Kirsten Götz-Neumann als Teil einer Forschungsgemeinschaft die neuro-muskulären Aktivierungsmuster beim Gehen untersucht.

Welche Muskelketten sind aktiviert?  (Foto: SWR)
Welche Muskelketten sind aktiviert?

Häufige Ursache: Schwache Hüftmuskulatur

Das Programm findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Dr. Gereon Schädler, Chefarzt an der Josefinum-Kinderneurologie in Augsburg, knipst seit Jahren routiniert die Videokamera für die Gangdiagnostik an. Er sagt: „Ich schaue jetzt ganz anders auf Muskelketten, auf Kraftentfaltung, Schwerkraftfolgen, als ich das jemals gelernt habe.“ In seinem ganzen Medizinstudium sei das überhaupt nicht vorgekommen.

Eine seiner Patientinnen, Lucia, heute sieben Jahre alt, konnte wegen einer Rückenmarksfehlbildung ohne Hilfe keinen Schritt gehen. Auch hier half der genaue Blick auf die biomechanischen Abläufe, um bei ihr die richtigen Muskelketten zu aktivieren. Jahrelanges Feintuning in kleinen Schritten: Üben, mit der Ferse aufzutreten, die Beine beim Gehen zu strecken. Physiotherapie für die schwache Hüftmuskulatur, durch die das Kniegelenk falsch angesteuert wurde und immer einknickte.

Dr. Gereon Schädler mit Patientin  (Foto: SWR)
Dr. Gereon Schädler mit Patientin

Passive und aktive Stoßdämpfung

Auch Laura, heute 13 Jahre alt, wird wegen ihrer spastischen Lähmung wohl niemals laufen lernen - das sagten die Ärzte, als sie fünf war. Bei Dr. Schädler ging es dann aber auch bei ihr voran: Ihre nach vorne gebeugte Körperhaltung blockierte sie. Also arbeitete der Kinderarzt konsequent daran, sie „in die aufrechte Körperposition zu bringen, so dass sie weniger Kraft brauchte und so das freie Laufen lernen konnte.“ Fehlbelastungen, Dysbalancen im motorischen Ablauf bedeuten meist: überflüssiger Kraftaufwand und Verschleiß. Kirsten Götz-Neumann spricht vom Grundübel der „passiven Stoßdämpfung“ beim Gehen: Dann fangen „Menisken, Bandscheiben, den Aufprall ab. Bei „fünf- bis zehntausend Schritten am Tag nicht so lustig ist fürs Gelenk...“ Statt der Muskeln übernehmen dann passive Strukturen, oft Knorpel, die Stoßdämpfung. Diese fangen an zu verschleißen bis auch die schmerzempfindliche Knochenhaut leidet.

Bei der aktiven Stoßdämpfung dagegen federn die dafür vorgesehenen Muskeln die Schritte ab. Doch wer weiß schon, welche Muskeln er gerade benutzt? Zusätzlich zur Videoanalyse ist „Biofeedback“ nützlich. Messgeräte visualisieren den Patienten, welche Muskelketten sie aktuell nutzten – und mit welchen sie sich aktiver und belastungsfreier bewegen. Gehen beginnt eben im Kopf.

Biofeedback zeigt Fehler auf (Foto: SWR)
Biofeedback zeigt Fehler auf

Kompetenzzentren für Gangdiagnostik

Und der Kopf ist auch gefordert bei Fachärzten und Physiotherapeuten, die nach dem „Gehen verstehen“-Programm arbeiten wollen: Sie müssen büffeln: Bewegungslehre, Gangphasen und -abweichungen, neuromuskuläre Aktivitäten, Patientenmotivation - das volle Programm. Die Therapeutin und ihre Gemeinschaft fördern auch interdisziplinäre Kompetenzzentren, in denen Ärzte, Physiotherapeuten und Orthopädietechniker an einem Strang ziehen. Und wo Patienten konsequent miteinbezogen und motiviert werden. Große Pläne. Der Weg ist dabei für Kirsten Götz-Neumann das Ziel. Akribische professionelle Gangdiagnostik hat schon viele Patienten, für die der Rollstuhl alternativlos schien, auf die Beine gebracht. Auch Kirsten Götz-Neumann kann keine Wunder bewirken - aber man glaubt ihr gern, dass es faszinierend ist – und auch Spaß machen kann - gehen wirklich zu verstehen.

Patienten durch Videoanalyse einbeziehen  (Foto: SWR)
Patienten durch Videoanalyse einbeziehen

Literaturtipps:

Gehen verstehen. Ganganalyse in der Physiotherapie, 4. Aufl. 2015, 216 S., Verlag Thieme, ISBN: 9783131655547, als Buch oder EBook, 61,99 €

Adressen:

Gehen Verstehen® O.G.I.G.
Kirsten Götz-Neumann
Martinstr. 42
40223 Düsseldorf

Tel. 0049(0)3685 / 68 24 18

E-Mail: kirsten@gehen-verstehen.net

Dr. Gereon Schädler

KJF Klinik Josefinum, Neuropädiatrie

Kapellenstraße 30
86154 Augsburg

Tel. 0821 2412 - 0

Patientenkontakt telefonisch und online:

https://www.josefinum.de/fachbereiche-experten/kinder-jugendmedizin/neuropaediatrie/?L=0

STAND
AUTOR/IN