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Weltweit werden pro Jahr 400 Millionen Tonnen Plastik produziert. Gut ein Drittel davon landet kurz danach im Abfall. odysso zeigt, was mit dem Müll aus dem Gelben Sack passiert und wie die Plastikflut der Umwelt schadet.

Kunststoffprodukte und -verpackungen sind leicht, billig, praktisch – und ein Riesenproblem. Plastik vermüllt weltweit die Umwelt, es gelangt in den Körper und macht uns krank.

Grüner Punkt: Wenig Recycling, viel Müll

Im Müll steckt zu viel Plastik – eigentlich ein Wertstoff, der zu neuen Produkten verarbeitet werden könnte. Doch bis 1991 landete er schlicht auf der Deponie oder in der Müllverbrennung. Um den Kunststoff recyceln zu können und die Plastikflut einzudämmen, führte Deutschland 1991 den „Grünen Punkt“ ein. Der Verpackungsmüll sollte gar nicht erst im Restmüll landen, sondern schon vorher aussortiert werden. Und so sammelten die Deutschen ab sofort ihren Verpackungsmüll in gelben Säcken und Tonnen.

Weniger Plastikmüll fiel seither nicht an – im Gegenteil. Und auch 30 Jahre nach Einführung der Verpackungsordnung plagen sich die Entsorgungsunternehmen mit Fehlwürfen, sprich: Müll, der in gelbem Sack oder gelber Tonne nichts zu suchen hat. Glasflaschen, Papier, Restmüll, Bauschutt, Hartplastikteile verunreinigen die wiederverwertbaren Stoffe – sie machen bis zu einem Drittel der gesamten Menge aus. Im Hausmüll wiederum findet sich Verpackungsmüll, der eigentlich ins Recycling gehört.

Und auch das Recycling lässt zu wünschen übrig: Rund die Hälfte des gesammelten Materials landet in der Müllverbrennung. Mehr als ein Zehntel geht in den Export. Nicht einmal ein Viertel wird tatsächlich recycelt und kommt wieder in den Kreislauf. Die vorgegebene Recyclingquote liegt derzeit bei fast 60 Prozent. Das sagt aber nicht viel. Denn bislang gilt offiziell schon das als „recycelt“, was in die Recycling-Anlage eingeht – und nicht das, was nachher rauskommt. Heißt: Fehlwürfe oder nicht verwertbare Verpackungen, die später verbrannt werden, zählen in der Statistik als „recycelt“.

Recyclingprodukte aus Kunststoffmüll

Die Granulate, sogenannte Rezyklate, die aus weggeworfenen Verpackungen gewonnen werden können, sind wertvolle Rohstoffe. PET (Polyethylenterephthalat) beispielsweise, das für Getränkeflaschen verwendet wird, wird geschreddert, gesäubert, getrocknet und schließlich nach Farben sortiert. All dies geschieht vollautomatisch; am Ende sind farbige Granulat-Körnchen übrig, die in der Industrie eingeschmolzen und zu neuen Verpackungen verarbeitet werden. Das spart jede Menge Rohöl, das sonst bei der Neuproduktion von Kunststoff anfällt: circa zwei Tonnen Öl pro Tonne Kunststoff. Und es spart CO2 ein, das bei Ölförderung und Transport verursacht wird.

Doch eines spart hochwertiges Recycling-Material nicht: Geld. Solange der Ölpreis niedrig ist, ist die Neuproduktion von Kunststoff billiger als die Wiederverwertung. Matthias Franke vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik wünscht sich daher eine sogenannte Rezyklatquote, die die Industrie verpflichten würde, mehr gebrauchten Kunststoff zu verwenden.

Auch Wertstoffe, aus denen kein solch hochwertiges Material hergestellt werden kann, können sinnvoll im Material-Kreislauf verwendet werden. Mischkunststoffe, die aus verschiedenen Verpackungsmaterialien bestehen, werden zu völlig neuen Produkten verarbeitet. Diese Verwendung wird als „Downcycling“ bezeichnet.

Was ist eigentlich Plastik?

„Plastik“ steht umgangssprachlich für Kunststoffe. Diese bestehen aus sogenannten Polymeren. Das sind lange Aneinanderreihungen von Makromolekülen, die wiederum aus Grundbausteinen bestehen, die sich immer wiederholen. Um künstliche Polymere für Kunststoff zu erzeugen, wird meist Erdöl verwendet. In den Kunststoffen steckt vor allem Kohlenstoff – sie sind jedoch nicht biologisch abbaubar, sondern zersetzen sich und zerfallen in winzige Teile, die in die Umwelt gelangen. Den meisten Kunststoffen wird bei der Herstellung außerdem ein Additiv zugesetzt; dies sind beispielsweise Weichmacher, Füllstoffe, Stabilisatoren, Färbemittel und andere.

Polymere, also sich wiederholende Molekülgruppen, gibt es auch in der Natur: Zellulose, Insektenpanzer, Seide oder Haare gehören dazu. Sie sind, im Gegensatz zu künstlichen Polymeren, biologisch abbaubar.

Plastik beherrscht den Alltag

Ohne Plastik geht im Alltag kaum noch etwas: Plastik steckt in Haushaltsgeräten, in Verpackungen, in Autos, in Baumaterial. Rund 20 Millionen Tonnen Kunststoff werden jährlich in Deutschland produziert; davon bleiben etwa zwölf Millionen im Land. In Herstellung und Verarbeitung sind mehr als 400 000 Menschen beschäftigt.

Plastik hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Bereiche erobert: Autos bestehen heute zu etwa 30 Prozent aus Kunststoff – leichter sind sie deshalb nicht geworden. In der Bauindustrie werden inzwischen jährlich drei Millionen Tonnen Kunststoff verbaut – als Isolierungen, Rohre etc. Und Konsument*innen greifen so gut wie bei jedem Einkauf zum Plastik: pro Kopf werden durchschnittlich 47 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr gekauft. Dazu kommen Produkte mit hohem Plastikanteil wie Kleingeräte und Körperpflegeprodukte. Ergibt rund fünf Millionen Kunststoffmüll, der jährlich in Recycling, auf Deponien oder in die Verbrennung wandern.

Dass eine Welt ohne Plastik durchaus funktioniert, zeigt ein Blick in die neuere (Plastik-)Geschichte: Noch im Jahr 1950 spielte Plastik im Alltag kaum eine Rolle. Verwendet wurden Naturmaterialien und wiederverwendbare Verpackungen. Heute werden pro Jahr weltweit über 400 Millionen Tonnen Kunststoff hergestellt, Tendenz steigend. Nicht einmal ein Zehntel des jemals produzierten Plastiks ist bislang recycelt worden. Und mehr als die Hälfte des jemals hergestellten Kunststoffs wurde allein in den vergangenen 20 Jahren produziert.

Der Siegeszug des Kunststoffs

Während heute Naturmaterialien wieder „in“ sind, war in den 1950er Jahren Kunststoff der letzte Schrei. Leicht, bunt, formbar, praktisch – Designer*innen stürzten sich ebenso auf den neuen Stoff ebenso wie die Verbraucher*innen. Verkehrsmittel, Wohnen, Kleidung – und eben auch Verpackungen wandelten sich.

Doch der Kunststoff-Verbrauch, oder besser die Hinterlassenschaften aus Plastik, wurden bald zum Problem. Die Politik setzte auf Mülltrennung und Recycling, die Plastikmüllberge wachsen jedoch bis heute. Und die Corona-Pandemie verstärkte den Trend noch einmal: Rund zehn Prozent mehr Verpackungsmüll fielen in deutschen Haushalten nach März 2020 an – verursacht durch mehr Mitnahme-Essen und mehr in Plastik verpackte Produkte im Supermarkt.

Mikroplastik im Rhein

Plastik findet sich inzwischen überall – auch im Wasser, das wir nutzen. Winzige Partikel aus Kunststoff gelangen in Bäche und Flüsse, beispielsweise den Rhein. Zu sehen sind die Kunststoffteilchen teils mit bloßem Auge: millimetergroße Stückchen aus zersetztem Plastikmüll oder Kunststoff-Kügelchen aus Reinigungsmitteln. Dieses Mikroplastik fand Umweltwissenschaftler Thomas Mani von der Uni Basel auch im Rhein: Plastikteilchen finden sich im gesamten Fluss, besonders viele allerdings in Nordrhein-Westfalen. Im Rhein zwischen Köln und holländischer Grenze waren es besonders die Mikro-Kügelchen aus der Industrie, die dem Wissenschaftler ins Netz gingen.

Forscherinnen der Technischen Hochschule Aachen und der Bundesanstalt für Gewässerkunde machten die Mikrokügelchen vor allem im ufernahen Sediment des Rheins ausfindig. Ein Teil befand sich jedoch auch am Grund des Flusses in der Flussrinne und an der Wasseroberfläche. Was bisher noch nicht erforscht ist, ist der Weg des Mikroplastiks ins Meer. Wie viel winzig kleine Plastikteilchen über die Flüsse in die Meere kommen und so über Tiere in die Nahrungskette, wird gerade erst erforscht.

Weichmacher im Menschen

Weichmacher gehören auch zu den Stoffen, die wir zwar nicht bemerken, die aber allgegenwärtig sind: in Turnschuhen zum Beispiel und eben auch in Verpackungen. Wer viele in Plastik verpackte Lebensmittel kauft und viel Fast Food isst, nimmt entsprechend viele Weichmacher auf.

Ein Test, begleitet vom Umweltbundesamt, zeigt: Auch eine Familie, die darauf achtet, wenige Lebensmittel in Plastikverpackungen zu kaufen, weist eine Belastung durch Weichmacher auf. Und darunter sind nicht nur die Weichmacher, die in Deutschland erlaubt sind. Denn in Import-Produkten aus Kunststoff finden sich noch heute Substanzen, die bei uns längst verboten sind.

Weichmacher bleiben nicht im Produkt, sondern dünsten aus und verbreiten sich in der Raumluft. Außerdem sind sie fettlöslich und können so direkt von der Verpackung, beispielsweise der Plastikverpackung von Wurst oder Käse, ins fetthaltige Lebensmittel wandern.

Problematisch sind Weichmacher, da sie im Körper wie Hormone wirken und verschiedene Erkrankungen auslösen können: Krebserkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Neurodermitis gehören dazu. Kinder haben übrigens eine Weichmacher-Belastung, die zwei- bis fünfmal höher ist als bei Erwachsenen.

Weniger Plastik im Alltag

Mülltrennung und Recycling sind nützlich, doch gegen die weltweite Plastikflut hilft nur: Müllvermeidung. Dazu kann jeder im Alltag beitragen – schon beim Einkauf. Viele Supermärkte bieten bereits unverpacktes Obst und Gemüse an. Wer lose Ware kauft, muss dafür lediglich einige dünne Stoffnetze bei sich haben. Das erspart die Verpackung und der Kunde bestimmt selbst, wie viele Äpfel oder Möhren er einpackt. Die Alternative ist der Einkauf auf dem Wochenmarkt – dort ist alles unverpackt.

Selbst bei Duschgel und Shampoo ist eine Verpackung überflüssig – solange beides in fester Form verkauft wird, beispielsweise im Unverpackt-Laden oder in der Drogerie.

Einweg-Kaffeebecher verursachen inzwischen riesige Müllberge. Wer den eigenen Thermosbecher mitbringt und das Essen in der Lunchbox hat statt in der gekauften Einweg-Verpackung, trägt dazu bei, den Müllberg zu reduzieren. Es sind die Kleinigkeiten im Alltag, die in der Summe helfen, die Plastikvermüllung zu stoppen.

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